Nach dem Suizid ihres Sohnes haben Alix und Oliver Puhl ein Unternehmen gegründet. Mit ihrem gemeinnützigen Startup Tomoni schulen sie Erwachsene darin, psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu erkennen. Sie haben aus dem wohl schlimmsten Verlust, den Eltern erleben können, etwas geschaffen, das anderen Familien helfen soll. Damit sie nicht dasselbe durchmachen müssen. Jetzt haben sie bekannt gegeben: Ende des Jahres ist Schluss.

Nicht, weil ihnen die Ideen ausgegangen sind. Nicht, weil ihnen die Kraft fehlt. Und schon gar nicht, weil das Problem gelöst wäre. Sondern weil das Geld fehlt. Ein sechsstelliger Betrag sei nötig gewesen, um weitermachen zu können, berichtet die „Frankfurter Rundschau“. Die Finanzierung kam nicht zustande.

In unserem Startup-Magazins „Gründerszene“ (gehört wie WELT zu Axel Springer) berichten wir jeden Tag über gigantische Finanzierungsrunden. Millionen hier, Milliarden da. Summen, die längst so absurd groß geworden sind, dass man kaum noch ein Gefühl dafür hat. Und bald werden wir wohl ganz selbstverständlich über die Billionen-Startups schreiben.

Milliarden für KI, aber nicht für Kinder?

Es ist klar, dass ein gemeinnütziges Startup nicht Renditeaussichten hat wie das nächste „Wir-automatisieren-alles-und-haben-eine-super-Marge“-Startup. Dass Venture Capital kein Spendentopf ist. Dass die Milliarden, die in KI fließen, nicht einfach für andere Zwecke zur Verfügung stehen.

In der Startup-Welt redet man jeden Tag, wie Gründer die Welt verändern. Wie sie Prozesse effizienter machen, unseren Alltag vereinfachen und Probleme lösen. Wir feiern Innovationen, die uns ein paar Minuten Arbeit ersparen, die nächste Software noch ein bisschen intelligenter machen oder irgendeinen Prozess noch weiter automatisieren.

Alix und Oliver Puhl haben das gemeinnützige Unternehmen Tomoni Mental Health gegründet.

Und dann gibt es zwei Menschen, die ihr eigenes Kind verloren haben. Die danach nicht einfach aufgegeben, sondern versucht haben, anderen Familien dieses Schicksal zu ersparen. Die ein Problem angehen, das größer und drängender kaum sein könnte. Suizid ist bei 10- bis unter 25-Jährigen in Deutschland die häufigste Todesursache. Noch vor Verkehrsunfällen und Krebs. Und jetzt scheitert deren Unternehmen an einem sechsstelligen Betrag.

Was verlieren wir, wenn solche Startups verschwinden?

Natürlich können Startups nicht jedes gesellschaftliche Problem lösen. Und natürlich muss nicht jedes Unternehmen um jeden Preis gerettet werden. Aber die Geschichte von Tomoni wirft eine Frage auf, über die wir in der Startup-Welt vielleicht zu selten sprechen: Wir diskutieren ständig darüber, wie viel ein Unternehmen eines Tages wert sein könnte. Wie groß der Markt ist, wie stark es wachsen kann, welche Bewertung es bei der nächsten Finanzierungsrunde erreicht. Aber wie viel ist uns ein Unternehmen wert, das heute schon versucht, das Leben von Kindern und Jugendlichen zu schützen?

Wenn wir Milliarden mobilisieren können, damit Maschinen uns immer mehr Arbeit abnehmen, sollten wir uns zumindest fragen, warum es so schwer ist, einen sechsstelligen Betrag für ein solches Vorhaben aufzubringen. Vielleicht sollten wir nicht nur danach fragen, wie viel Geld ein Startup einmal verdienen kann. Sondern auch, was wir verlieren, wenn es verschwindet.

Wenn Sie oder Menschen, die Sie kennen, Hilfe brauchen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge. Unter den kostenlosen Rufnummern 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Unterstützung von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Leo Ginsburg ist seit Juni 2025 Chef von „Gründerszene“ (gehört wie WELT zu Axel Springer). Er startete 2021 bei Business Insider, zunächst als Reporter im Ressort „Wirtschaft“, später leitete er das Team selbst. Er ist außerdem Host des Finanzpodcasts „Business Class“. Ausgebildet wurde er an der Axel Springer Akademie, studiert hat er Wirtschaftswissenschaften in Mainz und Verona.

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