Nach einer Dreiviertelstunde scheint es den Chef von Christian Lindner doch zu wurmen, dass er dem ehemaligen Finanzminister den Platz auf der Bühne überlassen hat. Energisch verlangt Wilfried Wilhelm Anclam von der ersten Zuschauerreihe aus das Mikrofon.

„Das E-Auto kommt, gar keine Frage. Es kommt auch das autonome Fahren“, greift der Gründer der Autohandelskette Autoland AG in die laufende Podiumsdiskussion ein. Was aber bleibe, sei das eigene Auto. „Ich baue mein Geschäftsmodell darauf, dass Menschen Individualität wollen. Daran glaube ich, denn ich weiß viel von Menschen“, ruft er.

Der frühere FDP-Chef Lindner tritt nicht mehr oft öffentlich auf, seitdem er zweiter Mann an der Spitze von Anclams Autoland AG ist. Doch am Dienstagabend war der Autohändlerverband VAD zu Gast in der Hamburger Filiale des Unternehmens. Zu der Vereinsversammlung gehörte auch die Podiumsdiskussion in einem Konferenzraum des Autohauses. Für Lindner ist solch eine Talkrunde ein Heimspiel – eigentlich. Doch sie zeigt auch seine neue Rolle, die er im Januar eingenommen hat.

Christian Lindner erfindet sich als Manager neu

Seit der Wahlniederlage vor zwei Jahren und dem Ausscheiden aus der Politik erfindet sich Lindner als Manager neu. Vom Parteichef, der auf das Wohlwollen der Mitglieder angewiesen ist, wird er zum stellvertretenden Unternehmenschef mit Weisungsbefugnis. Damit verbunden ist allerdings eine geringere öffentliche Aufmerksamkeit.

In Hamburg trifft der frühere Spitzenpolitiker Lindner auf der Bühne auf den Hamburger Verkehrswende-Senator Anjes Tjarks (Grüne), dessen Prominenz eng auf das Gebiet der Hansestadt begrenzt ist. Außerdem sitzt dort noch ein nur Rathaus-Insidern bekannter stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Verkehrswende-Senator Anjes Tjarks (links), CDU-Politiker Richard Seelmaecker und Autoland-Manager Christian Lindner in Hamburg

Den Ton auf der Bühne gibt der grüne Senator an. Der Verkehrspolitiker ist es auch, der Firmengründer Anclam zur Intervention provoziert – und zwar mit der These, künftig würden Robotertaxis in den Metropolen günstigere und zugleich bequemere Mobilität ermöglichen als eigene Autos.

Lindner kommt im Kontrast zum temperamentvollen Anclam die Rolle des besonnenen Mahners zu: „Für uns ist wichtig, dass unsere Kundinnen und Kunden eine berechenbare Planung machen können“, bittet er Tjarks um Zuverlässigkeit in der Hamburger Verkehrspolitik. Nur gelegentlich scheint seine in hunderten Bundestagsdebatten geschärfte Rhetorik durch – etwa beim Thema E-Auto: „Wer den Antrieb wechselt, erreicht die Klimaziele. Wer das Auto bekämpft, verliert die Unterstützung der Menschen.“

Dabei liegt Lindner auf der Linie seines neuen Chefs Anclam: „Ich bin davon überzeugt, dass die meisten ein eigenes Fahrzeug wollen, denn das hat auch etwas mit Intimität zu tun“, sagt der 47‑Jährige. Die Umstellung auf Elektroautos sei dagegen auch durch Lockerungen am EU-Verbrennerverbot nicht aufzuhalten. Denn diese Reformen kämen fünf bis sieben Jahre zu spät für die europäischen Autohersteller, die längst ihre Planungen für die Mobilitätswende abgeschlossen hätten. „Jetzt ist die Messe gelesen. Der Verbrennungsmotor wird bis 2035 nur noch ein Nischenprodukt sein“, sagt er.

Der Benziner könne sich nur als teures Liebhaberauto halten, sagt der bekennende Porsche-Fahrer. „Der Preis für die späte Technologieoffenheit ist sehr hoch, darf ich mal als freier Händler sagen“, sagt Lindner mit einer kleinen Kunstpause nach dem Wort „freier“. Wer mag, kann darin eine Anspielung auf den von Lindner in seinem früheren Leben als FDP-Chef oft genutzten Begriff der „Freien Demokraten“ hören.

Auf diese Zeit kommt Lindner auf der Bühne nur einmal zurück, als er gefragt wird, was er sich von der Politik wünscht. „In meiner früheren Rolle im öffentlichen Sektor habe ich vor Bürokratie gewarnt, aber ich merke jetzt: Ich habe sie noch unterschätzt“, sagt der Neu-Manager.

