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Die Tierarztkosten steigen seit Jahren rasant an. Der Dokumentarfilmer Berndt Welz warnt, dass sich Geringverdiener und Rentner bald keine Haustiere mehr leisten könnten.

Transparenzhinweis: Berndt Welz ist mit dem Autor dieses Interviews persönlich bekannt. Beide arbeiteten früher für Wissensformate des Senders Pro Sieben.

Berndt, du bist Besitzer von zwei Katzen. Würdest du alles geben, wenn sie schwer krank würden?
Auf jeden Fall, aber natürlich mit einer Grenze: Nur solange der Tierarzt das Leiden mit sinnvollen Therapiemaßnahmen verringern kann. Das ist immer eine Abwägungssache. 

Gibt es auch eine finanzielle Grenze?
Eine sehr schwere Frage. Nach den Erkenntnissen, die ich für meinen Film gewonnen habe, würde ich sagen: Ja, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Tierliebe finanziell ausgebeutet wird oder meine Existenz auf dem Spiel steht. Aber es ist heikel. Das Tierschutzgesetz verpflichtet uns ja, sehr viel dafür zu tun, dass es dem Tier gut geht. Theoretisch droht sonst eine Strafanzeige. Und das wird gerade zu einem Riesenproblem, weil sich ja immer mehr Leute die steigenden Tierarztkosten nicht mehr leisten können.

© privat

Zur Person

Berndt Welz produziert seit vielen Jahren Dokumentarfilme mit dem Schwerpunkt Umwelt-, Klima- und Naturthemen. Der Film „Tierisch teuer – was hinter den hohen Tierarztkosten steckt“ des gelernten Journalisten wird am Dienstag, 19. 5. 2026, in der Reihe „Die SWR-Story“ im Südwestrundfunk ausgestrahlt und ist dann auch in der ARD-Mediathek und auf Youtube abrufbar.

Waren deine eigenen Katzen der Anlass, dass du über die explodierenden Tierarztkosten recherchiert hast?
Tatsächlich ja. Mein Kater Louis, ein Abessinier, hatte Magenprobleme und ich ging zu einer Tierklinik im Süden Bayerns. Die sagten: Lassen Sie ihn über Nacht da, wir müssen ihn beobachten. Er kam in einen Raum mit anderen Katzen, die in Körben saßen. Was in der Nacht gelaufen ist, weiß ich nicht, ob die da stündlich reingeschaut haben oder Blut abgenommen haben. Therapeutisch ist nichts passiert.

Am nächsten Morgen gab mir die Tierärztin Magentabletten mit. Diese Nacht kostete mich 400 Euro. Das ist schon vergleichbar mit den Beträgen, die uns Menschen eine Nacht in einem gut ausgestatteten Krankenhaus kostet – aber da zahlt es die Krankenkasse.

Ein Ehepaar, das du interviewt hast, führt vor Augen, was dir ja auch irgendwann blühen könnte. An ihrem Kater Rötte, 16 Jahre alt und schwer krank, wurde eine Maximaltherapie versucht, elf Tage, 19.000 Euro. Was ist da passiert?
Der Kater hatte Leukämie, eine Chemo hinter sich, dann kamen eine Bauchspeicheldrüsenentzündung und eine Hepatitis dazu. An der Klinik fragte der Halter, wie die Chancen stünden, bekam aber keine Antwort, wie er uns erzählte. Aber natürlich hatten er und seine Frau große Hoffnungen, sie liebten Rötte ja wie ein Familienmitglied. 

Und Rötte wurde wohl mehrfach operiert, Bilder zeigen ihn mit Schlauch an der Nase, Halskrause und trüben Augen, dem ging es nicht mehr gut. Die beiden holten ihn nach Hause, einen Tag später wurde er eingeschläfert. Eine Tierärztin, der ich den Fall schilderte, sagte: Da hätte man angesichts seines Alters die Frage stellen sollen: Lohnt sich diese Therapie wirklich noch oder ist es besser, ihn einzuschläfern und ihm viel Leid zu ersparen? Menschen können so was verfügen, aber den Kater konnte man ja nicht fragen.

Du hast die leitende Tierärztin der Klinikkette dazu befragt …
Die sagte mir, man hätte dem Paar aufgezeigt, was mit der modernen Tiermedizin alles möglich ist. Am Ende sei es natürlich die Entscheidung der Tierhalter. Das Paar sagte mir, über die Möglichkeit, dem Tier das Leid zu ersparen, hätte man nicht gesprochen. 

