Seine Schülerin Alena R., 22, möchte ihre Technik verbessern. „Jetzt will ich mir erst einmal ein Bild machen, wie du fährst“, sagt er zu ihr. Er fährt vor, Alena R. hinterher über den nahezu waagerechten Weg. Grichting dreht den Kopf nach ihr um. Sie fährt parallel, viel mehr ist für den Laien nicht zu erkennen. Doch als sie beide am Ende der Querfahrt anhalten, hat der Skilehrer schon Verbesserungspotenzial ausgemacht.
„Es fehlt ein wenig die Hoch-Tief-Bewegung“, sagt Dolf Grichting mit tiefer Stimme. Der 1,87 Meter große ehemalige Englisch- und Musiklehrer macht in roter Skilehreruniform eine Übung vor: Er geht beim Einfahren in die Kurve in die Hocke und streckt sich dann am Drehpunkt. Alena R. macht es nach, es klappt, nur kommt sie nicht so tief in die Hocke wie Grichting.
Dolf Grichting ging mit 60 frühzeitig in den Ruhestand als Direktor der Grund- und Hauptschule in Leukerbad, um von da an hauptberuflich als Skilehrer zu arbeiten.
„Um körperlich und geistig fit zu bleiben, ist es wichtig, das Gehirn auf Trab zu halten im Alter“, sagt Susan Mérillat, Psychologin an der Universität Zürich. „Eine aktive Freizeitgestaltung ist sehr positiv für die Hirngesundheit.“ Die Leiterin einer Forschungsgruppe am UZH Healthy Longevity Center forscht seit Jahren zum Thema „Gehirn und Altern“. Ohne sich je mit Alternsforschung befasst zu haben, tat Dolf Grichting das, was die Wissenschaftler heute raten – nicht nur mit dem Wechsel zum Skilehrer-Beruf
„Ich beschäftige mich nicht damit, wie ich besonders alt werde, ich mache einfach das, was mir Spaß bringt“, sagt Grichting. „Ich schaue nicht, was ich nicht mehr kann – sondern, was noch geht.“ Hier am Berg ist er in seinem Element, trotz Schneesturm ist seine Schneebrille hochgeschoben auf den Helm, auf seiner Nase trägt er stattdessen eine verspiegelte Sonnenbrille, als ob diese jeden Moment gutes Wetter bringen könnte.
Er ist ein Motivator, muss einer sein
Dolf Grichting setzt zur nächsten Übung an, fährt dazu los, seinen linken Arm seitlich senkrecht vom Körper ausgestreckt, hält er den Skistock wie ein Torero sein Tuch und Alena R. soll darunter durchfahren. Dabei muss sie richtig tief in die Hocke gehen – und sie schafft es. „Gut gemacht“, sagt Grichting. „Nur dabei nicht nach hinten lehnen.“ In der nächsten Runde hat Alena schon weniger Rücklage, dann noch weniger. „Super!“, ruft Grichting.
Er ist ein Motivator, muss einer sein. Das Skilehrerdasein, es ist nicht immer leicht, das Wetter ist da noch das geringste Problem. „Es gibt die Pflugbogen-Schüler, anstrengend wegen der schiefen Kniehaltung“, erzählt er auf dem Weg zum Mittagessen – im letzten Winter hatte er dafür nur zweimal Zeit. Zu kurz ist die einstündige Pause fast immer, denn meist haben Schüler noch Fragen nach dem Ende der Stunde, und für den Nachmittagsgast will er auch schon ein paar Minuten vor dem Beginn der Stunde da sein. Doch heute hat er wegen des Schneesturms keine weitere Unterrichtseinheit am Nachmittag.
Das Wetter macht Hunger auf deftiges Essen, doch Dolf Grichting holt sich Salat und eine Tagessuppe und macht schon wieder alles richtig. „Angemessene Energiezufuhr, ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse sowie Bewegung sind die besten Hebel für ein langes, gesundes Leben“, sagt Eline Slagboom, Professorin für Molekulare Epidemiologie an der Uni Leiden, die eine der größten Langzeitstudien zum Thema Langlebigkeit macht. Das sind nicht die Themen, über die Dolf Grichting nachdenkt, wenn er sein Essen bestellt. „Zu den jungen Wilden gehöre ich ja nicht mehr“, sagt er lachend. „Ich habe einfach nicht mehr Hunger.“
Das Unterrichten und das Skifahren begeistern ihn bis heute. Wobei es durchaus Tage gibt, an denen seine Leidenschaft auf die Probe gestellt wird. „Einmal habe ich eine 13-jährige Chinesin unterrichtet, eine Woche lang vor- und nachmittags“, erzählt er. „Sie war so scheu, dass sie außer ja und nein nichts gesagt hat, das war sehr anstrengend.“
Aber wenn Dolf Grichting ins Reden kommt, fallen ihm vor allem schöne Erlebnisse ein, wie das von der 65-jährigen Frau, die dachte, sie sei zu alt, um noch Skifahren zu lernen und die am Ende der Woche doch auf der blauen Piste fahren konnte. Oder die Geschichte von der Frau, die so glücklich gewesen sei, dass sie mit Spaß und unverletzt durch die Woche gekommen sei, sodass sie ihn zum Abschluss umarmt habe.
