Tim Wagner* geht in der Küche auf und ab. Auf dem rechten Arm wiegt er seine drei Monate alte Tochter hin und her. Aus dem Radio tönt „Every Breath You Take“ von The Police. Es ist drei Uhr nachts. Sein Baby, das seit Stunden schreit, hält er im Fliegergriff, also in Bauchlage, den Kopf in der Armbeuge ruhend. Die Position soll dabei helfen, Säuglinge zu beruhigen und Bauchschmerzen zu lindern.
Diese schlaflosen Nächte sind längst vorbei. Wagner aber erinnert sich noch genau: „Sie hat einfach nicht aufgehört, zu schreien. Wir waren am Ende unserer Kräfte.“ Er und seine damalige Frau haben sich mit dem Baby abgewechselt. An den Wochenenden haben auch die Großeltern gelegentlich unterstützt. „Ich weiß wirklich nicht, was wir gemacht hätten, wenn wir weit entfernt in einer fremden Stadt gewohnt hätten“, sagt der heute 54-Jährige.
Übermäßiges Schreien ist keine Seltenheit: Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) betrifft es in Deutschland rund 16 Prozent der Babys in den ersten drei Lebensmonaten. Bis zum sechsten Lebensmonat geht der Anteil auf etwa sechs Prozent zurück. Danach sind es nur noch 2,5 Prozent der Babys, die ungewöhnlich viel schreien.
Doch wann ist es nicht mehr normal? Tanja Brunnert ist Kinderärztin in Göttingen und Bundespressesprecherin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Medizinisch spricht man von einem Schreibaby, wenn das Baby mehr als drei Stunden täglich, an mehr als drei Tagen in der Woche weint und das über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen“, sagt Brunnert.
Wenn sich ihr Baby über Stunden nicht beruhigen lässt, sollten Eltern vor allem eins tun: Ruhe bewahren. „Je ruhiger man selbst ist, umso besser kann man auch das Baby beruhigen“, betont Brunnert. Aus Verzweiflung würden viele Eltern Fehler machen. „Eltern neigen dazu, bei anhaltendem Weinen die Position, in der wir die Babys halten, häufig zu verändern. In der Hoffnung, dass sich das Kind dann beruhigt.“
Ein Schreibaby habe aber Probleme mit der Regulation, es komme nicht zur Ruhe. „Ein häufiger Wechsel der Lagerung verbessert dies nicht. Auch andere Aktionen wie Hüpfen, schlimmstenfalls auf dem Gymnastikball, drehen die Spirale immer höher“, warnt Brunnert. Anfangs könnten diese Strategien kurz helfen, aber von Tag zu Tag wird mehr Input benötigt. „Das Kind braucht Ruhe. Daher sollten Eltern eine Position einnehmen, die sie auch für mindestens 30 Minuten halten können.“ Auch ruhig und beruhigend mit dem Baby zu sprechen oder zu singen könne helfen.
Mit dem Baby im Auto umhergefahren
Wagner und seine Frau hatten ein ungewöhnliches Hilfsmittel gefunden: Autofahren. „Wir sind oft nachts durch die Straßen gefahren. Immer abwechselnd, damit der andere mal Schlaf bekommt. Das hat sie beruhigt und sie konnte schlafen“, sagt der Informatiker.
„Ich habe damals Vollzeit gearbeitet, hatte keine Elternzeit. Das war wirklich anstrengend.“ Sobald das Auto anhielt, wachte die Kleine wieder auf. Tagsüber habe sie am tiefsten geschlafen, wenn sie im Kinderwagen war. „Die stetige Bewegung, die frische Luft taten ihr gut.“
Viele Eltern fühlen sich schuldig, wenn sie ihr Baby nicht beruhigen können. Diesen Eltern möchte Brunnert vor allem eins mitgeben: „Ich möchte ihnen mitteilen, wie häufig dieses Phänomen insgesamt ist und wie regelmäßig ich in meiner Praxis mit Eltern darüber spreche. Sie sind nicht allein. In aller Regel haben sie auch nichts falsch gemacht.“
Doch nicht immer steckt hinter dem Schreien eine Regulationsstörung. Manchmal kann es auch eine ernsthafte medizinische Ursache haben. „Wir bieten Eltern an, dass wir das Kind untersuchen, wenn die Schreiphasen beunruhigend sind“, sagt Brunnert. Auch Wagner und seine Frau haben den Kinderarzt aufgesucht. „Er hat gemeint, dass sie wohl Bauchschmerzen habe, und uns Tropfen verschrieben. Die haben auch ein wenig geholfen.“
Warum manche Babys stundenlang schreien, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Eine Studie aus dem Jahr 2023 liefert Hinweise darauf, dass auch die Darmflora eine Rolle spielen könnte: Forscher fanden bei Babys mit Koliken eine veränderte Zusammensetzung des Mikrobioms im Vergleich zu Babys ohne starke Schreiphasen.
Besonders auffällig war ein geringerer Anteil bestimmter nützlicher Bakterien wie Bifidobakterien. Die Ergebnisse legen nahe, dass Darm und Schreiverhalten miteinander verbunden sein könnten. Sie erklären aber nicht allein, warum ein Baby zum Schreibaby wird.
