Der vergangene Mittwoch könnte ein wichtiger Tag für Borussia Dortmund gewesen sein. Es fand zwar kein Spiel statt, doch es kam zu einem Treffen, bei dem es um eine wichtige Frage im Hinblick auf die Zukunft ging. Gegen Mittag fuhr Björn Etzel, der Berater von Nico Schlotterbeck, am Trainingszentrum des BVB im Stadtteil Brackel vor. Er redete mit Lars Ricken, dem Sportgeschäftsführer des Bundesligazweiten, und mit Sebastian Kehl, dem Sportdirektor. Eine Entscheidung, ob der Nationalspieler seinen bis 2027 laufenden Vertrag vorzeitig verlängern wird, gab es zwar nicht. Doch beide Seiten waren sich einig: Lange darf die Phase der Abwägung bei dem Nationalspieler nicht mehr andauern.
Obwohl es mehrmals anders prophezeit worden war: Noch hat der BVB eine Chance, sich Schlotterbecks Dienste langfristig zu sichern. In den vergangenen Tagen sind sie sogar eher gestiegen. Denn beim FC Bayern, bislang ein Interessent, steht Dayot Upamecano kurz vor einer Vertragsverlängerung. Sollte sich Schlotterbeck also doch zum BVB bekennen – es hätte Signalwirkung. Es wäre ein großer Schritt auf dem Weg, eine starke Mannschaft aufzubauen.
Der 26-jährige Innenverteidiger bringt viel mit: Zweikampfhärte und die Fähigkeit, ein Spiel lesen zu können. Vor allem aber verfügt Schlotterbeck über eine Form von Selbstbewusstsein, die den Dortmundern gut zu Gesicht stehen würde. Geht es nach Carsten Cramer, sollte der BVB davon insgesamt mehr haben – gerade in diesen Tagen. „Wir dürfen durchaus selbstbewusst werden. Wir haben eine enorme Strahlkraft und befinden uns sportlich auf einem guten Weg“, sagt er im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Er spricht über die Reputation und Wahrnehmung des Vereins im Ausland. In Deutschland dagegen wirke das Glas häufig halb leer, selten nur halb voll, wenn über Borussia Dortmund berichtet werde.
Cramer, 57, ist seit November der ranghöchste Entscheider im operativen Geschäft beim zweitgrößten deutschen Verein. Der BVB hat sich an der Spitze neu aufgestellt: Die Geschäftsführung, der Hans-Joachim Watzke 21 Jahre lang vorgestanden hatte, besteht mittlerweile aus vier Personen: Cramer, zuständig für die Bereiche Marketing, Vertrieb, Digitalisierung und Internationalisierung, Ricken (Sport), Thomas Treß (Finanzen) und der neu berufenen Svenja Schlenker (Personal, Frauenfußball). Einen Vorsitzenden gibt es nicht mehr. Doch wirklich flach sind die Hierarchien trotzdem nicht. Cramer ist „Sprecher der Geschäftsführung“. Was das konkret bedeutet, ist Interpretationssache.
Trennung vom langjährigen Mediendirektor
„Ich definiere mich weniger über die Visitenkarte. In meiner Funktion möchte ich vorangehen – ohne dass ich der Vorgesetzte eines Geschäftsführerkollegen bin. Wir wollen gemeinsam Dinge weiterentwickeln, Geschlossenheit zeigen und nicht in alle Richtungen kommunizieren.“
Dass er der Meinung ist, es gebe hier Nachholbedarf, machte er bereits klar: Kurz vor Weihnachten trennte sich der Verein vom langjährigen Mediendirektor Sascha Fligge.
Es wird sich noch mehr ändern. Und das, obwohl der schwarz-gelbe Tanker gut im Wasser liegt. Das börsennotierte Fußball-Unternehmen konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2024/2025 insgesamt 526 Millionen Euro Umsatz ausweisen. In nahezu allen Bereichen wurde Wachstum verzeichnet. Auch sportlich stimmen die Kennzahlen: Die Dortmunder sind neben den Bayern der einzige deutsche Verein, der es regelmäßig in die K.-o.-Runde der Champions League schafft. Im Ranking des europäischen Verbandes Uefa belegen sie den siebten Rang, einen Platz vor Bayer Leverkusen. Abgesehen von den Münchenern (Platz zwei hinter Real Madrid): Alle anderen deutschen Vereine rangieren hinter ihnen, teilweise mit großem Abstand. Die Frankfurter sind 15., die Leipziger 30., die Stuttgarter 88.
Auch in der Bundesliga läuft es. Nachdem zu Beginn des vergangenen Jahres Chaos gedroht hatte, fing sich die Mannschaft. Sie schaffte es doch noch in die Königsklasse und kann aktuell auf die erfolgreichste Hinrunde seit sieben Jahren zurückblicken. Der in den vergangenen Jahren oft beschworene Angriff der Verfolger, die den Dortmundern den zweiten Platz streitig machen wollen, konnte bislang abgewehrt werden. Und doch: Die Stimmung war schon mal euphorischer.