„Ich warne davor, eine Politik zu machen gegen das Auto“

Ansonsten ist der Ex-Minister in seiner Rolle angekommen. „Ich warne davor, eine Politik zu machen gegen das Auto“, sagt er. Und so, wie die Autoland AG als von keiner Marke abhängiger Händler von Autos aus China profitieren könnte, wendet Lindner sich auch gegen eine Quote für den Import chinesischer Hybridautos. „Das ist gegen die Kundinnen und Kunden gerichtet, wie bei Donald Trump“, sagt er unter Anspielung auf die Zölle, die die Preise in den USA steigen lassen.

Schon vor der Diskussion macht Lindners neuer Chef Anclam klar, was er von seinem hochrangigen Einkauf erwartet. Er stellt Lindner als seinen designierten Nachfolger vor und schreibt ihm detailliert ins Aufgabenbuch, was passieren soll. In einer Zeit, in der viele in der Automobilindustrie nicht einmal Prognosen für das nächste Jahr ausgeben wollen, referiert Anclam seinen „Plan 2035“.

In neun Jahren soll seine Gruppe mit 220.000 jährlich verkauften Autos größter Händler in Deutschland sein. Das wäre mehr als eine Verdreifachung – in einem stagnierenden Marktumfeld. Im kommenden Jahr will Anclam 50 Niederlassungen haben, danach soll Lindner jedes Jahr neun weitere eröffnen, um so bis zum Zieljahr 2035 auf vier Milliarden Euro Umsatz zu kommen. Die Milliarde hat Anclam gerade erst geknackt.

„Autoland wird größter Händler in Deutschland“, verspricht Anclam. 2035 solle das Unternehmen an die Börse gehen. „Ich freue mich, wenn ich dann im Älterwerden erkennen werde, dass sich mein Programm so verwirklicht, wie ich mir das 1991 ausgedacht habe“, schwärmt Anclam. Er hatte Autoland 1978 gegründet und nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland groß gemacht.

Anclam kann eine große Runde im Alleingang mit seinem provokanten Charme unterhalten – und er weiß es. Im Kreis der fast immer markengebundenen Autohändler stichelt er, der herstellerunabhängige Händler, gegen die versammelten Konkurrenten: „Ich hatte nie die Absicht und die Motivation, mich für einen Hersteller zu prostituieren.“ Und mit Blick auf das einzige Handelsunternehmen, das er für profitabler hält als seinen eigenen Laden, sagt er: „Sie spüren schon meine heiße Motorhaube mit 1000 PS, die naht.“

Es ist der Verlust solcher selbstverständlich eingenommener Führungsrollen, der den Abschied für erfolgreiche Gründer aus der Spitzenposition oft schmerzhaft macht. Vielen gestandenen Mittelständlern fällt es schwer, Nachfolgern Freiraum zu geben. Zusätzlich ist die Operation, einen prominenten Menschen als Nachfolger zu gewinnen, nicht ohne Risiko. Der Milchunternehmer Theo Müller etwa versuchte vor einigen Jahren, den Großbäcker Heiner Kamps als seinen Nachfolger zu installieren. Lange ging das nicht gut.

Es wird keine einfache Mission für Lindner

Zudem ist der Wechsel von Politikern an die Unternehmensspitze selten. Lindners Vorgänger als FDP-Chef, Philipp Rösler, bevorzugte erst einen Geschäftsführer-Job bei der Organisation des Weltwirtschaftsforums in Davos und ist heute Berater. Lindners Ampel-Rivale, der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck, ist inzwischen in der Forschung und als Sachbuchautor aktiv.

Eine einfache Mission wird es für Lindner bei Autoland also nicht – zumal Anclam mit dem Stabswechsel aus dem Aufsichtsrat ein genaues Auge auf die Entwicklung haben will. Dennoch beteuert der Gründer, für ihn sei klar, dass er mit seinem 70. Geburtstag das Leben mehr genießen wolle.

Gelingt dem ungleichen Duo Anclam und Lindner seine Operation, könnten sie ein Beispiel nicht nur für den Generationswechsel, sondern auch für den Rollenwechsel zwischen Politik und Wirtschaft setzen. Bislang scheint es zu harmonieren. In der kommenden Woche reisen beide zur Verleihung des „Goldenen Lenkrads“. Autoland ist Sponsor der Veranstaltung von „Auto Bild“ (gehört wie WELT zu Axel Springer).

Er sei so etwas wie der alte Löwe im Unternehmen, Lindner der junge Löwe, scherzt Anclam. Ihm ist anzusehen, dass er stolz ist, den Polit-Promi Lindner für sein Lebenswerk gewonnen zu haben.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Christoph Kapalschinski berichtet als Redakteur über die Autoindustrie.

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