Wirecards seit 2020 inhaftierter Ex-Chef Markus Braun hegt nach eigener Aussage keine Rachegefühle mehr gegen seinen früheren Vize Jan Marsalek, der seit dem Zusammenbruch des Techkonzerns auf der Flucht ist.
„Ich habe einige Monate, vielleicht ein Jahr gebraucht, meine sehr, sehr negativen Gefühle zu sublimieren. […] Aber am Ende des Tages bringt einen Hass nicht weiter. Was soll ich mich emotional an jemandem abarbeiten? Ich würde einfach gern wissen, was passiert ist und was die echten Motive waren“, sagte Braun dem „Spiegel“ in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim.
Es ist Brauns erstes Interview seit seinem Haftantritt. In dem „Spiegel“-Bericht werden die Umstände des Gesprächs geschildert, das im Beisein von Brauns Verteidigerin, einem Gerichtssprecher sowie einem Polizisten geführt wurde. Braun wird im Text als „muskulös“ und „drahtig“ beschrieben. Er trainiere viel mit seinem Eigengewicht, bekundet der Gefangene während des Interviews.
Der Ex-Wirecard-Chef sitzt seit mehr als sechs Jahren in U‑Haft. Seit 2022 läuft der Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Bandenbetrugs, der Marktmanipulation, Bilanzfälschung sowie Untreue. Während Braun weiterhin darauf beharrt, er sei unschuldig und von Marsalek hintergangen worden, sieht die Staatsanwaltschaft beide als Köpfe einer Bande von Betrügern.
Marasalek floh nach Moskau
Braun hatte Wirecard jahrelang geführt, bis zum Kollaps des Unternehmens im Juni 2020, als das Management eine Luftbuchung einräumen musste: 1,9 Milliarden Euro, angeblich geparkt auf Treuhandkonten in Asien, fehlten. Kurz darauf war Wirecard pleite, Tausende Aktionäre und Gläubiger meldeten im Insolvenzverfahren Forderungen von mehr als 15 Milliarden Euro an. Braun, der zeitweise ein Aktienvermögen in Milliardenhöhe hatte, musste hinter Gitter.
Marsalek floh über Minsk nach Moskau und arbeitet dort offenbar für den russischen Geheimdienst, wie der „Spiegel“ im Jahre 2025 berichtete.
Danach gefragt, was er Marsalek bei einem Wiedersehen sagen würde, antwortete Braun: „Warum?! Warum?! Er war hochtalentiert, aber ich verstehe einfach nicht, wieso er diesen Wahnsinn veranstaltet hat. Mein Gehirn produziert da keine sinnvolle Antwort.“
Nach Marsalek in Russland fahnden wolle er nach seinem Haftende nicht. „Ich werde weder nach ihm suchen noch suchen lassen und auch nicht nach Moskau fahren, definitiv nicht.“ Allerdings hätte er, so Braun, „aus heutiger Sicht Jan Marsalek zehn Jahre früher hinauswerfen sollen“.
In wenigen Wochen dürfte das Urteil fallen. Braun drohen 10 bis 15 Jahre, möglicherweise die höchste Haftstrafe überhaupt in deutschen Wirtschaftsstrafverfahren. Die Untersuchungshaft würde allerdings angerechnet.
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