Alle 20 Jahre wird der Ise-Jingū-Schrein auf der Insel Honshū erneuert. Das seit 1300 Jahren praktizierte Ritual symbolisiert ewige Jugend und Lebenskraft und steht für die Kontinuität des japanischen Kaiserhauses. Der Schrein ist der Sonnengöttin Amaterasu gewidmet, die in der Mythologie des Landes als Stammmutter des Kaiserhauses gilt. Ihr Urenkel Jimmu Tennō war es, der laut Überlieferung 660 v. Chr. jene Kaiserlinie begründete, auf die sich das japanische Kaiserhaus bis heute in direkter Abstammung beruft.
Doch der Fortbestand dieser ältesten Erbmonarchie der Welt ist gefährdet. Die Kaiserfamilie hat nur noch einen männlichen Thronfolger im zeugungsfähigen Alter: den oft als „Libellen-Prinz“ bezeichneten Prinzen Hisahito. Der 20-jährige Biologiestudent soll auf dem Campus zwar häufig mit dem Kescher Libellen und andere Insekten jagen. Zu einer möglichen Heirat sagt er jedoch, über einen idealen Zeitpunkt oder eine Partnerin habe er noch nicht wirklich nachgedacht.
Laut Hofchronik wird die japanische Monarchie seit 126 Generationen in rein männlicher Linie geführt. Und tatsächlich könnte Prinz Hisahito in seinem Erbgut ein Chromosom tragen, das schon Ur-Tennō trug: das Y‑Chromosom. Während die DNA je zur Hälfte von Mutter und Vater kommt, wird das Y-Chromosom ausschließlich vom Vater an den Sohn weitergegeben.
Damit es auch in jeder Generation garantiert einen männlichen Erben gab, hatten die Kaiser neben ihrer Hauptfrau stets mehrere Konkubinen, also Nebenfrauen, deren Söhne auch ihr Y-Chromosom trugen. Diese männlichen Nachkommen dienten als Reservepool. Ein System, das sich offensichtlich über Jahrhunderte bewährt hat – bis 1924 das Konkubinat abgeschafft wurde. Das war der erste Schritt in den Untergang des Kaiserhauses. Der zweite folgte 1947.
Nach der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg hatte es von amerikanischer Seite sogar schon Überlegungen gegeben, das Kaisertum in Japan ganz abzuschaffen. Erst Bedenken, dass eine solche Maßnahme die Besatzung grundlegend gefährden würde, bewogen die Besatzungsverwaltung zu einem Kompromiss. Damals wurde beschlossen, die kaiserliche Familie stark zu beschneiden.
Der japanische Prinz Hisahito während seiner Volljährigkeitsfeierlichkeiten im Kaiserpalast zu Tokio im Jahr 2025Das Gesetz bestimmte, dass allein Anwärter der rein männlichen Hauptlinie des Hauses den Thron besteigen durften. Frauen, die der Hauptlinie entstammten, mussten aus der kaiserlichen Familie austreten, wenn sie einen Bürgerlichen heirateten. Seither verließen neun Frauen die schrumpfende Kaiserfamilie durch Heirat.
Für die verbliebenen kaiserlichen Männer galt diese Regelung zwar nicht. Dennoch war die Linie ab diesem Zeitpunkt aus statistischer Sicht zum Aussterben verurteilt. Dieses Prinzip hatten schon 1874 die britischen Statistiker Francis Galton und Henry William Watson für die europäischen Adelshäuser durchgerechnet. Sie beobachteten die Tendenz der einzelnen Linien der großen Adelshäuser, zu erlöschen.
Die europäische Lösung des Erbfolgeproblems
Dahinter steckt eine einfache mathematische Überlegung: In patrilinearen Erbfolgen braucht es pro Generation wenigstens einen männlichen Erben, um den Familientitel weiterzugeben – tatsächlich jedoch deutlich mehr. Denn dieser muss selbst wieder mindestens einen männlichen Nachkommen zeugen, der ebenfalls einen Sohn bekommt und so weiter.
Mit jedem Glied in der Kette steigt das Risiko: Frühzeitiger Tod, Unfruchtbarkeit oder eine Ehe, aus der nur Töchter hervorgehen, drohen in jeder Generation, die männliche Linie zu zerreißen. Allmählich lichteten sich derart die Reihen vieler europäischer Adelshäuser.
Eine Ausnahme machten viele der Monarchien in Europa deshalb bei der Thronfolge. War kein männlicher Erbe in direkter Linie mehr zur Hand, wurde teils auch ein Anspruch über die mütterliche Linie zugelassen. Beispiele reichen von Heinrich II., der 1154 die englische Plantagenet-Dynastie über seine Mutter begründete, bis in die Gegenwart: Schweden, die Niederlande, Belgien, Norwegen und Großbritannien haben in den vergangenen Jahrzehnten den männlichen Vorrang in der Thronfolge sogar ganz abgeschafft.
