Der erste Durchgang auf der Bergisel-Schanze hatte an der Spitze alles offengelassen. Nun kam es darauf an: Können die schon weit abgeschlagenen Verfolger zumindest ein paar Punkte in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee gutmachen? Oder springt Domen Prevc seinem ersten Triumph noch ein Stückchen näher, erhält sich nach den Erfolgen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen gar die Chance auf den Grand-Slam mit vier Einzelsiegen? Oder zeigt er Schwäche? Entscheidet am Ende gar die berüchtigte Schanze mitsamt den Windbedingungen über Glück und Pech, Erfolg und Niederlage?
Dass die kleinste der vier Tournee-Schanzen dazu in der Lage ist, hat sie oft genug gezeigt. Zuletzt am Vortag bei der Qualifikation, als Prevc schlechte Bedingungen erwischt hatte und bei starkem Rückenwind nur 30. geworden war. Jetzt aber blieb ein Glücksspiel aus. Allerdings auch ein Sprung in andere Sphären von Prevc, der den Tagessieg knapp verpasste. Diesen feierte der Japaner Ren Nikaido mit gerade mal 0,5 Punkten vor dem Slowenen, der wiederum nur 0,2 Punkte vor dem Österreicher Stephan Embacher lag. Für die Gesamtwertung nach drei von vier Wettbewerben heißt das: Prevc liegt eine Skisprungwelt vor seinen Verfolgern.
Aus deutscher Sicht überzeugte Felix Hoffmann als Fünfter von Innsbruck. Und das, obwohl er im zweiten Durchgang einen Schreckmoment wegstecken musste: Hoffmann blieb mit seinem Schuh kurz am Balken hängen. Der 28-Jährige zog dann aber unbeirrt durch und landete mit 130,5 Metern sogar den weitesten Sprung dieses Durchgangs.
Die große Frage dieser dritten Tournee-Station war: Wie hat Domen Prevc den Dämpfer vom Vortag verkraftet? Er selbst sagte vor dem Wettbewerb: „Ein schlechterer Sprung und schwierige Bedingungen – da kam einiges zusammen. Also heißt es: keine Gedanken machen und einfach fokussieren.“ Es klang so simpel und entspannt, wie er das sagte.
Um 13.38 Uhr am Sonntag war es dann so weit: Die Zuschauer und Konkurrenten blickten gebannt auf Prevc, der wegen des 30. Platzes aus der Qualifikation ungewöhnlich früh dran war. 129 Meter sprang er nun – Aufatmen bei den Slowenen. Was diese Weite allerdings wert war, musste sich erst noch zeigen. Eine knappe Stunde später, am Ende des ersten Durchgangs, stand fest: Der Sprung war viel wert, aber reichte nicht zur Spitzenposition. Die teilten sich der Japaner Ren Nikaido und der Österreicher Stephan Embacher knapp vor Jan Hörl und Prevc. Für den zweiten Durchgang versprach das Hochspannung an der Spitze.
Ein kleines Stück dahinter: Hoffmann als Sechster des ersten Durchgangs. Teamkollege Philipp Raimund ging als Zehnter in den finalen Durchgang, den auch Pius Paschke erreichte. Dennoch: Erneut durften nur drei Deutsche einen zweiten Wettkampfsprung machen – eine magere Ausbeute. Raimund belegte am Ende Rang zwölf, Paschke Platz 28.
Geiger verpasst zweiten Durchgang knapp
Und die zwei eigentlich so großen Namen des deutschen Skispringens, die seit Saisonbeginn um den Anschluss an die Weltspitze kämpfen? Karl Geiger (32), Skiflug-Weltmeister 2020 und Tournee-Zweiter 2021 hat sogar eine seiner vier WM-Einzelmedaillen auf der Bergisel-Schanze gewonnen: Silber im Jahr 2019.
Von dieser Form allerdings ist er aktuell weit entfernt, immerhin hatte er – im Gegensatz zu Oberstdorf – als 39. der Qualifikation von Innsbruck den Wettbewerb erreicht. Geiger verlor dann sein K.o.-Duell, hätte es aber fast als einer der fünf besten Lucky Loser doch noch in den zweiten Durchgang geschafft. Am Ende scheiterte er knapp.
Olympiasieger Andreas Wellinger hatte die Qualifikation am Vortag gerade so überstanden und war einem Debakel nur knapp entkommen. Der WM-Zweite von 2025 bekam es in seinem K.o.-Duell dann mit dem Österreicher Stefan Kraft zu tun – und war erwartungsgemäß chancenlos. Am Ende landete Wellinger auf Rang 37, Geiger auf einem für ihn derzeit passablen 31. Platz.
Schicksalsschanze Bergisel – was steckt dahinter?
Aber was macht die Bergisel-Schanze hoch über Innsbruck eigentlich so schwierig? Warum zerplatzen dort regelmäßig Tournee-Träume – nicht nur von den Deutschen –, gibt es immer mal wieder Sensationssieger und ist es jedes Jahr aufs neue ein Spannungsfaktor, ob und falls ja, inwieweit das Gesamtklassement durcheinandergewirbelt wird?
„Schicksalsschanze Bergisel – das kann man schon so sagen“, erzählte Jens Weißflog mal im WELT-Interview. „Es gibt so viele Geschichten über Innsbruck, bei denen Mitfavoriten zurückfielen, und das betraf keinesfalls nur die Deutschen.“ Severin Freund, Richard Freitag, Markus Eisenbichler, Andreas Wellinger – sie alle büßten hier schon ihre Chancen auf den großen Triumph ein; Freund und Freitag durch Stürze.
Ganz bitter lief es 1993/94 für den Norweger Jan Halvor Gjertsson, der die ersten beiden Tournee-Stationen gewonnen hatte und dann in Innsbruck den zweiten Durchgang verpasste. Dass Mitfavoriten den Finaldurchgang als Zuschauer verfolgen mussten, kam indes öfter vor.
„Man muss brutal präzise springen“
Der Bergisel hat einfach seine Tücken. Auf der kleinsten der vier Tournee-Schanzen ist es zum einen bei ähnlichen Bedingungen schwierig, sich deutlich von der Konkurrenz abzusetzen und Punkte gutzumachen. Auf der anderen Seite aber kann die Schanze auch für eine extreme Streuung sorgen. „Man muss brutal präzise springen. Der kleinste Fehler kann sich fatal auswirken“, erklärt der frühere Bundestrainer Werner Schuster.
Dazu kommt die Gefahr einer Windlotterie am Bergisel, denn die Wind- und Gate-Punkte können nicht alles kompensieren – und die dortige Schanze ist anfällig. „Sie ist im Vergleich zu früher sogar noch anfälliger geworden, auch insgesamt größer“, sagt Weißflog. „Dadurch, dass der Wald am Bergisel weg ist, kommt noch mehr Wind an die Anlage, was man nicht alles durch Windnetze auffangen kann. Die Tücken des Bauwerks und die Einflüsse des Windes auf die Leistung – da brauchst du einfach auch ein bisschen Glück.“
Von der kleinsten Tournee-Schanze geht es nun zur größten nach Bischofshofen, wo am Montag bereits die Qualifikation für das Finale am Dienstag ansteht. Zehn Jahre nach Peter Prevc schickt sich dann dessen jüngerer Bruder Domen an, den Goldenen Adler als Gesamtsieger in den Himmel zu recken. Sie wären das erste Brüderpaar des Skispringens, denen das gelingt.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke