Die Zahl der Verschreibungen von Medikamenten zur Behandlung von ADHS hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Zu diesem Schluss kam eine neue Studie, welche Krankenkassendaten von 198.167 Patienten aus Deutschland, Spanien, Großbritannien Belgien und die Niederlande auswertete. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „The Lancet Regional Health Europe“ veröffentlicht.
Demnach stiegen die Verordnungen zwischen den Jahren 2010 und 2023, insbesondere bei Mädchen, erwachsenen Frauen und Männern an. Wobei noch immer deutlich mehr als die Hälfte der Patienten in medikamentöser Behandlung männlich waren. Jungen verzeichneten einen geringeren Anstieg.
Dabei zeigten sich große Unterschiede zwischen den Ländern. Während sich die Verschreibungen in Großbritannien insgesamt mehr als verdreifachten, nahmen sie in Deutschland nur um etwas mehr als die Hälfte zu: Bekamen hierzulande noch 2010 hochgerechnet 0,14 Prozent der Bevölkerung ADHS-Medikamente, stieg die Zahl bis 2022 auf 0,23 Prozent. In den Niederlanden, wo der Anteil der medikamentös behandelten Menschen schon lange höher lag, verdoppelten sich die Verschreibungen im gleichen Zeitraum auf 1,56 Prozent.
Oliver Grimm, Oberarzt der psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Frankfurt, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, nannte die Ergebnisse „auffällig, aber wenig überraschend“. Erst im vergangenen Jahr zeigte eine Studie im Deutschen Ärzteblatt, dass die Neudiagnosen der ADHS in Deutschland zunehmen. Ein ähnlicher Trend war entsprechend bei der medikamentösen Behandlung zu erwarten.
Grimm weist darauf hin, dass gerade bei erwachsenen Frauen die Verordnungen teils sprunghaft ansteigen, vor allem in Großbritannien und den Niederlanden. Ein ähnliches Muster hatte man zuvor auch bei den Neudiagnosen beobachtet. Dies sei weniger ein Anzeichen für eine „Modewelle“ der Diagnose ADHS, sondern spreche für nachgeholte Diagnose bei bisher lang übersehenen Patientinnen.
Ein Grund dafür, warum ADHS bei Mädchen und Frauen erst spät diagnostiziert wird, könnte die unterschiedliche Ausprägung der Symptome sein. So neigen Mädchen mit ADHS wohl eher zu Aufmerksamkeitsproblemen, während Jungen durch Hyperaktivität und Impulsivität etwa im schulischen Umfeld schneller auffallen.
Medikamente nach erstem Jahr kaum wieder verschrieben
Auch Marcel Romanos, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik am Universitätsklinikum Würzburg, wertet die Zunahme der Verschreibungen als „nicht überraschend“. Insbesondere im Erwachsenenalter gebe es eine erhebliche Unterversorgung, die sich nur allmählich bessere.
Einen anderen Aspekt der Studie nennt er jedoch „besorgniserregend“: die geringere Kontinuität der Behandlung. Bereits nach einem Jahr erhielten in Deutschland nur noch knapp 15 Prozent der erstmalig Behandelten eine Weiterverschreibung mit einem Medikament.
„Für mich ist es erschreckend, dass unsere Versorgung auch aktuell immer noch so schlecht zu sein scheint, dass die Weiterversorgung offensichtlich nicht gesichert werden kann“, sagte Romanos, der unter anderem Vorstandsmitglied des Selbsthilfevereins ADHS Deutschland e.V. und Autor von Lehrbüchern zu Psychotherapie und Pharmakotherapie ist.
Deutschland liege hier im europäischen Vergleich am weitesten zurück. Zwar erhalten auch in den Niederlanden nach dem ersten Jahr nur noch 16 Prozent der Patienten Medikamente, wie die Studienautoren schreiben. In Großbritannien dagegen sind es noch knapp 31 Prozent, in Spanien sogar 44 Prozent.
„Die Medikation bei ADHS war auch nie als Dauerbehandlung vorgesehen“, wendet dagegen Hanna Christiansen ein, Professorin für klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Philipps-Universität Marburg. Sie war nach eigenen Angaben unter anderem an der Übersetzung eines Psychopharmaka-kritischen Buches beteiligt. Der Grund für die hohen Abbruchraten der medikamentösen Behandlung in Deutschland liege in den Leitlinien: Diese sehen eine Prüfung der Weiterverordnung nach spätestens einem Jahr vor.
„Die Vorstellung eines ‚chemischen Ungleichgewichts‘ bei ADHS, das durch Medikamente ausgeglichen werde, ist ein vereinfachendes und wissenschaftlich nicht belegtes Narrativ“, sagt sie. Studien würden zeigen, dass schulische Leistungen langfristig nicht durch Psychostimulanzien verbessert würden.
Von einer „ADHS-Pille für alle“, die freizügig verteilt werde, könne dennoch in Deutschland nach diesen Daten keine Rede sein, sagte Oliver Grimm. Dies zeige sich darin, dass die Verordnung von ADHS-Medikamenten in Deutschland deutlich unter den Niederlanden und Großbritannien liegt – und auch starke Beruhigungsmittel oder Opioide hier seltener verschrieben würden. Stattdessen sei es „wahrscheinlich, dass insbesondere leichtere Verläufe und Frauen bisher vielleicht nicht immer ausreichend erkannt und behandelt wurden.“
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