Solche Notbehelfe über die mütterliche Linie sind in Japan nach geltendem Recht ausgeschlossen. In der japanischen Öffentlichkeit wird deshalb seit Jahren eine intensive Debatte über eine Reform der Thronfolge geführt. Progressive Stimmen fordern, diese für weibliche Familienmitglieder zu öffnen. Dies hätte den Weg für die 24-jährige Prinzessin Aiko bereitet, die in der Öffentlichkeit großes Ansehen genießt und noch unverheiratet ist. Ein wichtiger Streitpunkt ist dabei, ob ihre eigenen Kinder ebenfalls erbberechtigt wären.
Japans Kaiser Naruhito und seine Tochter, Prinzessin Aiko, beim traditionellen Herbstkonzert im kaiserlichen PalastKonservative Verfechter der patrilinearen Erbregelung halten dagegen – mit Verweis auf die Tradition und die Biologie. Nur die männlichen Mitglieder der Hauptlinie tragen zumindest theoretisch noch immer das kaiserliche Y-Chromosom des mythischen Ur-Tennō Jimmu in sich. Eine kaiserliche Prinzessin wie Aiko könnte dieses Erbe nicht weitergeben – die ununterbrochene Jimmu-Linie wäre damit, so das Argument, formal gerissen.
Dieser Streit mündete nun in einen Kompromiss: Erst kürzlich trat das „Gesetz zur teilweisen Änderung des Kaiserhausgesetzes“ in Kraft. Es regelt die Zugehörigkeit zur kaiserlichen Familie neu und soll die Thronfolge sicherstellen. Der Kern: Es erlaubt Männern der Hauptlinie, unverheiratete, männliche Nachkommen aus den elf Nebenlinien zu adoptieren. Spätere Söhne der Adoptierten würden wieder ein Anrecht in der Thronfolge erhalten.
Das Y-Chromosom – die letzte Verbindung
Doch auch dieser Pool der Kandidaten ist klein, zudem wuchsen diese als Bürgerliche auf. Auch deshalb ist die neue Regelung umstritten. Die Nebenlinien teilten sich zuletzt vor rund 600 Jahren einen gemeinsamen männlichen Vorfahren mit der Hauptlinie: den Prinzen Fushimi-no-miya Sadafusa. Dazwischen liegen 36 Generationen, sodass die Verwandtschaft zwischen ihnen kaum näher ist als zum Rest der japanischen Bevölkerung. Allein, das Y-Chromosom verbindet die Nebenlinien möglicherweise noch mit der kaiserlichen Hauptlinie.
Inwiefern diese ungebrochene Kette wirklich biologische Realität ist, könnte nur ein genetischer Test zeigen. Fraglich ist zumindest, ob es tatsächlich noch eine direkte Verbindung zum Ur-Tennō Jimmu gibt, was auch für Prinz Hisahito zutrifft. Zum einen gehen Studien davon aus, dass in jeder Generation etwa zwei Prozent der Kinder nicht vom offiziellen Vater abstammen, also Kuckuckskinder sind.
Multipliziert über 126 Generationen läge die Wahrscheinlichkeit einer direkten Weitergabe des Y-Chromosoms bei weniger als acht Prozent. Zum anderen ist die Kaiserlinie erst seit dem 6./7. Jahrhundert n. Chr. historisch dokumentiert.
Etwa zu dieser Zeit führte auch Kaiser Tenmu im 7. Jahrhundert das Ritual des Shikinen Sengu am Ise-Schrein ein. Zuletzt wurde es 2013 durchgeführt, 2033 steht die nächste Erneuerung an. Etwa 13.000 mindestens 200 Jahre alte Hinoki-Zypressen müssen dafür gefällt werden. Doch die seltenen Bestände schwinden.
Zumindest bei den heiligen Hinoki-Zypressen hatte der japanische Hof die aufziehenden Probleme bereits vor mehreren Jahrhunderten erkannt – und begonnen, Bäume zu pflanzen. Im Jahr 1923 startete Japan dann das langwierigste Aufforstungsprogramm der Welt und pflanzte nahe dem Ise-Jingū-Schrein weitere Bestände an.
Bis die neuen Bäume die nötige Reife von wenigstens 200 Jahren erreicht haben, braucht es noch bis ins Jahr 2123. Dann aber könnte das japanische Kaiserhaus längst Geschichte sein und sich das symbolische Ritual der Langlebigkeit und Beständigkeit überholt haben.
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