Das städtische Unternehmen Hamburger Energienetze wird auf absehbare Zeit keine neuen Anschlüsse für Kunden mit besonders hohem Strombedarf mehr vergeben. Dafür fehlt derzeit die Kapazität, denn die Durchlässe aus dem überregionalen Netz in das Netz der Hansestadt hinein reichen für den deutlich wachsenden Strombedarf nicht aus, die sogenannten Netzverknüpfungspunkte. Verantwortlich für die überregionale Versorgung Hamburgs aus dem Höchstspannungsnetz ist das Berliner Unternehmen 50Hertz.
Am Montag starten die Hamburger Energienetze das sogenannte „Repartierungsverfahren“. Das Unternehmen teilt neue Anschlüsse dabei zu, und zwar von einem Leistungsbedarf von 1,5 Megavoltampere an. Das betrifft zum Beispiel Anlagen in der Grundstoffindustrie wie der Metallherstellung, aber auch Rechenzentren. „Bis der überregionale Ausbau durch den Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz an den Schnittstellen erfolgt ist, können in der Hansestadt derzeit keine zusätzlichen Großanschlüsse mit hohen Leistungsbedarfen vergeben werden“, teilen die Hamburger Energienetze mit. „Sobald Leistungsreserven vorhanden sind, werden diese transparent und diskriminierungsfrei unter den Antragstellern für neue Anschlüsse und Bestandskunden mit Anfragen zu Leistungserhöhungen aufgeteilt. Dazu wird die verfügbare Leistung von den Hamburger Energienetzen jedes Jahr aufs Neue bewertet.“
Der Ausbau der Stromnetze in Deutschland hinkt dem stark steigenden Strombedarf seit Jahren hinterher. Die zunehmende Elektrifizierung der meisten Lebens- und Wirtschaftsbereiche im Zuge der Energiewende wird dadurch empfindlich gestört. Deutlich höhere Stromleistungen benötigt in der Wirtschaft zum Beispiel die Stahlindustrie, die ihre Prozesse weg vom Einsatz fossiler Energien hin zu Wasserstoff und Strom umstellt. Das Stahlwerk von Salzgitter etwa wurde dafür in der vergangenen Woche an eine neu gebaute Hochspannungsleitung angeschlossen. In der öffentlichen und privaten Mobilität wiederum gewinnen Elektrofahrzeuge immer stärker an Präsenz. Bei der Gebäudeheizung löst die mit Strom betriebene Wärmepumpe die klassische Öl- und Gasheizung schrittweise ab.
Die Hamburger Energienetze betonen, dass sich für den privaten Stromverbraucher nichts ändern werde, ebenso wenig für gewerbliche oder industrielle Stromkunden mit Nachfrage nach neuen Stromanschlüssen und einem Leistungsbedarf von unterhalb 1,5 Megavoltampere. Bereits zugesicherte Anschlüsse oberhalb von 1,5 Megavoltampère würden wie vereinbart realisiert. Bevorzugt behandelt werden im Rahmen des von den Hamburger Energienetzen sogenannten „Fair Grid“-Verfahrens Unternehmen der Daseinsvorsorge, also etwa Krankenhäuser oder Energieversorger. Betroffen von der strengen Auslegung der Zuteilung sind auch große Stromspeicher mit mehr als 300 Kilovoltampère Strombedarf.
Die Hamburger Wirtschaft reagiert mit großer Sorge auf die Situation. „Die verschärften Stromnetzengpässe behindern die dringend notwendige Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Hamburg. Ohne Großanschlüsse können sich keine relevanten Rechenzentren, Speicher oder Industrieproduktionen ansiedeln“, sagte Malte Heyne der WELT, der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg. „Viele Hamburger Industriebetriebe werden so ihre Produktionsprozesse nicht elektrifizieren und Wachstumschancen nicht nachhaltig nutzen können.“ Jetzt sei der Bund „dringend gefragt, die rechtlichen Voraussetzungen anzupassen. Die Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber brauchen den regulatorischen Rahmen, um den Aufwuchs von Erzeugungskapazitäten besser mit dem Netzausbau harmonisieren zu können und möglichst schnell die Situation zu entschärfen.“
Der Wirtschafts-Dachverband UVNord sieht die Lage ähnlich: „Die Situation ist für die Hamburger Wirtschaft, die aktuell mitten in der Transformation steckt und um Wettbewerbsfähigkeit ringt, im höchsten Maße schwierig. Planungssicherheit ist für Projekte zur Elektrifizierung der Wirtschaft quasi auf Jahre nicht zu gewährleisten“, sagte Hauptgeschäftsführer Michael Thomas Fröhlich der WELT. „Auch wenn alle Partner vor Ort an einer gemeinsamen Lösung arbeiten, die Versäumnisse der vergangenen Jahre im Netzausbau gehen deutlich zulasten der Betriebe. Im Übrigen wird das Vorziehen der Klimaneutralität durch den Volksentscheid damit technisch belegbar ad absurdum geführt.“
Der UVNord sieht den Bund ebenfalls in der Pflicht, schnell gegen die bestehenden Engpässe im Netz vorzugehen: „Es müssen zügig mehr Investitionen in die Netze erfolgen. Insbesondere bei uns im Norden haben wir Strom nahezu im Überfluss, aber bekommen ihn nicht zu den Verbrauchern direkt vor der Haustür“, sagt Fröhlich. „Dabei könnte der Norden wirklich Vorreiter für eine noch mehr das Klima schonende Wirtschaft sein.“
Zuständig für das Hamburger Stromnetz ist die von Senatorin und Zweiter Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) geführte Behörde für Umwelt und Energie. Die von der Sozialdemokratin Melanie Leonhard geführte Wirtschaftsbehörde wiederum ordnet die Situation als ein grundlegendes Problem der Energiewende ein. „Das Thema begrenzter Anschlusskapazitäten nehmen wir als Wirtschaftsbehörde sehr ernst. Hamburg steht mit dieser Herausforderung nicht allein da: Auch in anderen Städten und Regionen Deutschlands müssen Netzbetreiber knappe Anschlusskapazitäten inzwischen über Zuteilungsverfahren vergeben“, teilt die Behörde auf Anfrage mit. „Der Senat setzt sich auch auf Bundesebene intensiv für bessere rechtliche Rahmenbedingungen und eine Beschleunigung des Netzausbaus ein. Wir brauchen einfachere Verfahren und vor allem verlässliche Zeitpläne für die Bereitstellung zusätzlicher Kapazitäten.“ Bis dahin, so die Wirtschaftsbehörde, „müssen die vorhandenen Kapazitäten transparent verteilt werden.“ Einen weiteren, schnellen Netzausbau ersetze das allerdings nicht.
