Entgiften ist laut Christian Engelbert keine Modeerscheinung, sondern kann ein wichtiger Baustein für eine längere Gesundheit sein. Davon ist der Mediziner überzeugt und gibt in Seminaren Ratschläge, wie es leichter gelingen kann, Verzicht zu üben. In seiner Praxis in Beelitz-Heilstätten vereint er moderne Diagnostik und wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrungen aus der Naturheilkunde.
WELT AM SONNTAG: Warum soll der Mensch entgiften?
Christian Engelbert: Unser Körper muss alles, was wir aufnehmen, auf Verträglichkeit prüfen und dann Überflüssiges und Giftiges loswerden. Beim Alkohol kennen wir das, ohne Detox hätten wir einen Dauerrausch. Wir haben ein angeborenes biochemisches Entgiftungssystem, und viele wichtige biochemische Reaktionen finden in Leber, Nieren, Milz, Lunge und Haut automatisch statt. Aber: Viele chemisch synthetisierte Stoffe sind nur schwer oder gar nicht zu entgiften.
Wams: Zum Beispiel?
Engelbert: Die Schwermetalle. Sie stammen aus der Nahrung wie den belasteten Fischen und Zahnwerkstoffen wie dem Amalgam. Der Körper hat zwar Möglichkeiten, Schwermetalle zu binden und auszuscheiden, die Kapazität ist aber begrenzt. Unangenehmerweise lagern sich bestimmte Schwermetalle wie Quecksilber an Nervengewebe und Fettzellen an und verursachen teils schwere Organschädigungen.
Wams: Schafft denn der menschliche Organismus eine solche Entgiftung nicht allein?
Engelbert: Gerade am Beispiel der Schwermetalle benötigt der Organismus eine Unterstützung, die allerdings nur mit aufwendigen Infusionsmethoden, zusätzlichen Präparaten wie etwa dem Sud der Cystuspflanze oder schwefelhaltigen Pflanzenstoffen wie dem Bärlauch bis hin zur Blutwäsche gelingt. Wir überfordern das natürliche System oft – meist durch falsche Ernährung. Wir müssen uns wirklich mehr pflegen.
Wams: Wo beginnt das „Detoxing“?
Engelbert: Das A und O ist der Verdauungstrakt – und der beginnt im Mund. Das nicht so beliebte Kauen ist enorm wichtig. Es werden durch die Enzyme und den Zerkleinerungsprozess die Nahrungsmittel für die weitere Verdauung bestens vorbereitet. Dann folgen der Magen und der Darm. Leber, Nieren, Lunge, Milz und Haut sind die anderen wichtigen Detox-Organe.
Wams: Was ist denn das Problem mit dem Verdauungssystem?
Engelbert: Es arbeitet rhythmisch, vor allem in der Nacht wird verdaut und entgiftet. Ab dem Nachmittag sollte man sich deshalb mit dem Essen zurückhalten. Jeder kennt die Folgen eines schweren Abendessens mit reichlich Alkohol: Völlegefühl und Blähbauch in der Nacht, dicker Kopf und schlechte Stimmung am nächsten Morgen. Mein Rat als Arzt: Verzicht üben!
Natürlich Methoden der Entgiftung
Wams: Verzicht klingt so einfach. Was meinen Sie konkret?
Engelbert: Erstens: Die letzte Mahlzeit des Tages sollte leicht verdaulich sein. Etwa eine Gemüsesuppe, eine Portion gedünstetes Gemüse. Bitte keine Rohkost, sie ist schwer verdaulich. Zweitens: Nicht zu spät essen. Ziehen Sie Ihre letzte Mahlzeit doch mal auf 16 Uhr vor und beobachten Sie, was mit Ihrem Körper passiert. Schon nach wenigen Tagen fühlen Sie sich deutlich besser. Mit diesem „Dinner-Canceling“ kann ein wirkungsvolles Detoxing beginnen. Probieren Sie es ein- bis zweimal die Woche. Der Körper kann das!
Wams: Viele verstehen Fasten als effektive Detox-Methode. Das gelingt aber nicht allen.
