Hände hoch, wer es kennt: Mitten in der Nacht wacht man auf. Man dreht sich um, rückt das Kissen zurecht und will gerade wieder einschlafen, da spürt man sie – die Blase. Nicht dramatisch, aber auch nicht zu ignorieren. Wie das Ticken einer Uhr, das immer lauter wird.
Schon beginnt der innere Monolog: Kann ich das noch aushalten? Wie lange dauert es noch bis zum Wecker? Lohnt sich der Aufwand überhaupt? Spoiler: Man geht dann meistens doch. Und während man im Dunkeln den Weg zum Klo sucht und dabei versucht, nicht über das Ladekabel zu stolpern, fragt man sich: Ist das eigentlich normal? Werde ich alt? Oder bin ich krank?
Willkommen im Klub der Nachtpinkler
Die gute Nachricht: Sie sind nicht allein. Viele müssen nachts raus. Ein Drittel der Erwachsenen über 30 macht die Reise ins Bad, bei den über 60-Jährigen sind es mehr als 70 Prozent. Mediziner haben dafür sogar einen Begriff: Nykturie.
Ein bis zwei nächtliche Toilettengänge gelten meist als normal. Wer öfter aufsteht, sollte einen Arzt aufsuchen. Nykturie ist zwar kein eigenständiges Leiden, aber ein Symptom – und nicht jede Ursache ist harmlos. Zudem stört sie oft massiv den Schlaf.
Warum muss man nachts auf Toilette?
Im Grunde gibt es zwei Erklärungsansätze: Entweder produziert der Körper nachts zu viel Urin, oder die Blase kann nicht mehr so viel speichern wie früher. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen spielen beide Faktoren eine Rolle.
Das Alter ist der größte Risikofaktor. Mit den Jahren verschiebt sich die Urinproduktion von Tag in Richtung Nacht – Schuld sind hormonelle Veränderungen und nachlassende Nierenfunktion. Dazu kommt: Die Blase wird weniger elastisch, die Beckenbodenmuskulatur schwächer, bei Männern kommt oft eine vergrößerte Prostata hinzu. Frauen erleben vielleicht, dass sich die Gebärmutter absenkt und auf die Blase drückt. Doch das sind längst nicht die einzigen Gründe.
Ist der Harndrang auch tagsüber stark ausgeprägt, die gepinkelte Menge aber klein, deutet das auf eine Reizblase hin. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leiden darunter. Die Nerven in den Harnwegen reagieren dann besonders empfindlich.
Daneben kann eine Harnwegsinfektion zu nächtlichem Klobesuchen führen oder eine Schlafapnoe. In diesem Fall kommt es nachts zu nicht ungefährlichen Atemaussetzern. Sogar der Fernsehkonsum scheint eine Rolle zu spielen. In einer Studie der chinesischen Universität Wenzhou hatten die Menschen, die pro Tag fünf Stunden und mehr vorm Fernseher saßen, ein deutlich höheres Risiko, nachts vom Harndrang um den Schlaf gebracht zu werden. Möglicherweise, so eine Theorie der Forschenden, trinkt man vor dem Fernseher besonders viel.
Dass Schwangere häufiger wach werden, liegt dagegen an dem wachsenden Bauch, der den Druck auf die Blase erhöht. Außerdem können die Beine und Knöchel in dieser Zeit anschwellen. Nachts beim Liegen wandert die Flüssigkeit dann ins Blutgefäßsystem, wird von den Nieren gefiltert und landet als Urin in der Blase. Nach der Geburt ist der Spuk meist vorbei.
Nicht so bei einer Herzschwäche. Wenn das Herz nicht kräftig genug pumpt, sammelt sich ebenfalls Wasser in den Beinen, das über die beschriebenen Umwege nachts in Teilen wieder ausgepinkelt wird. Möglicherweise zwingen auch ein schlecht eingestellter Diabetes oder Bluthochdruck die Nieren zur Überproduktion. Sogar neurologische Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose können Patienten nachts auf die Toilette treiben.
Vielleicht sind es die Pillen
Dann wären da noch Medikamente, denn die spielen ebenso oft eine Rolle. Entwässernde Mittel wie Diuretika und bestimmte Blutdrucksenker können nächtlichen Harndrang verursachen. Genauso wie einige Antidepressiva oder Antihistaminika.
