In einer Höhle in Südsibirien machten Archäologen einen ungewöhnlichen Fund. Ein einzelner Mahlzahn eines Neandertalers, der vor fast 60.000 Jahren lebte, weist ein tiefes Loch auf, welches offenbar mit einem scharfen, dünnen Steinwerkzeug zu Lebzeiten seines Besitzers angelegt worden war. Es ist der früheste bisher bekannte Nachweis einer Zahnbehandlung.

Die Vorstellung einer Wurzelkanalbehandlung aus der Steinzeit erscheint unerträglich. Doch der Fund liefert nach Ansicht der Archäologen bemerkenswerte Einblicke in das fortgeschrittene Verhalten der Neandertaler – und möglicherweise in ihre zähe Natur.

Dr. Ksenija Kolobova, Archäologin an der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Nowosibirsk, sagte: „Diese Entdeckung bekräftigt nachdrücklich die inzwischen gut belegte Auffassung, dass Neandertaler nicht die brutalen, minderwertigen Vettern überholter Klischees waren, sondern eine hoch entwickelte menschliche Bevölkerung mit komplexen kognitiven und kulturellen Fähigkeiten. Sie fügt der wachsenden Liste fortgeschrittener Neandertaler-Verhaltensweisen eine gänzlich neue Dimension hinzu – nämlich invasive medizinische Behandlung.“

Die Tschagyrskaja-Höhle, in Südsibirien, wo der Mahlzahn unter Überresten von Neandertalern und Tausenden Werkzeugen entdeckt wurde

Es ist das erste Mal, dass Zahnbohren außerhalb des Homo sapiens nachgewiesen wurde, und es ist das älteste Beispiel eines solchen Verhaltens – um mehr als 40.000 Jahre.

Ein Zahnmedizinprofessor, der laut dem „Guardian“ Aufnahmen des Zahns begutachtete, ohne an der Forschung beteiligt zu sein, bewertete die Arbeit des Neandertalers als „ordentliche Leistung“.

Der gefundene Mahlzahn des Neandertalers in verschiedenen Ausrichtungen

„Wenn ich das als Prüfungsarbeit eines Zahnmedizinstudenten bewerten würde, würde ich keine Eins geben, aber angesichts der Umstände ist es ziemlich beeindruckend“, sagte Justin Durham, Professor für orofazialen Schmerz an der Universität Newcastle und leitender wissenschaftlicher Berater der British Dental Association.

Die geglätteten Ränder des gebohrten Hohlraums sowie Abnutzungsmuster in seinem Inneren deuten darauf hin, dass die betroffene Person den Eingriff überlebte und den Zahn danach noch einige Zeit zum Kauen benutzte.

Der auf etwa 59.000 Jahre datierte Zahn wurde in Tschagyrskaja gefunden, wo Überreste von Neandertalern und Tausende Steinwerkzeuge ausgegraben wurden. Der untere Mahlzahn weist in seiner Mitte ein tiefes Loch auf, das bis in die Pulpahöhle reicht. Mikroskopische Röntgenaufnahmen zeigten Veränderungen in der Mineralisation, die auf schweren Zahnverfall hindeuteten.

Der gefundene Mahlzahn weist deutliche Rotationsspuren von Bohrwerkzeugen auf

Die Forscher führten Experimente an drei modernen menschlichen Zähnen durch und konnten nachweisen, dass ein Loch gleicher Form mit denselben mikroskopischen Rillenmustern durch das manuelle Drehen eines schmalen, länglichen Werkzeugs aus lokalem Jaspis zwischen zwei Fingern erzeugt werden kann. Das Eindringen in das Dentin auf diese Weise dauerte zwischen 35 und 50 Minuten ununterbrochener Arbeit, so die im Fachjournal „PLOS One“ veröffentlichte Studie.

„Es muss qualvoll gewesen sein“, sagte Kolobova. Durham bezeichnete den Eingriff als „den Beginn einer Wurzelkanalbehandlung“ und erklärte, dass er den Schmerz kurzfristig gelindert haben dürfte.

„Der Zahn ist eine geschlossene Kammer. Der Druck, der sich bei einer Infektion aufbaut, verursacht den intensiven, schmerzhaften, pochenden und pulsierenden Zahnschmerz, den Menschen kennen“, sagte er. „Wenn man ein großes Loch in den Zahn bohrt, wie es dieser Neandertaler-Zahnarzt getan hat, wird dieser Druck abgebaut.“

Experimentelle Werkzeuge, welche aus lokalem Jaspis-Stein hergestellt wurden. Gestrichelte Linien zeigen die aktiven Flächen

„In der modernen Zahnmedizin verwenden wir diamantbesetzte Bohrer, die mit mehr als 40.000 Umdrehungen pro Minute laufen, um durch die äußere Zahnoberfläche zu gelangen“, fügte Durham hinzu. „Das ist also eine ziemlich außergewöhnliche Leistung, weshalb ich meinen Hut vor dem Neandertaler ziehe, der das getan hat. Es zeigt meiner Meinung nach wirklich hochwertiges Denken und hochwertige Fähigkeiten.“

Der Patient schien noch einige Zeit zu überleben, doch ohne Füllung wäre der Zahn anfällig für chronische Infektionen gewesen.

Es gibt frühere Belege dafür, dass Neandertaler sich um kranke und schwache Gruppenmitglieder kümmerten. Diese umfassen die Entdeckung eines erwachsenen Mannes mit einem verkrüppelten Arm und Verformungen an beiden Beinen sowie eines Kindes mit Down-Syndrom, das mindestens bis zum Alter von sechs Jahren überlebte. Die jüngste Entdeckung zeigt nicht nur Mitgefühl, sondern auch ein beeindruckendes Maß an Selbstbeherrschung seitens des Patienten.

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