Die Konzerntierärztin sagte auch, Rötte wäre an der Tierklinik noch weiter behandelt worden, man sei also diagnostisch und therapeutisch noch nicht am Ende gewesen, aber die Tierhalter hätten das nicht gewollt. Es ist sicher ein komplexer Fall, und wir können ihn nur auf der Basis dieser Informationen bewerten. Ob Rötte wirklich Aussichten gehabt hätte, noch länger weiterzuleben, wenn die Therapie weiter fortgesetzt worden wäre, das kann ich nicht beurteilen.

Und hat man den beiden gesagt, worauf sie sich da finanziell einlassen?
Nach meinen Informationen nicht. Tatsächlich wehren sich Tierkliniken oft gegen Kostenvoranschläge. Man argumentiert dann mit dem Alter des Tieres, seinen anderen Krankheiten oder auch damit, dass man nicht vorhersehen könne, ob das Tier zum Beispiel während der Behandlung aggressiv wird. Das alles würde die Behandlung teurer machen.

Nach deinen Recherchen sind die Preise ja erst vor dreieinhalb Jahren plötzlich explodiert. Was war da der Anlass?
Die Tierärzte haben schon lange geklagt, dass sie zu wenig verdienen. Im November 2022 wurde dann eine neue Gebührenordnung für Tierärzte verabschiedet. Dabei haben die Tierärzte die Bestimmungen und Verordnungen für die Entlohnung selbst bestimmt, ohne ein Korrektiv. 

In der Humanmedizin gibt es die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen, die sich dann zusammensetzen und einigen. Aber damals gab es keine solchen Interessenvertreter, keinen Verband der Tierhalter, der hat sich erst daraufhin gegründet. Und an den Verbraucherzentralen ging das Thema vorbei. Der Gesetzesvorschlag kam aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, aus einer Abteilung, in der nach meinen Informationen lauter Tierärzte sitzen. Und so ist das schnell durchgeboxt worden, während Politiker damals mit anderen Themen beschäftigt waren.

Und um wie viel Prozent sind die Preise da gestiegen?
Laut Bundestierärztekammer sollten die Tierärzte ungefähr 20 Prozent mehr bekommen. Aber wie wir bei den Recherchen feststellten, liegen die Aufschläge bei bis zu 500 Prozent.

Wie ist das möglich?
Über mehrere Hebel. Zum einen die Gebührenhöhe. Da kostet die Routineuntersuchung einer Katze nun nicht mehr etwa acht, sondern eben 23 Euro. Dann kann nach einem einfachen, aber auch bis zum dreifachen und im Notdienst sogar vierfachen Satz abgerechnet werden. Zu wie viel, das bestimmt der Tierarzt selbst. Und schließlich gibt es in der Tiermedizin keine Fallpauschalen so wie an Krankenhäusern. Das heißt: Jeder einzelne Handgriff, jede Pinzette, jedes Tüchlein, jeder Schlauch, der da benutzt wird, wird extra berechnet.

Als weitere Ursache für die Preisexplosion identifizierst du zwei Lebensmittelkonzerne: Nestlé und Mars. Was haben die denn mit der Tiermedizin zu tun?
Beide Konzerne stellen Tierfutter und auch Tierarzneimittel her. Die haben offenbar entdeckt, dass eine Diversifizierung gut zur Unternehmensstrategie passt. Ich habe Investorenprospekte eingesehen, da steht drin, dass die Voraussetzungen für gute Renditen extrem gut seien, weil Tiere vor allem in Deutschland, mehr als in anderen Ländern, von ihren Haltern wie Familienmitglieder gesehen würden. 

Und sie haben, vermute ich, dabei einkalkuliert, dass die neue Gebührenordnung unglaubliche Renditen verspricht, viel höher als im Einzelhandel. Eine der großen Ketten liegt in den Händen von Mars, die der Konzern von einem Private-Equity-Unternehmen laut Brancheninsidern für drei Milliarden Euro gekauft hat. Nestlé ist Teilhaber bei der anderen Kette, IVC Evidensia.

Eine geschickte Geschäftsstrategie … 
Genau. Zumal man es auf der anderen Seite des Marktes mit unwissenden Opfern zu tun hat, die die Rechnungen, die sie dann bekommen und die teilweise 40 Seiten lang sind, alle kleinsten Details aufgeschrieben, gar nicht verstehen.

Die niedergelassene Tierärztin Kirsten Tönnies bereitet die Kastration eines Kaninchens vor. Sie nimmt dafür einen Pauschalpreis von 150 Euro. An einer Konzern-Tierklinik würde der Eingriff deutlich mehr kosten.

