Mehr als die Hälfte der erwachsenen Frauen und Männer in Deutschland isst zu viel und bringt zu viele Pfunde auf die Waage. Doch auch das Gegenteil kann hierzulande zum Problem werden: Mangelernährung – und das ausgerechnet in Krankenhäusern, wo Patienten doch eigentlich gut versorgt werden sollten.
Bislang gingen Schätzungen davon aus, dass etwa 20 bis 30 Prozent der stationär versorgten Patienten mangelernährt sind. Ein Medizinerteam aus Würzburg, Berlin und Hannover hat nun erstmals die anonymisierten Abrechnungsdaten mehrerer Krankenkassen ausgewertet. Demnach wurde im Zeitraum von 2017 bis 2024 nur bei einem Prozent der Krankenhaus-Patienten eine Mangelernährung diagnostiziert, berichten die Forscher im Fachmagazin „Deutsches Ärzteblatt International“.
Die Studie zeigt die tatsächliche Versorgungsrealität in deutschen Krankenhäusern. Mangelernährung wird offensichtlich zu selten erkannt und entsprechend behandelt – etwa mit entsprechenden Infusionen. Es fehlt ein verpflichtendes, flächendeckendes Screening bei der Aufnahme. Anders als etwa in den Niederlanden gibt es keine Vorgaben, Patienten systematisch auf ein Ernährungsrisiko zu untersuchen.
Dorothee Volkert, Professorin für Klinische Ernährung im Alter an der Universität Erlangen-Nürnberg, sieht in der Arbeit einen Beleg für ein grundlegendes Problem in Deutschland: „Sie zeigt das äußerst geringe Bewusstsein für die Problematik und den bisher quasi nicht existenten Stellenwert der Ernährung in der Medizin.“ Hinzu kommen strukturelle Defizite.
Professorin Kristina Norman vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke nennt „Zeitmangel durch die hohe Dokumentationslast“, „unzureichende Schulungen“ sowie die „geringe Priorisierung von Ernährungsfragen“ gegenüber anderen medizinischen Problemen als wesentliche Ursachen für die unzureichende Erfassung von Mangelernährung in Krankenhäusern selbst bei besonders gefährdeten Patienten.
Lebenswichtige Nährstoffe fehlen
Mangelernährung ist oft die Folge einer Krebserkrankung, von Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder altersbedingten Einschränkungen. Die Betroffenen können insgesamt zu wenig Nahrung aufnehmen oder aber Nahrung wird schlechter verwertet. So fehlen dauerhaft Energie, Eiweiße und lebenswichtige Nährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe. Die Häufigkeit dokumentierter Mangelernährung variiert je nach Fachgebiet, heißt es in der Studie. Die höchsten Raten wurden in der Inneren Medizin beobachtet.
Die Studie belegt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Mangelernährung und einem insgesamt schlechteren Gesundheitszustand. So war die Sterblichkeit bei Patienten mit einer diagnostizierten Mangelernährung doppelt so hoch wie bei anderen Patienten ohne diese Diagnose. Es kam zu häufigeren Wiederaufnahmen ins Krankenhaus. Und die Gesundheitskosten pro Person erhöhten sich im Vergleich zu anderen Patienten im Durchschnitt um mehr als 4000 Euro.
Die Analyse zeige, „dass eine erhebliche Diskrepanz zwischen der hohen Belastung durch Mangelernährung und deren unzureichender Erkennung und Behandlung in der Routineversorgung besteht“, schreiben die Autoren. Sie zeige die Notwendigkeit „systematischer Screenings und strukturierter Versorgungswege“, um die Behandlungsergebnisse zu verbessern und die Gesundheitskosten zu senken.
Bis Ende 2027 soll der Gemeinsame Bundesausschuss im Rahmen des neuen Krankenhausreformgesetzes eine bundesweite Richtlinie vorlegen, die die Erkennung und Behandlung von Mangelernährung in Krankenhäusern regelt. Michael Adolph, ärztlicher Leiter der Stabstelle Ernährungsmanagement am Universitätsklinikum Tübingen, erwartet von dieser Richtlinie vor allem, dass sie nicht bei der Forderung nach einem Screening stehenbleibt, sondern einen vollständigen Versorgungspfad beschreibt.
„Ein positiver Screening-Befund muss verbindlich eine weiterführende Diagnostik und – wenn erforderlich – eine qualifizierte Ernährungstherapie auslösen“, erklärte Adolph. „Entscheidend ist, Mangelernährung nicht erst bei einem deutlichen Gewichtsverlust oder fortgeschrittener klinischer Ausprägung zu erkennen, sondern systematisch bereits bei der Aufnahme nach einem Ernährungsrisiko zu suchen.“
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke