Das Verhalten von Menschen ist auch heute noch stark von evolutionären Instinkten geprägt. „Unsere heutigen Verhaltensweisen beruhen praktisch alle auf instinktiven Grundlagen – auch wenn viele von ihnen durch Lernen, Kultur und Vernunft stark überformt sind“, sagt der Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin. Demnach sind Instinkte nicht Bauchgefühle oder Intuitionen, sondern genetisch verankerte Verhaltensmechanismen, die durch innere oder äußere Reize ausgelöst werden.
Als Beispiele nennt der Forscher Selbsterhaltung und auch die Fortpflanzung. „Dazu gehören etwa das Schutz- und Fürsorgeverhalten gegenüber Kindern, aber auch Bindungsverhalten, Aggression zur Verteidigung der eigenen Gruppe, Neugier, Territorialverhalten oder Dominanzstreben“, erklärt er.
Lars Penke, Biopsychologe an der Universität Göttingen, hält den Begriff „Instinkt“ in diesem Zusammenhang Kontext für überholt. Er spricht stattdessen von Verhaltensprädispositionen, „die das ganze Leben lang die Auseinandersetzung mit der Umwelt und auch das Lernen mit beeinflussen“. Als weiteres Beispiel nennt er unsere Geschmacksvorlieben für süßes, fettiges und mäßig salziges Essen – also für Nahrungsmittel, die in unserer Evolutionsgeschichte eher selten vorkamen und daher begehrt waren.
Dieses Phänomen werde heutzutage von der Lebensmittelindustrie ausgenutzt: „Unsere Supermärkte sind voll von zu süßen, fettigen und salzigen Produkten – und Werbung dafür funktioniert“, erläutert Penke. Das könne zu Gesundheitsproblemen wie Übergewicht und Diabetes Typ 2 führen, auch weil diese Geschmackspräferenzen meist schon im jungen Alter vorhanden sind.
An andere Geschmacksrichtungen wie bittere oder saure Nahrung müsse man sich erst mit der Zeit gewöhnen: „Der erste schwarze Kaffee hat vermutlich niemandem wirklich geschmeckt“, nennt der Forscher ein Beispiel. „Aber viele haben gelernt, den Geschmack zu lieben.“
Auch andere Vorlieben von Menschen haben laut Penke ähnlich evolutionäre Ursachen, etwa die Präferenz für körperliche Stärke oder für Fruchtbarkeit bei potenziellen Fortpflanzungspartnern. Und in Bezug auf die Umwelt gibt es Theorien, wonach wir Seen, Bäche oder Flüsse deshalb gerne in unserer Nähe haben, weil sie einst als Wasserquelle dienten. Weite Aussichten schätzen wir deshalb, weil sie in der Vergangenheit das frühzeitige Erkennen von Gefahren oder Beute ermöglichten.
Umgang mit Instinkten kann trainiert werden
Menschliche Kultur entsteht nach Ansicht von Penke nie im Gegensatz zu unserer Biologie, sondern aus ihr heraus. Die Trennung zwischen „angeboren“ und „kulturell erlernt“ sei wissenschaftlich überholt.
Das bestätigt der Berliner Forscher Walschburger: Unser Verhalten entstehe aus dem Zusammenspiel der stammesgeschichtlichen Veranlagung und der individuellen Sozialisation. „Kultur, Erziehung und Erfahrungen formen unsere Reaktionen, aber sie bauen auf biologischen Grundlagen auf.“ Freundschaft oder moralisches Verhalten seien instinktiv angelegt, würden aber durch unsere Kultur konkret ausgestaltet. „Unsere Kultur ist wie die Blüte auf dem Baum des Lebens, dessen Wurzeln unsere instinktiven Dispositionen bilden.“
Walschburger betont allerdings auch, dass nicht alle Menschen gleichermaßen von ihren Instinkten beeinflusst werden – es gebe „große individuelle Unterschiede“. Der Umgang mit den eigenen Instinkten lasse sich zudem trainieren, etwa durch Achtsamkeit, Meditation oder Therapie. „Wir können lernen, mit Wut konstruktiv umzugehen, Furcht zu relativieren oder Impulse zu kontrollieren.“
Besser darin, sich weniger von seinen Instinkten leiten zu lassen, sind Menschen immerhin im Vergleich zu Tieren, meint Walschburger. Durch unsere erweiterte Fantasie, die Fähigkeit zur Zukunftsplanung sowie durch unsere Empathie und Sensibilität für moralische Appelle sind wir «prinzipiell in der Lage, egozentrische instinktive Impulse zu reflektieren und vernunftgeleitet zu regulieren». Die Fähigkeit, „auf mentale Zeitreise zu gehen, also sich bewusst und handlungsleitend mit Vergangenheit und Zukunft auseinanderzusetzen, ist ein menschliches Alleinstellungsmerkmal“.