Engelbert: Verzicht ist am schwersten umzusetzen, die unterschiedlichen Formen des Fastens zählen aber zu den effektivsten Entgiftungsmethoden. Keine Angst: Unser Körper kriegt das hin. Aber klar – was man sich über Jahre angewöhnt hat, streift man nicht mal eben ab. Das gilt besonders für die Ernährung. Hinzu kommt die Frage, wie gut verträgt der Körper die angebotenen Nahrungsmittel. Nicht jeder kann morgens Müsli essen, Körnerbrot bereitet vielen Verdauungsprobleme, auch die so gesunde Rohkost kann zu heftigen Beschwerden führen. Wer regelmäßig einen Blähbauch hat, sollte seine Darmfunktion mit den modernen Analysen von Stuhl und Blut abklären lassen. Zum Thema Fasten fällt mir die Geschichte eines italienischen Forschers ein.
Wams: Können Sie die Geschichte erzählen?
Engelbert: Valter Longo wurde 1967 in Genua geboren, seine Familie stammte aber aus Kalabrien, wo Menschen ein sehr hohes Alter erreichen, zugleich relativ gesund altern. Mit 16 siedelte er in die USA über, Lebensstil und Gesundheit seiner Verwandten dort unterschieden sich deutlich von denen seiner Familie zu Hause, das fiel ihm sofort auf. Longo wurde ein bekannter Altersforscher und Experte für Ernährung und Langlebigkeit. Das Fasten erkannte er als Königsweg, aber nicht für alle umsetzbar. Klassisches Fasten bedeutet: Keine feste Nahrung zu sich nehmen, dafür viel Wasser trinken, dazu auch Gemüsebrühe oder Säfte. Die Zellen beginnen im Fastenprozess schnell mit einem Selbstreinigungsprozess, Autophagie genannt. Das ist wie Recycling, alte Strukturen werden für Neues zusammengefügt. Longo ist heute Professor an der Universität von South California, er entwickelte eine speziell komponierte Kost, die den Körper in die Lage versetzt, trotzdem im Fastenmodus mit der erwähnten Autophagie zu sein. Er nannte die neue Methode Scheinfasten oder Mimicking-Fasting.
Wams: Ist Scheinfasten das modernste „Detoxing“?
Engelbert: Meiner Meinung nach ja. Scheinfasten ist leichter umzusetzen und bietet gleichzeitig die meisten Vorteile des klassischen Fastens. Der Ernährungs- und Fastenspezialist Andreas Michalsen von der Charité hat das Scheinfasten noch verbessert. Sein Programm, das er gemeinsam mit dem Arzt Nicolas Gros entwickelt hat, heißt Salufast, das ist für mich Scheinfasten in seiner effektivsten Art. Die Mahlzeiten schmecken lecker und sind in Bio-Qualität. Mit einer speziell entwickelten App wird man mit Erläuterungen, Yoga- und Atemübungen professionell begleitet. Nebenbei verliert man locker drei bis vier Kilogramm Gewicht. Ein weiterer Vorteil: Während des Programms kann man seiner Arbeit nachgehen.
Wams: Und wann tritt der gewünschte Effekt dann ein?
Engelbert: Das Programm geht fünf Tage lang. Wer Lust hat, kann das alle drei Monate wiederholen. Oder sich im Anschluss – je nachdem, wie man sich fühlt – Gedanken machen, wie es weitergeht. Zum Beispiel mit Intervallfasten.
Wams: Wie kann so ein Tag für Einsteiger aussehen?
Engelbert: Wer mag, startet mit dem sogenannten Ölziehen. Dafür wird der Mund ein paar Minuten mit einem Esslöffel Öl ausgespült. Auf diese Weise werden Giftstoffe gebunden, die sich über Nacht in der Mundhöhle und auf der Zunge angesammelt haben. Anschließend wird der Zungenbelag mit einem Schaber gesäubert. Mit einer Trockenbürste wird anschließend der Lymphfluss angeregt und die Hautdurchblutung aktiviert. Dann könnte noch eine Wechseldusche warm-kalt-warm-kalt folgen. Zu den Mahlzeiten unbedingt etwas Bitteres essen. Bitterstoffe wirken auf den Gallenfluss sowie die anderen Verdauungssäfte – entsprechende Nahrungsmittel sind etwa Chicorée oder der rote Radicchio Salat.
Wams: Wie geht’s dann weiter?
Engelbert: Abends kann man sich eine Wärmflasche auf die Leber legen, auf den rechten unteren Rippenbereich. Das fördert deren Funktion, dann noch einen Kräutertee trinken und ab ins Bett. Nach ein paar Tagen fühlen Sie sich viele deutlich besser, versprochen.