Bestimmte Aktivitäten fördern das vitale Altern
„Ideal ist, wenn ein Hobby, das einen körperlich oder geistig fit hält, auch eine solche soziale Komponente hat“, sagt Psychologin Mérillat. Natürlich hat nicht jeder Mensch die Berge vor der Haustür. Doch es gibt eine interessante Erkenntnis aus dem Sonderforschungsprojekt Dynamisches Altern, an dem Wissenschaftler der Uni Zürich zwölf Jahre gearbeitet haben: Je nachdem, welche Angebote in einem Wohnumfeld vorhanden sind, können ganz verschiedene Aktivitäten das vitale Altern fördern.
„Bis dahin hat die Forschung den Blick vor allem darauf gelegt, wie Krankheiten im Alter vermieden werden können“, sagt Mike Martin, Leiter der Gerontopsychologie an der UZH. „Wir haben aber herausgefunden, dass auch Menschen mit Erkrankungen, vielleicht sogar mit mehreren Erkrankungen, hochleistungsfähig sein können.“ Aus diesen Erkenntnissen ist eine neue Definition entstanden, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übernommen wurde: Gesundes Altern bedeutet, wenn eine Person weiterhin das tun kann, was sie im Leben wertschätzt.
Und wie kann man das möglichst lange schaffen? „Es ist gut, wenn man seinen Alltag möglichst bunt gestaltet, auch die Komfortzone verlässt und sich immer wieder auf neue Erfahrungen einlässt“, sagt Mérillat.
Wie könnte es anders sein, hat Dolf Grichting dies getan, unter anderem dadurch, dass er vor 14 Jahren anfing, Kontrabass zu spielen. Das Instrument fehlte der Band, die er damals mitbegründete. Nach dem Mittagessen schwebt die Gondel mit ihm an Bord durch den Nebel zwischen riesigen Fichten gen Tal – auf dem Weg zu einer neuen Herausforderung.
Eine Stunde später wartet er, nun in Norweger-Pulli, Jeans und auf Skisocken, in seinem Zuhause auf seinen Freund Roland. Seine Frau kocht Kaffee. Die Ehepartner haben ihr Haus verkauft, nachdem die drei Töchter aus dem Haus waren. „Es war viel zu groß“, sagt er. Nun wohnen sie zur Miete in einem kleinen Chalet im Ortskern des alten Leukerbad.
Als Skilehrer verdient Grichting natürlich weniger als einst in der Schule, mehr als 30 bis 40 Franken pro Stunde seien nicht drin. Aber er hat so kalkuliert, dass er sich diese Einbußen leisten kann. „Ich sage dem Skischulleiter immer: Bevor du mich anfragst, sieh zu, dass alle die Skilehrer versorgt sind mit Unterricht, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.“
Zusammen mit Freunden musizieren macht glücklich
Es klingelt an der Tür und es tritt ein: sein Freund Roland M., ein kleines Köfferchen in der Hand. Daraus holt er eine Trompete. Vor über 60 Jahren begannen sie zusammen zu musizieren. Nun stehen die beiden nebeneinander im Wohnzimmer und proben für einen Auftritt. Grichting startet den Rhythmus auf dem Handy, sein Fuß wippt in der Skisocke den Takt.
Dann sein Einsatz, seine Finger flitzen über das Griffbrett seines E-Basses, er lässt die Melodie von „I Wanna Be Like You“ aus dem Dschungelbuch erklingen. „Achtung, los!“, ruft er und nickt seinem Freund zu. Der führt die Trompete an seine Lippen, die Augen geschlossen, setzt er die Töne. Die beiden blicken sich an, nicken sich zu. Ein Lächeln durchzuckt Grichtings Gesicht, es harmoniert, in diesem Song und überhaupt zwischen den beiden. Seit der Grundschule sind die beiden Freunde.
Man braucht wohl nicht zu erwähnen, dass stabile Freundschaften dem gesunden Altern zuträglich sind – und in dem Moment in einem warmen Haus, inmitten eines verschneiten Hochtals spürt man: Sie sind einer der Gründe, warum es sich überhaupt lohnt, alt zu werden.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke