Der Ökonom Tom Krebs fordert eine Vergesellschaftung der Energieinfrastruktur in Deutschland und unterstützt auch die Grundidee der Berliner Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“.
Im Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ plädiert der Wirtschaftsprofessor der Universität Mannheim für deutlich stärkere staatliche Eingriffe in die Wirtschaft: „Ich will mehr öffentliche Verantwortung in bestimmten Bereichen, nicht die Abschaffung der Marktwirtschaft und des Privateigentums. Mein Motto lautet: So viel Demokratie wie möglich, so viel Markt wie nötig“, sagte Krebs wörtlich.
Vor allem bei der Energieversorgung hält der Ökonom eine Vergesellschaftung für notwendig. Kurzfristig fordert Krebs angesichts hoher Energiepreise eine umfassende Preisbremse für Gas und Strom. Dauerhaft müsse der Staat jedoch weiter gehen: „Mit einem Preisdeckel schafft der Staat Sicherheit. Das Signal wäre: Es kann nicht schlimmer werden. Um aber dauerhaft die Preise zu senken, muss die gesamte Energieinfrastruktur vergesellschaftet werden“, sagte Krebs.
Als Beispiel nannte er die Stromnetze. Anders als etwa in Frankreich und Dänemark seien diese in Deutschland überwiegend in privater Hand. Obwohl die Netzentgelte staatlich festgelegt würden, habe Deutschland die mit Abstand höchsten Strompreise in Europa. Sie lägen 35 Prozent über dem EU-Durchschnitt: „Wir Verbraucher bezahlen die zweistelligen Renditen von Blackrock. Privates Eigenkapital ist einfach zu teuer“, erklärte Krebs.
Auch im Wohnungssektor spricht sich der Ökonom für Vergesellschaftungen aus. Auf die Frage, ob er die Berliner Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ unterstütze, sagte Krebs: „Zumindest die Grundidee, aber bei der Umsetzung gibt es Unterschiede.“ Eine Vergesellschaftung solle sich seiner Vorstellung nach nur auf Teile des Wohnungsmarktes erstrecken.
Gemischte Quartiere als Ziel
„Zudem sollte immer betont werden, dass es bei der Vergesellschaftung in Berlin nur um ein begrenztes Segment geht: einfache, standardisierte Wohnungen. Private Anbieter und innovative Angebote, etwa im höherpreisigen Wohnungsbau, sollen bleiben. Ich will gemischte Quartiere“, sagte Krebs.
Den Einwand, staatliche Unternehmen arbeiteten grundsätzlich ineffizienter, lässt der Ökonom nicht gelten. Er habe für eine Studie das kommunale Hamburger Wohnungsunternehmen Saga mit dem privaten Immobilienkonzern Vonovia verglichen. „Mein Ergebnis: Öffentliche Unternehmen können mindestens ebenso effizient sein. Aber natürlich arbeiten nicht alle gleich gut“, sagte er.
Von einer umfassenden Abkehr von der Marktwirtschaft grenzt Krebs seine Forderungen ab. „Private Initiative, wo sie funktioniert und der Wettbewerb Innovation hervorbringt, öffentliche Verantwortung dort, wo das nicht der Fall ist“, sagte er. Der größte Teil der Industrie und Produktion sowie große Teile des Dienstleistungssektors sollten marktwirtschaftlich organisiert bleiben. Für Start-ups im Technologie- oder KI-Bereich brauche es weiterhin privates Kapital und Wettbewerb.
Seine Forderungen begründet Krebs mit der wirtschaftlichen Lage Deutschlands. „Wir erleben gerade die schlimmste Wirtschafts- und Bezahlbarkeitskrise der Nachkriegszeit“, sagte er. Hätte sich das Wachstum aus der Zeit vor der Corona- und Energiekrise fortgesetzt, wäre die deutsche Wirtschaftsleistung nach seinen Berechnungen heute rund elf Prozent oder etwa 500 Milliarden Euro höher.
Scharfe Kritik übte Krebs an den CDU-Politikern Bundeskanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. „Mit ihm als Kanzler ist eine bessere Wirtschaftspolitik aber schlicht nicht möglich, weil er und Wirtschaftsministerin Reiche in ihrer Marktgläubigkeit ideologisch gefangen sind – und das hat politische Folgen“, sagte Krebs.
Der Ökonom verbindet die wirtschaftliche Lage mit dem Aufstieg der AfD. Sollte die Politik die Krise nicht in den Griff bekommen, könne die Partei nach seiner Einschätzung 2029, spätestens jedoch 2033 an die Regierung gelangen. Wirtschaftliche Verunsicherung und der Eindruck, dass eine Regierung darauf nicht angemessen reagiere, könnten Menschen zu extrem rechten Parteien treiben, argumentierte Krebs.
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