In Deutschland gilt mehr als die Hälfte der Menschen als übergewichtig. Trotzdem ist Abnehmen nicht einfach eine Frage von Disziplin, sagt der Endokrinologe Tim Hollstein.

Er hat in den USA den Stoffwechsel des Menschen erforscht. Heute ist er Oberarzt im Bereich Endokrinologie und Leiter der Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.

WELT: Herr Hollstein, warum nehmen manche Menschen schneller zu als andere?

Tim Hollstein: Diese Annahme kursiert schon lange. Manche Menschen können scheinbar so viel essen, wie sie wollen, ohne an Gewicht zuzunehmen, und andere werden dick, wenn sie bloß den Kuchen anschauen. An den National Institutes of Health in den USA habe ich versucht, das zu überprüfen. Das Gerücht hat sich bewahrheitet. Wir haben herausgefunden, dass es zwei Stoffwechseltypen gibt: den verschwenderischen und den sparsamen Stoffwechsel.

WELT: Wie haben Sie das untersucht?

Hollstein: Um den Stoffwechseltyp zu bestimmen, haben wir den individuellen Energieverbrauch eines Menschen gemessen. Der Energieverbrauch zeigt nämlich, wie aktiv der Stoffwechsel ist – je aktiver der Stoffwechsel, desto mehr verbrannte Kalorien. Dafür messen wir den CO₂-Gehalt und den Sauerstoffgehalt in der Ausatemluft einer Stoffwechselkammer. Die Probanden wohnen zwei bis drei Tage in diesen sehr kleinen Räumen, in denen ein Bett, eine Toilette und ein Fernseher stehen. Der Raum ist hermetisch abgeriegelt.

WELT: Das heißt, aus dem Raum kann weder Luft entweichen noch hineinströmen.

Hollstein: Genau. Wir messen dann, wie sich in dem Raum die Atemluft verändert, und errechnen den Kalorienverbrauch pro Minute. Tatsächlich haben wir bei den Menschen große Unterschiede festgestellt: Sparsame Stoffwechseltypen geraten oft in einen Energiesparmodus – zum Beispiel, wenn sie fasten. Der Körper verbrennt dann weniger Kalorien als sonst – ihr Stoffwechsel läuft auf „Sparflamme“. Ganz im Gegenteil bei Menschen mit einem verschwenderischen Stoffwechsel. Bei denen haben wir beobachtet, dass sie sogar noch mehr Energie verbrauchen, wenn sie mehr essen als normal. Deren Körper verbrennt im Durchschnitt bis zu 400 Kilokalorien mehr als die sparsamen Typen.

WELT: Wie erklärt sich, dass der Körper seinen Energieverbrauch so unterschiedlich anpasst?

Hollstein: Die Hormone sind, je nach Stoffwechseltyp, unterschiedlich reguliert. Bei Menschen mit sparsamem Metabolismus spielt eine sogenannte Leptinresistenz eine Rolle. Leptin ist ein Sättigungshormon, das vom Fettgewebe ausgeschüttet wird. Es signalisiert dem Gehirn: Die Batterien sind voll, wir haben ausreichend Fettgewebe, wir können jetzt auf Energieverbrauch schalten. Idealerweise hört der Mensch dann auf zu essen, weil er satt ist. Bei einer Leptinresistenz erhält das Gehirn dieses Signal nicht richtig. Die Menschen bleiben hungrig, essen mehr und nehmen zu. Bei Menschen mit einem verschwenderischen Stoffwechsel funktioniert dieser Mechanismus sehr gut. Verschwenderische Stoffwechseltypen produzieren zudem das Hormon FGF21 in großen Mengen – vor allem, wenn sie sehr proteinarme Kost mit viel Fett und Zucker essen. Dieses Hormon aktiviert den Stoffwechsel und das braune Fett. Sie verbrennen also die Nahrung, die sie essen, viel schneller.

WELT: Inwieweit unterscheidet sich das braune Fett von normalem Fett?