„Wir müssen schneller sein, wacher sein“
„Wir machen vieles richtig, aber wir können noch besser werden“, formuliert es Cramer. Nicht nur abseits des Platzes, sondern auch im Bereich der sportlichen Entwicklung – selbst wenn dies herausfordernd sein wird. „Früher waren wir im Kampf um Toptalente vielleicht einer von zwei oder drei Vereinen, mittlerweile ist dies ein Geschäftsmodell von vielen Vereinen. Wir müssen schneller sein, wacher sein und noch ambitionierter werden“, erklärt er.
Denn so solide die sportliche Entwicklung unter Kovac auch ist – die Sehnsucht nach Titeln und Spielern mit klangvollen Namen ist groß. Davon gibt es aktuell nicht allzu viele: Schlotterbeck oder Karim Adeyemi vielleicht. Doch in den vergangenen Jahrzehnten stand der BVB vor allem dafür, Sternchen zu entdecken und zu Stars zu entwickeln – wie Mario Götze, Robert Lewandowski, Jadon Sancho, Erling Haaland oder Jude Bellingham. Es war fast ein Dortmunder Alleinstellungsmerkmal: Der BVB trat früh an junge Talente heran, idealerweise vor den finanzkräftigen Engländern – und köderte sie dann mit der Aussicht auf Entwicklungsmöglichkeiten und regelmäßige Einsätze in der Königsklasse.
Doch das ist nicht mehr so einfach. Die Voraussetzungen sind andere geworden. Die wirtschaftliche Schere zwischen der Premier League und der Bundesliga ist noch weiter auseinandergegangen. Mittlerweile buhlen auch englische Mittelklassevereine um Talente, überbieten den BVB häufig.
Und national? Selbst die Bayern setzen in der Transferpolitik verstärkt auf junge Spieler, da fertige Topstars auch für sie kaum noch zu bezahlen sind. Die Münchener haben das Dortmunder Modell kopiert.
Sammer setzt sportliche Leitung unter Druck
Cramer will sich damit nicht abfinden, sondern neue Antworten geben – oder sie von seinen Geschäftsführerkollegen und Mitarbeitern hören. „Die Rahmenbedingungen werden ambitionierter, der Wettbewerb härter – in allen Bereichen. Wir haben die Aufgabe, uns wirtschaftlich weiterzuentwickeln, Erlöse zu erhöhen – und wir müssen an der einen oder anderen Stelle wieder mutiger werden. Wir müssen zwei, drei Gänge hochschalten“, sagt er.
Mit dieser Forderung befindet er sich im Gleichklang mit Matthias Sammer. Der externe Berater, ein ständiger Mahner, der vor allem die Arbeit von Kehl kritisch sieht, hatte zuletzt mehrmals deutlich gemacht, dass er von der sportlichen Leitung mehr erwarte. „Solange besser möglich ist, ist gut nicht gut genug“, hatte er im Interview mit „Sportbild“ gesagt. Cramer dürfte dies so unterschreiben.
Die neue BVB-Führung hat sich viel vorgenommen. Doch sie muss gleichzeitig darauf achten, dass der Traditionsverein mit seinen über 230.000 Mitgliedern zusammenbleibt, nicht auseinanderdriftet. Denn 2025 war unter dem Strich zwar ein gutes Jahr – aber es lieferte auch Hinweise, dass es kein einfaches „Weiter so“ geben darf.
Nur mit unerwartet knapper Mehrheit wurde Watzke zum Präsidenten des e. V. gewählt. Kritische Mitglieder, darunter auch die aktive Fanszene, setzten Satzungsänderungen durch, die der Geschäftsführung unter Umständen das Arbeiten erschweren könnten: Sponsoringverträge müssen künftig geprüft werden, ob sie mit dem Wertekodex in Einklang stehen. Die Mitglieder des Wirtschaftsrates dürfen nicht mehr vom Vorstand berufen, sondern können von den Mitgliedern gewählt werden. Und die Mitgliederversammlung darf unter bestimmten Voraussetzungen selbst Kandidaten für das Präsidentenamt vorschlagen.
Es wird in den kommenden Jahren darauf ankommen, dass es Watzke als Präsident gelingt, die kritischen Geister wieder einzufangen. Er muss Vertrauen zurückgewinnen, auf Kritiker zugehen und Verständnis für die Herausforderungen wecken, vor denen seine Nachfolger in der Geschäftsführung stehen. Das Vertrauen zwischen Vereinsoberhaupt Watzke und Klubchef Cramer soll zusätzlich Stabilität garantieren. „Unsere Stärke ist unser Miteinander, unsere Geschlossenheit“, sagt Cramer. Nur wenn die leiden sollte, drohen echte Gefahren.
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