Alles doch gar nicht so schädlich wie angenommen? Mehrere viel beachtete Studien, die Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper nachgewiesen haben wollen, stehen zunehmend in der Kritik. Wissenschaftler bezweifeln, dass die gemeldeten Funde belastbar sind, und führen sie teils auf Kontaminationen und Fehlinterpretationen der Daten zurück.
In den vergangenen Jahren hatten Studien berichtet, Mikroplastik sei unter anderem im Gehirn, in Hoden, Plazenten, Arterien und im Blut nachgewiesen worden. Die Berichte wurden weltweit aufgegriffen. Während die allgegenwärtige Belastung der Umwelt mit Plastik unstrittig sei, bleibe unklar, welche gesundheitlichen Folgen Mikroplastik tatsächlich habe, betonen Fachleute.
Der „Guardian“ identifizierte sieben Studien, die inzwischen offiziell in den jeweiligen Fachjournalen kritisiert wurden. Eine weitere Analyse listet 18 Arbeiten auf, bei denen menschliches Gewebe Signale erzeugen könne, die leicht mit Plastik verwechselt würden. Mikro- und Nanoplastikpartikel lägen „an der Grenze dessen, was heutige Analysetechniken leisten können“, erklärten Forscher.
Besondere Aufmerksamkeit erweckte eine im Februar veröffentlichten Studie, die einen Anstieg von Mikroplastik in menschlichen Gehirnen beschrieben hatte. Beobachtungszeitraum waren die Jahre zwischen 1997 und 2024; untersucht wurden Gewebeproben von Verstorbenen. Im November wurde die Untersuchung in Fachjournal „Nature“ in einem offiziellen Beitrag angezweifelt. Darin heißt es: „Die Studie scheint methodische Probleme aufzuweisen, etwa unzureichende Kontaminationskontrollen und fehlende Validierungsschritte, die die Zuverlässigkeit der berichteten Konzentrationen beeinträchtigen könnten.“
Deutlicher wurde Dr. Dušan Materić vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig: „Das Gehirn-Mikroplastik-Papier ist ein Witz. Fett ist dafür bekannt, Fehl-Positive für Polyethylen zu erzeugen“, zitiert der „Guardian“ den Experten. „Das Gehirn besteht zu etwa 60 Prozent aus Fett.“ Materić vermutet, steigende Adipositasraten könnten die gemeldeten Trends erklären und sieht „ernste Zweifel an mehr als der Hälfte der sehr hochrangigen Arbeiten“ in diesem Bereich.
Matthew Campen, Autor der kritisierten Studie, entgegnete im „Guardian“: „Wir befinden uns in einer frühen Phase, um die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen von Mikro- und Nanoplastik zu verstehen. Es gibt kein Rezeptbuch dafür.“ Man arbeite daran, „bessere Messmethoden und Daten zu erzeugen“.
Auch andere Arbeiten gerieten unter Druck, darunter eine Untersuchung, die Mikroplastik in Halsschlagadern mit erhöhtem Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko verknüpfte. Eine Studie zu Mikroplastik in menschlichen Hoden sei „nicht robust genug, um diese Aussagen zu stützen“, so Kritiker. Weitere wissenschaftliche Arbeiten zu Funden in Blut, Arterien und sogar in Flaschenwasser werden ebenfalls angezweifelt.
„Kann nicht sagen, wie groß die Sorge sein sollte“
Zentraler Kritikpunkt ist die verbreitete Analysemethode „Py-GC-MS“. Eine im Januar 2025 veröffentlichte Studie unter Leitung von Cassandra Rauert (University of Queensland) kam zu dem Schluss, die Methode sei „derzeit nicht geeignet, Polyethylen oder PVC zuverlässig zu identifizieren“. Viele der berichteten Konzentrationen seien „völlig unrealistisch“, wird Rauert zitiert.
Die Debatte hat politische Relevanz. Fehlerhafte Daten könnten zu fehlgeleiteten Regulierungen führen oder Lobbyisten der Kunststoffindustrie Argumente liefern, reale Umweltprobleme kleinzureden, warnen Forscher.
Marja Lamoree, deren Blut-Studie aus dem Jahr 2022 ebenfalls in der Kritik steht, hält an ihren Ergebnissen fest: „Ich bin überzeugt, dass wir Mikroplastik nachgewiesen haben.“ Zugleich räumt sie ein, das Feld sei „super-unausgereift“ und fordere mehr Zusammenarbeit. Zur Frage, wie besorgt die Öffentlichkeit sein sollte, sagte Lamoree: „Ich kann nicht sagen, wie groß die Sorge sein sollte. Aber ich treffe selbst Vorsichtsmaßnahmen, etwa weniger Plastik beim Kochen oder Erhitzen von Lebensmitteln zu nutzen.“
Die Debatte wirft viele Fragen zum Thema Mikroplastik auf. Wie viel am Ende tatsächlich im menschlichen Körper landet, zum Beispiel. „Wir haben Plastik in uns – das ist sicher anzunehmen“, so Helmholtz-Experte Materić. „Aber harte Beweise darüber, wie viel, stehen noch aus.“
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