Hollstein: Das braune Fett liegt im Bereich des Schlüsselbeins und verbrennt Energie, statt sie zu speichern. Der Mensch hat im Durchschnitt 300 Gramm braunes Fett am Körper. Vor 17 Jahren hat man erstmals entdeckt, dass auch erwachsene Menschen braunes Fett besitzen. Zuvor ging man davon aus, dass nur Tiere, insbesondere Mäuse, Nagetiere und Babys, dieses besitzen. Braunes Fett ist eine Erfindung der Natur, um den Körper bei Kälte warmzuhalten – in etwa wie eine Heizung. Braunes Fett ist eine Art Schweizer Taschenmesser unseres Stoffwechsels. Menschen, die viel davon haben, sind tendenziell jünger, schlanker und haben weniger Diabetes, weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und möglicherweise auch eine geringere Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Das Problem ist, dass braunes Fett sich im Alter abbaut.

WELT: Wie gelingt es, braunes Fett zu erhalten oder sogar zu vermehren?

Hollstein: Der wichtigste Reiz, um braunes Fett zunächst zu aktivieren und langfristig zu vermehren, ist Kälteexposition. Wenn der Körper mit Kälte konfrontiert wird, muss er die Heizung anschalten. Wird er regelmäßig Kälte ausgesetzt, wird die Heizung leistungsfähiger. Wer sich regelmäßig Kälte aussetzt, kann sein braunes Fett vermehren und seinen Stoffwechseltyp vermutlich in Richtung eines eher verschwenderischen Stoffwechsels verändern. In Bezug auf den Stoffwechseltyp ist das noch nicht durch Studien belegt. Belegt ist aber, dass regelmäßige Kälteexposition die Menge an aktivem braunem Fett erhöhen kann.

WELT: Über welche Temperaturen sprechen wir da?

Hollstein: Das ist eine Frage, die wissenschaftlich bislang noch nicht umfassend untersucht wurde. In den bisherigen Studien wurden Probanden meist für vier bis sechs Stunden in einen 16 Grad kalten Raum gesetzt. Sie waren leicht bekleidet und haben leicht gefroren. Gleichzeitig wurde aber darauf geachtet, dass sie nicht stark zitterten oder durch die Kälte Schmerzen bekamen. Praktischer für den Alltag ist Kälteexposition im Wasser. Ich bin leidenschaftlicher Eisbader und halte mich so lange im Wasser auf, wie die Wassertemperatur in Grad Celsius beträgt – also fünf Minuten bei fünf Grad. Damit setzt man bereits einen Kältereiz, der ausreicht, um das braune Fett zu aktivieren. Wichtig ist die Regelmäßigkeit. Deshalb empfehle ich, zwei- bis dreimal pro Woche kalt zu baden. Für einen milderen Kältereiz bin ich im Winter oft in kurzer Hose und T-Shirt unterwegs. Und ich dusche natürlich kalt.

WELT: Woran lässt sich der eigene Stoffwechseltyp erkennen?

Hollstein: Wenn ein Mensch Kälte gut ertragen kann oder nach einer protein- oder kohlenhydratreichen Mahlzeit stark zu schwitzen beginnt, spricht das eher für einen verschwenderischen Stoffwechsel. Das Schwitzen könnte auf eine Aktivierung des braunen Fetts hindeuten. Auch Menschen, die nach längerer Sportpause eher abnehmen, zählen dazu. Treiben Menschen mit verschwenderischem Metabolismus mehr Sport, nehmen sie wahrscheinlich schwerer an Muskelmasse zu.

WELT: Wenn jemand sich anhand dessen als sparsamen Stoffwechseltyp einordnet – was kann die Person tun, um ihren Stoffwechsel anzukurbeln?

Hollstein: Es gibt bestimmte Lebensmittel, die den Stoffwechsel ankurbeln. Schärfe, die auch in Chili enthalten ist, kann das braune Fett und damit den Stoffwechsel anregen. Ingwer, Kaffee und grüner Tee gehören auch dazu. Zusätzlich helfen proteinreiche Kost und resistente Stärke. Die Hauptmahlzeit sollte man morgens zu sich nehmen.

WELT: Was halten Sie von Diäten?

