Es gibt Szenen, in denen verdeutlicht sich das Problem einer Mannschaft auf fast schon symbolische Weise. In Bezug auf Borussia Dortmund und die ewige Frage, warum es dem Klub nicht gelingt, den nächsten Schritt zu gehen, gab es am Dienstabend einen äußerst aufschlussreichen Moment.

In der 14. Minute des Champions League-Spiels bei Tottenham Hotspur wäre es die Aufgabe von Julian Brandt gewesen, Druck auf Wilson Odobert auszuüben, ihn am Schuss zu hindern. Das tat er jedoch nicht wirklich. Statt sich in den Ball zu werfen, drehte sich Brandt einfach weg.

Odobert, der versuchte, das Spielgerät aus der Luft zu nehmen, schlug ein Luftloch. Doch weil Brandt bereits abgetaucht war, brachte er sich so um die Chance, den zweiten Versuch des Franzosen verteidigen zu können. Odobert konnte den Ball noch einmal annehmen und ihn ohne nennenswerte Gegenwehr auf Cristian Romero legen – der dann das 1:0 für Tottenham erzielte.

Noch direkt auf dem Platz wurde Brandt dafür von Nico Schlotterbeck gerüffelt. Energisch hatte der Abwehrchef in Richtung seines Mitspielers gestikuliert. Brandt sei „halt ein Offensivspieler und die drehen sich manchmal weg. Das ist jetzt kein Vorwurf an Jule. Ich habe ihm nur gesagt, er soll stehen bleiben“, erklärte Schlotterbeck nach dem Spiel. Er wollte keinen Streit vom Zaun brechen.

Doch Schlotterbeck hat einen Punkt: In entscheidenden Momenten fehlt es den Dortmundern an Entschlossenheit, an Konzentration, an Professionalität. Hätte Brandt in der 14. Minute seinen Job gemacht – es wäre möglicherweise überhaupt nicht zu dem gekommen, was sich anschließend nur noch als eine Halbzeit des Grauens bezeichnen lässt. Die Borussen konnten nur 36 Prozent ihrer Zweikämpfe gewinnen, sie brachten keinen einzigen Torschuss zustande, keine Flanke an den Mann. Die Passquote lag bei unter 80 Prozent. Das sind unterirdische Werte für ein Champions League-Spiel.

Mit dem 0:2-Pausenrückstand – in der 37. Minute konnte Tottenham durch Dominic Solanke nachlegen – war der BVB noch gut bedient. Die Partie war aber trotzdem bereits bei Halbzeit entschieden. Auch weil der BVB nach der Roten Karte gegen Daniel Svensson (24. Minute) mit zehn Mann weiterspielen mussten.

Wem so etwas passiert wie den Dortmundern am Dienstag in London, der darf sich nicht wundern, warum es nicht gelingt, den nächsten Schritt gehen. Der muss sich nicht fragen, wieso keine wirkliche Weiterentwicklung stattfindet – warum es nicht reicht, um die Bayern zu jagen. Und warum um den Einzug ins Achtelfinale der Königsklasse trotz eigentlich guter Ausgangslage doch gezittert werden muss. Wer gegen Bodö/Glimt (3:3) leichtfertig den Sieg verschenkt und glaubt, sich bei Tottenham eine 45-minütige mentale Auszeit nehmen zu können, der bekommt, was er verdient.

Die Dortmunder stehen sich selbst im Weg. Es ist ihnen zwar gelungen, sich in gewisser Weise zu stabilisieren. Im Februar wird Niko Kovac seit genau einem Jahr Cheftrainer beim BVB sein. Dank seines pragmatischen Ansatzes, die Mannschaft defensiver spielen zu lassen, gehören die ganz großen Schwankungen, vor allem die dramatischen Ausschläge nach unten, die es unter Nuri Sahin und Edin Terzic noch gegeben hatte, der Vergangenheit an. So konnte auch in der aktuellen Bundesligasaison der Angriff der Verfolger abgewehrt werden. Der BVB behauptet den zweiten Tabellenplatz, mit sechs Punkten Vorsprung auf den Dritten. Auch dies gehört zur Wahrheit: Es ist nicht alles schlecht in Dortmund.

Doch jeder, der träumt, dass daraus tatsächlich auch einmal wieder etwas mehr erwachsen könnte, die Mannschaft irgendwann vielleicht sogar wieder die Meisterschaft spielen könnte, ist tatsächlich ein Träumer. Nicht, weil Kovac nicht in der Lage wäre, für eine Weiterentwicklung zu sorgen, wie manche Kritiker behaupten – sondern weil die Mannschaft zu mehr nicht in der Lage ist.

Brandt steht sinnbildlich dafür – gerade weil er zurzeit der beste Dortmunder Offensivspieler ist. In den letzten beiden Heimspielen gegen Gladbach (2:0) und St. Pauli (3:2) gelangen ihm wichtige Treffer. In den 23 Pflichtspielen der laufenden Saison kommt er auf neun Tore und zwei Vorbereitungen. Vor allem seine Leistungen haben sich unter Kovac stabilisiert. Und dennoch: In bestimmten Situationen steht Brandt neben sich – so wie in London.

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Fast das Gleiche gilt für Karim Adeyemi. Er hat in 26 Pflichtspielen siebenmal getroffen, vier Treffer aufgelegt. Auch das ist okay. Auch Adeyemi hat, seit Kovac da ist, deutliche Schritte in Richtung Kontinuität gemacht. Doch auch er ist immer noch ein Risikofaktor, weil er in schöner Regelmäßigkeit die Defensivarbeit vernachlässigt. Die Liste der Spieler, die sich – aus unterschiedlichen Gründen – deutlich zu viele Fehler leisten, könnte fortgesetzt werden.

Carsten Cramer, der neue Sprecher der BVB-Geschäftsführung, stellte kürzlich die eher rhetorisch gemeinte Frage, ob in Bezug auf die Wahrnehmung des BVB das Glas nun eher halb voll oder halb leer ist. Beide Sichtweisen sind zulässig. Doch wenn der Verein tatsächlich ambitioniert sein will, kann es nur eine Antwort geben: Es ist halb leer.

Wenn Borussia Dortmund ernsthaft plant, sich zu entwickeln, auch mal wieder richtig anzugreifen, statt nur den Status quo zu verwalten, muss die Mannschaft verstärkt werden. Dann braucht es neue Spieler – die über mehr Qualität verfügen, als die, die da sind. Niemand behauptet, dass es leicht sein wird, die zu bekommen – doch zu dem Versuch, sie zu finden, gibt es keine Alternative. Denn sonst wird sich nichts ändern.

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