Beim Skispringen ist es inzwischen so wie beim Fußball nach Einführung des Videobeweises: Siege und Podestplätze werden oft nur unter Vorbehalt gefeiert. Erst wenn der Springer die Materialkontrolle bestanden hat, steht der Erfolg fest.

Beim Auftakt der Vierschanzen-Tournee in Oberstdorf erwischte es den Slowenen Timi Zajc. Der freute sich über seinen zweiten Platz, als die bittere Nachricht von Chefkontrolleur Mathias Hafele kam: Der Sprunganzug war nicht regelkonform, die Beine waren drei Millimeter zu kurz und demzufolge der Stoff im Schrittbereich zu groß – Disqualifikation. Der Deutsche Felix Hoffmann rückte dadurch auf Rang drei vor. Beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen wurde Zajc erneut disqualifiziert – die Anzugbeine waren vier Millimeter zu kurz – und flog komplett aus der Tournee.

„Respektlos und dumm“, fand Sven Hannawald, Tourneesieger 2001/02, Zajcs Verhalten. Ex-Weltmeister Martin Schmitt sagt: „Ein wenig Reue wäre angebracht gewesen, schließlich hat er einen klaren Regelverstoß begangen.“

Das Material spielt im Skispringen eine elementare Rolle. Daher wird schon seit jeher getüftelt, getrickst und auch getäuscht. „Es wurde immer schon nach Schlupflöchern gesucht“, sagt Hannawald. „Das ist ja auch okay, solange die Regeln eingehalten werden. Aber Betrügereien schaden der ganzen Sportart. Daher hoffe ich, dass der neue Materialkontrolleur seine klare Linie weiter durchzieht.“

Wegen der Norweger: neue Regeln, härtere Strafen und Kontrollen

Für den größten Skandal sorgte das norwegische Team bei der WM 2025 in Trondheim. Die Trainer nähten stabilisierende Bänder in den Schrittbereich der Anzüge. Ein Video deckte alles auf und führte zu neuen Anzugregeln, härteren Strafen und schärferen Kontrollen. In Hafele setzte der Weltverband auch einen neuen Materialkontrolleur ein – einen, der selbst Springer war.

Der erste prominente Athlet, der mit seinem Team ein Schlupfloch entdeckte, war Hannawald im Jahr 2000. Bei der Skiflug-WM in Vikersund (Norwegen) trat er mit extrabreiten Skiern an. Sie waren nur im Fußbereich tailliert, ansonsten vorn und hinten durchgängig 11,5 Zentimeter breit. Seine Konkurrenten hatten in der Mitte nur 10,5 Zentimeter Breite und eine fortlaufende Taillierung auf die Breite von 11,5 Zentimeter. Heimtrainer Wolfgang Steiert hatte die Lücke im Regelwerk entdeckt und einen Produktionsauftrag an die österreichische Skifirma Fischer geschickt. Diese stellte die Ski allen unter Vertrag stehenden Springern zur Verfügung.

„Sven hatte deutlich mehr Flugfläche, umgerechnet waren das 15 Zentimeter Skilänge. Er hatte eine Art Surfbrett unter den Füßen“, sagt Schmitt, der mit der Skimarke Rossignol sprang, mit einem Schmunzeln. Hannawald nutzte den Materialvorteil und holte WM-Gold. Nach der Saison wurden die breiten Ski jedoch vom Weltverband verboten.

Bei Olympia 2002 in Salt Lake City wollte das deutsche Team um Hannawald und Schmitt mit tropfenförmigen Helmen nach Art der Zeitfahrhelme im Radsport springen. Doch in der Nacht davor wurden sie verboten.

Ammans Revolution von 2010

Ein großes Thema war immer die Anzuggröße. Früher war XXL erlaubt, inzwischen muss es M sein. Zunächst durfte der Anzug­umfang acht Zentimeter größer als der Körperumfang sein, inzwischen sind es vier. Als die Österreicher plötzlich mit Anzügen sprangen, die in den Kniekehlen hingen, wurde 2003 der Schritt limitiert.

Mit einer regelkonformen Revolution wartete der Schweizer Simon Ammann bei Olympia 2010 auf. Er trat mit einem gekrümmten Bindungsstab an der Schuhferse an, der eine stabilere Flugposition mit weniger Aufkantung der Ski in der Luft ermöglichte als das bis dahin übliche Band. Die Folge: zweimal Gold.

Nach 2010 wurde verstärkt mit Keilen in den Schuhen experimentiert. Sie drückten den Fuß nach innen, damit die Ski in der V-Stellung weniger aufgekantet stehen. Die Folge waren zahlreiche Kreuzbandrisse bei der Landung. Inzwischen ist nur noch ein Keil hinten erlaubt, der maximal drei Zentimeter dick sein darf.

2022 präsentierte Karl Geiger einen Helm mit aerodynamischer Wangenverkleidung. Als der Effekt ausblieb, packte er ihn weg. Auch Überflieger und Tournee-Sieger Domen Prevc reizt das Material aus. Seine flachen Skispitzen bringen mehr Geschwindigkeit. Und seine locker gebundenen Schuhe bewirken eine Verschiebung der Anzugfläche, um effektiver fliegen zu können. Beides ist erlaubt.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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