Hollstein: Wir sollten dringend aufhören, gegen unseren Stoffwechsel zu arbeiten. Evolutionsbiologisch spart der Mensch stets Energie, um zu überleben. Dauerhafte Crash-Diäten haben einen nachteiligen Effekt. Sie aktivieren Sparprogramme unseres Metabolismus. Der Körper holt sich das Gewicht in kürzester Zeit wieder zurück. Der Schlüssel ist eine Ernährungsumstellung. Ich sage meinen Patienten immer: Ihr Übergewicht hat sich nicht innerhalb von sechs Wochen entwickelt, sondern eher innerhalb von zehn Jahren. Dann sollten Sie sich auch Jahre dafür Zeit nehmen, das Gewicht wieder zu verlieren.

WELT: Viele Menschen zählen Kalorien, um in ein Kaloriendefizit zu kommen. Wie schätzen Sie das ein?

Hollstein: Menschen denken oft, dass sie durch Kalorienzählen genau berechnen können, wie viele Kalorien sie verbrauchen und aufnehmen können, um so im Kaloriendefizit zu sein und an Gewicht zu verlieren. Das funktioniert aber bei vielen nicht, weil dabei mehrere Faktoren außer Acht gelassen werden.

WELT: Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Hollstein: Ein Faktor sind die Angaben auf den Nahrungsmittellabels. Auf einer Packung Mandeln steht angegeben, dass 100 Gramm etwa 600 Kilokalorien sind. Lebensmittelhersteller können aber um bis zu 20 Prozent von der wirklichen Kalorienangabe abweichen. Der zweite Faktor ist der Verarbeitungsgrad. Dieser entscheidet darüber, wie viele Kalorien von denen, die in dem Lebensmittel drin sind, wirklich vom Darm aufgenommen werden. Wenn wir unverarbeitete Mandeln essen, nehmen wir dreißig Prozent weniger Kalorien auf, als angegeben. Essen wir Mandelmus, nehmen wir nahezu 100 Prozent der Kalorien in den Körper auf.

WELT: Sie haben auch ein Buch über den Stoffwechsel geschrieben. Darin erwähnen Sie das „Kalorienparadox“. Was bedeutet das?

Hollstein: Das Kalorienparadox greift auch einen Irrtum auf. Viele denken: Wenn ich eine Stunde auf dem Laufband trainiere und dabei laut Anzeige 600 Kilokalorien verbrauche, kann ich später auch 600 Kilokalorien zusätzlich essen. So einfach funktioniert es aber leider nicht. Der Körper ist auf Effizienz ausgelegt. Wenn auf dem Laufband nach einer Stunde 600 Kilokalorien angezeigt werden, hat der Körper netto oft deutlich weniger zusätzlich verbraucht – eher 300 Kilokalorien. Denn sobald er merkt, dass für Bewegung und Muskelarbeit viel Energie benötigt wird, kann der Körper an anderer Stelle Energie einsparen. Andere Körperfunktionen laufen dann effizienter ab, etwa in den Nieren oder in der Leber. Dieses Phänomen nennt man metabolische Kompensation.

WELT: Wie wichtig ist Sport dann überhaupt?

Hollstein: Viele Studien zeigen, dass Abnehmen mit Sport allein nicht funktioniert, weil der Körper das eben metabolisch kompensiert. Zudem isst man automatisch mehr, wenn man sich viel bewegt. Es ist kaum möglich, sich dagegen zu wehren, weil unser Gehirn ein stetiges Hungergefühl empfindet, um die verlorenen Kalorien wieder aufzunehmen. Stattdessen sollte die Ernährung umgestellt werden.

WELT: Was können manche Menschen tun, denen trotz dieser Faktoren das Abnehmen nicht gelingt?

Hollstein: Sie sollten ärztlichen Rat einfordern. Meist liegt dann eine Stoffwechselstörung vor. Manche hormonelle Erkrankungen verursachen Übergewicht. Dazu zählt auch eine Schilddrüsenunterfunktion. Wenn jemand in kurzer Zeit stark zunimmt, vor allem am Bauch, gleichzeitig ein auffällig rundes Gesicht entwickelt, Arme und Beine aber vergleichsweise schlank bleiben, kann das auf eine übermäßige Cortisolproduktion hinweisen.

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