Walschburger betont: „Trotzdem bleibt unser Verhalten biologisch verwurzelt. Wir regulieren und interpretieren unsere instinktiven Impulse kulturell und individuell“, lösen könne man sich von ihnen aber nicht.
Besonders in Extremsituationen wie bei starkem Hunger oder in Lebensgefahr treten demnach instinktive Reaktionen wie Flucht, Aggression oder Gruppenzusammenhalt verstärkt hervor. „Das ist aus evolutionsbiologischer Sicht sinnvoll: In Krisen zählt schnelles, robustes Handeln.“
Doch ist unsere heutige Lebensweise, die immer weniger mit derjenigen von Jägern und Sammlern zu tun hat, weniger instinktgeleitet als früher? Auch, weil es solche Extremsituationen gerade in wohlhabenden Ländern wie Deutschland seltener gibt? „Nein, das scheint nur so“, betont der Biopsychologe. „Unsere biologische Ausstattung ist im Wesentlichen erhalten geblieben. Was sich massiv verändert hat, das sind die Einflüsse unserer technischen, gesellschaftlichen und medialen Umwelt.“
Tech-Konzerne nutzen diese Impulse aus
Auf die heutige Welt habe die Evolution unser emotionales Grundprofil nicht gut vorbereitet. „Es kommt deshalb zu einer Asymmetrie zwischen unserer ‚natürlichen‘ Innenwelt und unserer modernen, ‚zivilisierten‘ Außenwelt“, sagt Walschburger. „Dies belastet uns mit zunehmenden Anpassungsschwierigkeiten, die viele unserer psychosozialen und politischen Probleme erklären könnten.“
Ihm zufolge leben wir noch immer nach inneren Impulsen, die schon die frühen Jäger und Sammler charakterisiert haben, obwohl wir uns inzwischen in einer digitalisierten, technisierten und globalisierten Hochgeschwindigkeitswelt befinden.
Genau das nutzen Tech-Konzerne etwa über ihre sozialen Medien. „Plattformen wie TikTok oder Instagram aktivieren Belohnungszentren im Gehirn – durch Likes, Reaktionen oder permanente Reize. Es geht um soziale Bestätigung, Neugier, Gruppenzugehörigkeit und Statusvergleiche. Algorithmen verstärken diese Effekte. Damit entstehen teils suchtartige Nutzungsweisen“, erklärt der Berliner Biopsychologe.
Auch populistische Politiker machen sich demnach Instinkte zunutze: „Populisten sprechen gezielt grundlegende Emotionen und Verhaltenstendenzen an: Angst, Wut, Gruppenzugehörigkeit.“ Mit plakativen Parolen, Feindbildern und emotional aufgeladener Bildsprache würden sie die Vernunft umgehen und das Bauchgefühl ansprechen. „Studien zeigen, dass solche emotionalen Reize schneller und nachhaltiger wirken als rationale Argumente. Besonders in Krisenzeiten greifen sie auf instinktive Muster wie Fremdenangst oder Schutzbedürfnis zurück, um Zustimmung zu gewinnen.“
Neben Populisten werden diese Mechanismen laut Penke auch durch Teile der Medien, von Apps oder im Marketing genutzt, „sei es durch Clickbait, Ragebait in sozialen Medien oder Horrorfilme. Und auch das sind nur Beispiele.“
Daher ist es Walschburger zufolge für jeden Menschen wichtig, sich seinen biologischen Grundlagen bewusster zu werden. Nur wer wisse, wie stark Instinkte wirken, könne sie reflektieren und regulieren. „Instinkte sind keine Schande – sie sind die Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen.“
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