Dass die Ursachen komplex sind, bestätigt auch eine Studie aus den USA, die verschiedene frühe Risikofaktoren für Koliken und starkes Schreien untersucht hat. Nicht nur das Baby selbst, sondern auch Faktoren rund um Schwangerschaft, Geburt und die familiäre Situation können eine Rolle spielen.
Unter anderem fanden die Forscher Zusammenhänge mit pränatalem Stress der Mutter, bestimmten Geburtsfaktoren und der frühen Ernährung. Die Autoren betonen jedoch, dass es keine einzelne Ursache für das Phänomen „Schreibaby“ gibt. Exzessives Schreien entsteht wahrscheinlich durch ein Zusammenspiel verschiedener biologischer und psychosozialer Faktoren.
Dauerhaftes Schreien bringt Eltern schnell an ihre Belastungsgrenze, weshalb es wichtig ist, dass sie sich eine Pause erlauben. „Wenn Eltern merken, dass sie selbst unruhig und aggressiv werden, ist es wichtig, das Kind in sein Bettchen zu legen und ihm zu sagen, dass man kurz das Zimmer verlässt, aber wiederkommt. Ich empfehle immer: Gehen Sie auf den Balkon oder ans Fenster, schreien Sie selbst mal laut, trinken Sie einen Tee oder Kaffee und beruhigen Sie sich selbst. Keinesfalls darf das Kind geschüttelt werden“, warnt Brunnert.
Eine normale Entwicklungsphase
Eine repräsentative Befragung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) zeigt, dass in Deutschland noch große Wissenslücken beim Thema Babyschreien und Schütteltrauma bestehen. Rund zwei Drittel der Befragten wussten nicht, dass es im ersten Lebensjahr eine normale Entwicklungsphase gibt, in der auch gesunde und gut versorgte Babys täglich lange schreien können. Gleichzeitig war vielen Menschen nicht bewusst, wie gefährlich Schütteln für Säuglinge ist.
24 Prozent der Befragten glaubten fälschlicherweise, dass Schütteln einem Baby nicht schade. 42 Prozent der 16- bis 49-Jährigen kannten den Begriff Schütteltrauma nicht einmal. Langanhaltendes Schreien gilt als einer der wichtigsten Auslöser für Situationen, in denen Eltern oder andere Betreuungspersonen die Kontrolle verlieren können. Die Forscher betonen deshalb die Bedeutung von Aufklärung und Unterstützung für erschöpfte Eltern.
Nicht nur für das eigene Wohlbefinden ist ein Schreibaby belastend, auch die Auswirkungen auf die Partnerschaft und das Familienleben können immens sein, meint Brunnert. Als Lösungsansatz können sich Eltern Entlastungsphasen schaffen. „Etwa einmal am Tag allein spazieren oder zum Sport gehen“, sagt die Kinderärztin.
„Wir bieten in unserer Praxis einen Termin in der sogenannten Familiensprechstunde an. Hier beraten Familienhebammen die Eltern und bieten auch eine Anbindung mit häuslichen Besuchen an“, so Brunnert weiter.
Tim Wagner bestätigt, dass ein Schreibaby eine große Belastung für eine Beziehung ist. „Man ist durch den Schlafmangel gereizt. Ein großes Problem ist auch, dass man kaum noch Zeit für sich oder den Partner hat. Tagsüber arbeitet man, nachts versucht man, das Kind zu beruhigen.“ Um dem anderen Erholungspausen zu gönnen, ist immer einer mit dem Baby in die Küche gegangen, während der andere im Schlafzimmer Ruhe fand. Das Zimmer war am weitesten entfernt von der Küche.
Wenn die Verzweiflung groß ist, sollten sich Eltern frühzeitig professionelle Hilfe suchen, etwa in Schreiambulanzen oder bei Erziehungsberatungsstellen, meint Brunnert. Eltern, die gerade mitten in dieser anstrengenden Phase stecken und das Gefühl haben, sie schaffen es nicht mehr, rät die Expertin: „Holen Sie sich Unterstützung! Bitten Sie Freundinnen und Freunde, mal Essen vorzukochen, nehmen Sie die Unterstützung der netten Nachbarin für einen Spaziergang mit dem Kind an. Und wenn niemand vor Ort ist: Versuchen Sie es bei Kinderwagencafés und anderen Anlaufstellen.“
Wagner und seine Frau hatten ein Buch, das Eltern erklärt, was sie über Neugeborene wissen sollten: „Das war wirklich hilfreich.“ An Tagen, an denen sie besonders viel schrie, zahnte sie. Hatte sie Bauchschmerzen, half Massieren im Uhrzeigersinn. „In dem Buch stand auch, dass das Schreien mit sechs Monaten aufhören würde, und genauso war es. Danach war sie ein einfaches Baby.“ Wagner und seine damalige Frau bekamen noch zwei weitere Kinder.
Der Sohn war tagsüber sehr fordernd, aber nachts schlief er gut durch. Das dritte Kind war sehr anhänglich, ließ seine Eltern kaum los. Ein Schreibaby bekamen die Wagners nicht mehr. Anderen Eltern rät er: „Habt ganz viel Geduld. Haltet durch. Es wird besser.“
Heute hat Wagner ein enges Verhältnis zu seiner mittlerweile 19-jährigen Tochter. „Was ich besonders schön finde, ist, dass sie auch The Police mag. ‚Every Breath You Take‘ ist unser Lied. Fast so, als könnte sie sich auch noch an diese Zeit erinnern.“
*Name geändert
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