Wer Miro Schluroff nach dessen getaner Arbeit in die Augen blickt, sieht dort vor allem zwei Dinge: Freude und Stolz. Der deutsche Rückraumspieler ist einfach nur froh, dass ihn sein steiler Aufstieg nach einem etwas längeren Anlauf als Handballer nun zur Europameisterschaft geführt hat. Und dass er dort auch noch gleich in die Rolle des wurfgewaltigen Schützen geschlüpft ist, macht diesen Entwicklungsschritt für ihn umso schöner.

Mit 25 Jahren ist der Mann vom VfL Gummersbach so etwas wie ein Spätberufener seiner Branche. Beim 34:22-Sieg gegen Spanien zum Abschluss der Vorrunde im dänischen Herning absolvierte er gerade mal sein elftes Länderspiel. Zwar durfte er sein Können in dieser Partie nur kurz beweisen, aber für die am Donnerstag (15.30 Uhr, Dyn/ARD und im WELT-Liveticker) mit der Begegnung gegen Portugal startende Hauptrunde könnte er der große Hoffnungsträger im deutschen Tross werden. Denn niemand wirft bei der EM bislang so hart wie Schluroff.

Das Ranking führt der Mann mit dem mächtigen Armzug an: Im zweiten Vorrundenspiel gegen Serbien erzielte er beim 27:30 sechs Tore, eines davon mit einer unfassbaren Geschwindigkeit von 134,10 km/h. Zweiter ist der Portugiese Francisco Costa, der auf 132,26 km/h kommt, Dritter der Tscheche Jonas Josef mit 131,65 km/h.

Durchsetzungskraft und Athletik

„Ich bin hier, weil ich aus dem Rückraum gut werfen kann. Das habe ich probiert zu machen. Es hat ganz gut geklappt. Ich mache da weiter, das ist wichtig fürs Team“, sagte Schluroff während der Vorrunde – und lobte generell die Wurfgewalt seiner Mannschaft: „Wir haben unfassbar gute Schützen.“ Renars Uscins könne gut werfen, Franz Semper, Marko Grgic, Juri Knorr und Julian Köster ebenso. „Da“, so Schluroff, „haben wir viel Power aus dem Rückraum.“

Dass er ob seiner Wurfgewalt gepaart mit Vielseitigkeit nicht nur im linken Rückraum zum Einsatz kommt, sondern bisweilen auch auf Halbrechts, macht ihm nichts aus. „Ich spiele da, wo ich gebraucht werde“, erzählte er. „Wenn’s auf Halbrechts ist, freue ich mich, wenn’s auf Halblinks ist, freue ich mich auch. Und wenn‘s in der Abwehr ist, freue ich mich auch. Hauptsache, ich kann dem Team helfen.“

Das tut er auf starke Weise: Der 1,98 Meter große und 95 Kilogramm schwere Hüne hat das, was seinem Gummersbacher Vereinskollegen Julian Köster bisweilen ein wenig abgeht. Durchsetzungskraft und Athletik gepaart mit einem unfassbar harten und oft auch platzierten Abschluss. Das ist auch ein Grund dafür, weshalb Köster in den beiden ersten Vorrundenbegegnungen gegen Österreich (30:27) und Serbien (27:30) im Angriff vorwiegend als Spielmacher fungierte – und nicht auf seiner angestammten Position im linken Rückraum.

Dort hat ihm zwar noch nicht der gleichaltrige Gummersbacher Teamkollege den Rang abgelaufen, aber Schluroff ist eine wurfgewaltige Alternative geworden, die zudem mit einem unbändigen Einsatz überzeugt. Für Deutschland ist dies besonders bedeutsam, denn der linke Rückraum gilt gemeinhin als die Königsposition der Sportart. Von dort aus werden Spiele entschieden – und lange Zeit hatte Deutschland dort auch immer wieder herausragende Akteure, die den Spielen mit vermeintlich einfachen Toren aus der zweiten Reihe ihren Stempel aufdrückten: Hans-Günther Schmidt, Joachim Deckarm, Erhard Wunderlich, Frank-Michael Wahl, Daniel Stephan und Pascal Hens.

Allerdings fahndet man im deutschen Team nach dem Karriereende des 2007er-Weltmeisters vor neun Jahren nach einem neuen Hens. Schluroff könnte diese Rolle schon bald einnehmen, sollte seine Entwicklung weiter derart rasant verlaufen wie bisher. Der Sohn des früheren Fußball-Bundesligaprofis Lars Unger wurde zwar 2018 mit Deutschland U18-Beachhandball-Europameister, danach aber musste er einige Umwege in Kauf nehmen, um ganz oben anzuklopfen: zweite Mannschaft der Füchse Berlin, Wilhelmshavener HV, GWD Minden, VfL Gummersbach – so lauten die bisherigen Stationen im Herrenbereich für ihn.

Teil des Gummersbacher Blocks und Kabinen-DJ

Nun aber hat er erstmals die ganz große internationale Bühne als Showplatz: die Europameisterschaft in Dänemark, Norwegen und Schweden. Und geht es nach Schluroff, dann hält die Erfolgswelle nach dem wegweisenden Erfolg über Spanien noch eine Weile an: „Dieser Sieg kann eine unfassbare Euphorie auslösen. Ich hoffe, dass wir eine kleine Hype-Welle starten können und ganz Deutschland in der Hauptrunde hinter uns steht“, sagte der EM-Debütant.

Schluroff konnte die Rolle eines gefährlichen Jokers im Rückraum auch deshalb schnell einnehmen, weil er auf der Platte einige ihm bestens bekannte Leute an seiner Seite hat: Köster, Rechtsaußen Mathis Häseler und Abwehrspezialist Tim Kiesler. Zusammen bildet das Quartett vom VfL Gummersbach den größten Vereinsblock innerhalb des 18 Spieler umfassenden EM-Kaders von Bundestrainer Alfred Gislason.

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Und auch ein anderer Job kommt dem EM-Neuling zuteil: Mit einem Mix aus House, Rap, E-Musik und spanischen Klängen stimmt Schluroff als Kabinen-DJ die deutschen Handballer auf die Spiele ein. „Bis jetzt kommt es ganz gut an, was er da spielt. Er hat sich vorher erkundigt, was die Jungs so hören wollen, und macht bisher einen vernünftigen Job“, lobte Köster seinen Klubkollegen.

Auf die passende musikalische Einstimmung wird es in den kommenden Tagen auch ankommen, denn die Gegner in der Hauptrundengruppe klingen allesamt nach Rock’n’Roll oder Heavy Metal. Der von Paulo Pereira trainierte Auftaktgegner Portugal hat zum Abschluss der Vorrunde für die erste handfeste Sensation der EM im hohen Norden gesorgt – und vor 15.000 Zuschauern in Herning Gastgeber Dänemark mit 31:29 (12:11) besiegt.

Anschließend müssen sich Schluroff und Co. mit Mitveranstalter Norwegen auseinandersetzen. Das Spiel gegen das Team um Superstar Sander Sagosen findet am Samstag (20.30 Uhr) statt. Die beiden schwierigsten Aufgaben folgen anschließend: Am Montag (20.30 Uhr) steht das Duell mit Dänemarks Auswahl an, die trotz der überraschenden Pleite gegen Portugal Topfavorit auf den Gewinn der Goldmedaille bleibt. Zum Abschluss der Hauptrunde wartet Titelverteidiger Frankreich am kommenden Mittwoch (18 Uhr).

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