Und du hast mit Kaninchenbrüdern getestet, um wie viel teurer auch alltägliche Eingriffe werden können. Was kam dabei raus?
Die beiden Rammler, die zusammenlebten, sollten kastriert werden. Denn wenn sie älter werden, dann werden sie aggressiv gegeneinander. Die niedergelassene Tierärztin bot so eine OP für einen Pauschalpreis von 150 Euro an. Sie sagte, es sei ein Routineeingriff und in 20 Minuten erledigt. Bei der Tierklinik, bei der wir inkognito waren, wären es zwischen 700 und 900 Euro, also das fünf- bis sechsfache.

Gab es auch eine Erklärung?
Die Konzernsprecherin sagte uns später, es sei eine der modernsten Tierkliniken Europas. Dort arbeiteten hoch spezialisierte Tierärzte auf dem neuesten Stand der Technik. Vier Mann seien bei dem Eingriff eingebunden. Es würden Inhalationsnarkosen gemacht. Und später bleibe eine Person eine Stunde dabei, bis das Tier aufwache. Klingt sehr aufwendig im Vergleich zu unserer niedergelassenen Tierärztin, die den Eingriff alleine durchziehen würde. 

Eine Woche nach dem Interview bekamen wir eine E-Mail, dass der Arzt sich getäuscht habe, es sei der Preis für ein Weibchen gewesen. Bei Rammlern käme man auf 390 Euro – aber auch das ist ja immer noch mehr als doppelt so hoch wie bei der Tierärztin.

In der Humanmedizin gibt es Kontrollinstanzen. Zum Beispiel den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, der Rechnungen prüft …
Die einzigen, die Tierarztrechnungen prüfen, sind die Tierärztekammern. Die achten aber nur darauf, ob diese Rechnungen formal okay sind. Sie achten nicht darauf, ob da Wucher betrieben wurde.

Also besser eine Krankenversicherung für das Tier abschließen? Die gibt es ja.
Für Hunde, Katzen und Pferde ja, für Kleintiere oder Fische nicht. Aber auch diese Versicherungen helfen nur begrenzt, denn wenn es zu teuer wird, können sie gekündigt werden. So wie im Fall eines Pferdes, wo die Halterin etwa 700 Euro Beiträge im Jahr gezahlt hat. Dann bekam das Pferd eine Augenkrankheit, die drei Monate behandelt werden musste, es verlor dabei ein Auge. Die Rechnung belief sich auf 56.000 Euro. Danach wurde die Halterin rausgeworfen, jetzt steht sie ohne Versicherung da.

Was können Tierhalter in der heutigen Situation tun, um nicht über den Tisch gezogen zu werden?
Noch hat man die Auswahl. Es gibt etwa 10.000 Tierarztpraxen in Deutschland und etwa 400 Tierkliniken in der Hand von Konzernen. Bei den meisten medizinischen Problemen würde ich mit meinen Katzen zu einem guten Tierhausarzt gehen, der möglichst schon seit 30 Jahren seinen Job macht. Im Fall meiner Katze mit Magenproblemen hätte der wahrscheinlich gesagt: Geben Sie ihr erst mal anderes Futter und beobachten Sie zwei Tage, was passiert. Für ernstere Probleme gibt es freie Tierkliniken, die sich zu Verbänden zusammengeschlossen haben, um eben zu verhindern, dass es zu solchen Kostensteigerungen kommt.

Überall?
Leider nicht mehr überall. An manchen Orten, zum Beispiel in Ravensburg, kann man den Konzernkliniken kaum noch ausweichen. Dann hilft nur noch: Darauf beharren, dass man einen Kostenvoranschlag bekommt. Auch wenn diese Kliniken das nicht gerne machen.

Seit Jahrtausenden leben Menschen mit Haustieren zusammen. Werden sie jetzt zu einem Luxus, den sich nur noch die Reichen leisten können?
Ich befürchte das, ja. Es ist schon pervers, wenn man sich überlegt, dass eine einfache Verordnung dazu führt, dass das soziale Miteinander von Menschen mit Tieren sich grundlegend ändern könnte.  Dass immer mehr Tiere ausgesetzt werden, immer mehr Tiere in Tierheime kommen, immer mehr Tiere immer kränker werden, weil die Leute sich den Tierarzt nicht leisten können. 

Das muss man sich mal vorstellen: Tiere erfüllen einen so wichtigen sozialen Zweck – für Familien mit Kindern, für alte Menschen, die drohen zu vereinsamen.  Da kommt ein großes Problem auf uns zu, gerade für Menschen mit niedrigeren Einkommen oder ältere Leute mit einer kleinen Rente, für die ihr kleiner Dackel ihr Ein und Alles ist. Da fällt etwas weg in der Gesellschaft und das darf nicht passieren. Dass Tierärzte gut bezahlt werden, ist völlig okay, da sind wir alle einverstanden. Aber hier wurde völlig übers Ziel hinausgeschossen.

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