Wams: Und wenn ich diese bitteren Nahrungsmittel nicht mag?
Engelbert: Dann gibt es Tropfen oder Kautabletten mit Extrakten aus Bitterpflanzen in guter Qualität zu kaufen. Empfehlenswert ist Bitterkraft nach Hildegard von Bingen.
Wams: Worauf sollte am besten verzichtet werden?
Engelbert: Auf alles, was die Verdauung überlastet. Verzichten Sie beim Abendbrot auf Rohkost wie Salat oder Obst. Diese Nahrungsmittel bedeuten Schwerstarbeit für die Verdauung. Lieber eine Gemüsesuppe, darüber freuen sich sowohl Leber als auch Darm. Auch Bewegung ist für einen gut funktionierenden Stoffwechsel wichtig. Zudem sollte der Alkohol reduziert werden: Gegen ein Glas Wein spricht nichts, aber die Dosis macht das Gift.
Wams: Konkret, bitte. Wo fängt die gefährliche Dosis an?
Engelbert: Das ist individuell unterschiedlich. Ärgerlich für die Damen: Frauen sollten weniger zu sich nehmen. Pro Tag 10–12 g reinen Alkohol, das entspricht einem Glas Wein. Männer können mehr abbauen, dürfen 20–24 g reinen Alkohol verzehren, also zwei Gläser Wein. Meine Empfehlung: Den Alkoholgenuss aufs Wochenende oder Feierlichkeiten beschränken, die Leber dankt es.
Wams: Ist Fasten auch für Adipositaskranke zu empfehlen?
Engelbert: Wenn dem Fasten eine angepasste Ernährungsumstellung folgt, ist der Erfolg fast garantiert. Das Fasten erleichtert den Umstellungsprozess.
Wams: Soweit der Körper, und was hilft der Seele?
Engelbert: Es gibt Atemübungen, die den Regenerationsnerv namens Parasympathikus stärken. Manchmal reicht es schon aus, die Augen zu schließen, sich den nächsten Urlaub vorzustellen und ruhig zu atmen. Wir leben in einer Zeit der Sinnesüberflutung, verspüren Druck von morgens bis abends. Bauen Sie also Pausen ein, atmen Sie bewusst tief ein, und lernen Sie, Ihre Gedankenflut zu steuern, etwa mit Techniken des „Neurocoachings“. Am Abend empfiehlt es sich, eine Runde spazieren zu gehen, anstatt vor dem Bildschirm zu sitzen.
Wams: Fassen wir zusammen – was hilft, dauerhaft gesünder zu leben?
Engelbert: Die Ernährung spielt eine entscheidende Rolle. Die teilweise wie das Evangelium verkündeten Ernährungsregeln haben einen großen Fehler – sie berücksichtigen nicht das Individuum. Ob Low Carb oder Paleo Diät, ob Keto-Diät oder vegane Ernährung – die entscheidende Frage ist: Passt es zu mir? Und einseitige Ernährungsformen sollten nie über längere Zeit durchgeführt werden. Es können sich sowohl Mangelzustände als auch Überlastungssymptome einstellen.
Wams: Haben Sie einen Ernährungstipp, der für alle gilt?
Engelbert: Erstens: Nahrungsmittel aus regionalem Anbau statt exotische Früchte und Gemüse, die ihre Reifezeit auf Lastwagen oder in Schiffen verbringen. Und zweitens: Ernährung darf nie dogmatisch verordnet werden. Der sinnliche und entspannte Genuss ist für einen gesunden, gut funktionierenden Stoffwechsel besonders wichtig.
Christian Engelbert
Seit dem Jahr 2007 betreibt Engelbert eine Praxis für Integrative Medizin in Berlin und seit 2025 in Beelitz-Heilstätten. Er ist Facharzt für Allgemein- und Rettungsmedizin, Akupunktur und Naturheilverfahren sowie Buchautor (zum Beispiel „Herzbalance“, „Diagnose Bluthochdruck“). Er lehrte als Dozent an der Universität in Mailand, Viadrina Frankfurt/Oder und an der Urania in Berlin. Viele Jahre war er zudem als Leiter der „Weiterbildung Naturheilverfahren für Ärzte“ in Berlin tätig.
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