Mitunter ist auch die Psyche schuld: Wer ohnehin schlecht schläft, kennt das Problem. Ist man wach, beginnt das Hirn zu rattern – peinliche Bemerkungen, unbezahlte Rechnungen, der Weltfrieden. Stress und Angst aktivieren die Blase zusätzlich.
Am besten begibt man sich mit seinem Arzt zusammen auf Spurensuche. Mit speziellen Fragebögen und Tests lässt sich schnell herausfinden, was hinter den nächtlichen Pinkelpausen steckt.
Denn die sind schon für sich genommen nicht ganz ungefährlich: Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 zeigte, dass ältere Menschen mit Nykturie ein um 20 Prozent erhöhtes Sturzrisiko haben. Das Risiko für Knochenbrüche stieg sogar um 32 Prozent. Deshalb empfehlen Experten Nachtlichter, Hausschuhe und einen freien Weg zur Toilette. Keine Kabel, keine herumstehenden Schuhe, keine schlafenden Haustiere auf dem Weg.
Was kann man selbst tun?
Je nach Ursache, gibt es gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, das Problem anzugehen. Wer abends zwei Liter Pfefferminztee trinkt, wird das nächtliche Pinkeln vielleicht schon in den Griff bekommen, indem er zwei bis vier Stunden vor dem Schlafengehen möglichst wenig trinkt. Auch die Schlafhygiene zu verbessern, ist ein lohnender Ansatz: keine koffeinhaltigen Getränke und kein Alkohol am Abend, regelmäßige Schlafzeiten, eine dunkle, kühle und ruhige Umgebung und möglichst viel Entspannung. Weniger Salz zu essen, hilft womöglich ebenfalls, da Salz zu Flüssigkeitseinlagerungen führt, und Kompressionsstrümpfe helfen bei geschwollenen Beinen.
Frauen mit überaktiver Blase können Beckenbodentraining probieren. Wer entwässernde Medikamente nimmt, sollte mit dem Arzt über eine frühere Einnahmezeit sprechen.
Die medizinischen Optionen
Wenn Verhaltensänderungen nicht reichen, gibt es unterschiedliche Medikamente gegen eine überaktive Blase oder eine vergrößerte Prostata. Auch Botox-Injektionen in die Blasenwand sind möglich – die Wirkung hält mehrere Monate. Auch eine Schlafapnoe sollte man unbedingt behandeln lassen.
Bei zu viel nächtlicher Urinproduktion dagegen kann das Hormon Desmopressin helfen. Allerdings verlangt die Behandlung regelmäßige Kontrollen und ist für Ältere oder Herzkranke oft nicht geeignet. Wer nach einer pflanzlichen Alternative sucht, der wird wahrscheinlich enttäuscht. Noch konnte nicht gezeigt werden, dass die Medikamente die Symptome der Patienten verbessern können.
Auch eine Operation kommt bei einer Prostatavergrößerung infrage, wenn nichts anderes hilft. Bei den meisten Verfahren werden kleine Instrumente durch die Harnröhre bis zur Prostata geführt, um das überflüssige Gewebe zu entfernen.
Eine Wunderlösung für alle gibt es also nicht, aber viele Möglichkeiten, das Toilettenproblem in den Griff zu bekommen.
Bloß nicht einhalten!
Eine Sache sollte man dabei auf keinen Fall tun: einfach einhalten und versuchen, wieder einzuschlafen. Das mag verlockend erscheinen, ist aber auf Dauer ungesund. Der Blasenmuskel verliert mit der Zeit seine Dehnbarkeit, wenn man ihn ständig überdehnt. Die Folge: Die Blase kann sich irgendwann nicht mehr richtig zusammenziehen und vollständig entleeren.
Es bleibt einem nichts anderes übrig: aufstehen, zur Toilette gehen, zurück ins Bett – und hoffen, dass man schnell wieder einschläft. Am besten, ohne dabei über die Größe des Universums nachzudenken.
Übrigens: Falls Sie nach dem Lesen dieses Artikels auf die Toilette müssen – das hat mit einer Blasenschwäche nichts zu tun. Das nennt man soziale Ansteckung.
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