Das Hamburger Stromnetz ist derzeit in drei Zonen aufgeteilt. Bis in die 2040er-Jahre hinein wollen die Hamburger Energienetze das Stadtgebiet in insgesamt sechs Zonen aufteilen und die Kapazität der Netzverknüpfungspunkte gemeinsam mit 50Hertz massiv erweitern. Der Druck ist enorm. Derzeit hängen Stromverbraucher mit 1800 Megawatt Gesamtleistung am Hamburger Netz. Die Größenordnung der zusätzlichen, leistungsintensiven Anfragen für neue Stromanschlüsse umfasst aber laut den Hamburger Energienetzen bereits heutzutage rund 3000 Megawatt.
In den kommenden Jahren wird auf regulärem Weg wenig geschehen, um die Engpässe aufzulösen. „Die jetzige Situation werden wir wohl bis zum Beginn der 2030er-Jahre haben“, sagte Geschäftsführer Michael Dammann, Leiter des Ressorts Asset-Management und Netzbetrieb der Hamburger Energienetze, bei einem Gespräch mit Medien. „Wir bekommen derzeit keine Liefertermine für neue Trafos und keine verbindlichen Zusagen von 50Hertz für die Erweiterung der Netzverknüpfungspunkte. Deshalb müssen wir unsere Bestandskunden am Netz mit dem Repartierungsverfahren besonders schützen.“
Dammann und sein Co-Geschäftsführer Peter Wolffram bemühten sich zugleich, Schuldzuweisungen an 50Hertz zu vermeiden. Die Übertragungsnetzbetreiber stünden erheblich unter Druck, das Netz an vielen Stellen zugleich auszubauen und dabei etwa zahlreiche Wind- und Solarparks oder auch große Batteriespeicher neu anzuschließen. Zugleich gebe es dabei „Fehlanreize“ in der heutigen Strommarktordnung: Wenn ein Übertragungsnetzbetreiber etwa einen Offshore-Windpark nicht zeitgerecht und wie vertraglich vereinbart an das Netz anschließe, drohe ihm eine hohe Konventionalstrafe, sagte Wolffram, der das Ressort Unternehmen und Kunde leitet. Bei Verzögerungen beim Neubau von Netzverknüpfungspunkten in die städtischen Mittelspannungsnetze hingegen müssten die Übertragungsnetzbetreiber solche Sanktionen bislang nicht fürchten: „Diese Ungleichbehandlung muss der Bund dringend korrigieren“, sagte Wolffram.
Aktuell arbeiten die Hamburger Energienetze an möglichen Übergangslösungen. Dazu zählt laut Geschäftsführung der Aufbau eines „provisorischen Netzverknüpfungspunktes“ von 50Hertz auf einem vorhandenen Grundstück der Hamburger Energienetze im südlichen, Harburger Teil des Hamburger Stromnetzes. Geprüft werde außerdem eine mögliche direkte Verbindung mit dem Mittelspannungsnetz von Schleswig-Holstein Netz (SH Netz) und auch eine Einbindung des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, der den größten Teil Norddeutschlands abdeckt, mit Ausnahme unter anderem Hamburgs. Die Verbindung mit anderen Netzbetreibern ist technologisch allerdings besonders komplex und schwierig. Ein weiterer Lösungsansatz könnte aus Sicht der Hamburger Energienetze darin bestehen, dass 50Hertz vorhandene Netzreserven temporär freigibt und diese Kapazitäten für Hamburg dann direkt von seiner Leitwarte in Berlin aus steuert.
Rechtlich sehen sich die Hamburger Energienetze mit dem Start des Repartierungsverfahrens auf der sicheren Seite. Ein Unternehmen, das gegen das bereits laufende Zuteilungsverfahren für Stromanschlüsse in Berlin geklagt hatte, war Anfang Oktober vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf unterlegen. Die schriftliche Urteilsbegründung und damit auch ein möglicher Antrag auf Revision stehen allerdings noch aus.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die deutsche und die internationale Energiewirtschaft.
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