Künstliche Intelligenz hat einen Run. Binnen weniger Jahre hat sie sich zu einer Querschnittstechnologie entwickelt, die praktisch keinen Sektor der Wirtschaft und keinen Bereich der Gesellschaft unberührt lässt. „Diese Bedeutung gab es damals, als wir den Preis zum ersten Mal vergaben, noch gar nicht“, erinnerte sich Moritz Seyffarth, stellvertretender Chefredakteur der PREMIUM-GRUPPE bei Axel Springer, in seiner Anmoderation zur Verleihung des achten Deutschen KI-Preises in Berlin.

Zum Zeitpunkt der ersten Preisverleihung war KI vorwiegend etwas für Eingeweihte und Nerds, heute ist sie im Alltag vieler Menschen angekommen. 2025 flossen nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums weltweit 260 Milliarden US-Dollar an Venture-Kapital in die Branche. „Das macht deutlich, welche Erwartungen mit dieser Technologie verbunden sind“, betonte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in ihrer Keynote.

Europa hängt bei den Patenten hinterher

Allerdings richten sich diese Erwartungen vorrangig auf die USA und China. Knapp drei Viertel der 260 Milliarden US-Dollar wurden in den Vereinigten Staaten investiert, während die Volksrepublik mittlerweile drei Viertel aller KI-Patente auf der Welt anmeldet. Europa scheint hoffnungslos abgehängt.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche mit WELT-Chefredakteur Helge Fuhst während der Preisverleihung im Publikum.

Die Wirtschaftsministerin sah das nicht ganz so. „Es ist ein Auftrag an uns in Europa und an uns in der Bundesrepublik Deutschland, die eigenen Möglichkeiten entschlossener anzugehen“, so Reiche. „Wir haben die Köpfe, wir haben die Talente, wir haben übrigens auch das Kapital und wir haben die Technologien.“ Europa solle an seiner Souveränität arbeiten und die regulatorischen Voraussetzungen schaffen, damit sich KI-Anwendungen entfalten können. Angesprochen auf eine eventuelle KI-Steuer meinte Reiche: „Darüber kann man sprechen, wenn die Sache läuft.“

Veranstaltungen wie die Verleihung des Deutschen KI-Preises dienen ihrer Ansicht nach dazu, die Möglichkeiten der Technologie aufzuzeigen. Die bestehen für Europa und sein industrielles Zentrum Deutschland in erster Linie dort, wo KI in konkrete Anwendungen übersetzt wird – weniger im Wettlauf um das leistungsfähigste Basismodell.

KI kann Fertigungsprozesse optimieren

Dieses Revier haben die USA und China weitgehend für sich abgesteckt. „Der wirtschaftliche Erfolg von KI entscheidet sich auch daran, was daraus entsteht“, so Reiche: „Bessere Produkte. Effizientere Prozesse, neue Geschäftsmodelle und zusätzliche Wertschöpfung.“

Die Veranstaltung Deutscher KI Preis 2026 fand im 19. Stock des Axel Springer Hochhaus in Berlin statt.

In dieser Physical AI, wenn KI in Fertigungsmaschinen und -prozessen integriert wird und dort Leistungsfähigkeit und Effizienz verbessert oder ganz neue Produkte und Lösungen erlaubt, sieht Reiche die große Chance Deutschlands und Europas. „Weltweit stammt jede siebte Maschine aus Deutschland“, so die Ministerin, „und darin steckt Ingenieurskunst und der große Schatz an industriellen Daten, an historischem, technischem, prozessorientiertem Wissen.“ Diesen Schatz mithilfe der KI zu heben und nutzbar zu machen, erhofft sich die Politik von Großunternehmen wie vom Mittelstand.

1000 Fertigungslinien mit KI

Der diesjährige Anwender-Preis wurde genau für einen solchen Einsatz von KI in der Fertigung verliehen, an die Robert Bosch GmbH, eines der technologischen Schwergewichte der deutschen Wirtschaft. Das Unternehmen erhielt die Auszeichnung, weil es eine KI-Anwendung nicht nur in einem Pilotprojekt demonstriert, sondern sie in großem Maßstab in der Fertigung implementiert hat. „Sie läuft bereits in über 1000 Fertigungslinien und erzeugt dort entsprechende Mehrwerte“, hob Marco Huber, Universitätsprofessor in Stuttgart und wissenschaftlicher Direktor für Digitalisierung und KI beim Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), in seiner Laudatio hervor.

Konkret handelt es sich um eine Anwendung zur Erkennung von Anomalien im Fertigungsprozess, die auf mögliche Probleme hindeuten, bevor sie tatsächlich auftreten. „Fertigungslinien sind mittlerweile so optimiert, dass typischerweise ganz wenige Fehler entstehen“, erklärte Huber. Genau das erschwert es, eine KI mit ausreichend vielen Beispielen für Fehler zu trainieren. Boschs KI-Modell lernt anhand der kontinuierlich erfassten Sensordaten, wie ein normaler Fertigungsprozess abläuft. „Wenn sie das entsprechend gut kann, dann kann sie etwa frühzeitig starke Abweichungen wahrnehmen“, so Huber. Das hilft, die Produktion von Ausschuss weiter zu verringern.

„Die Menschen gestalten die Technologie.“ Tanja Dückert, Geschäftsführerin Digital Business and Services Robert Bosch GmbH, erhielt stellvertretend für ihr Team den Anwenderpreis.

„Wir verbessern damit unsere Produkte und Dienstleistungen, wir erhöhen damit aber auch die Produktivität“, erklärte Tanja Rückert, Geschäftsführerin Digital Business and Services bei Robert Bosch, in ihrer Dankesrede. Der Konzern will die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktentwicklung über die Produktion bis zur Logistik durch KI optimieren. Rückert verwies auf die Zahl der KI-Patente des Unternehmens, allein in den vergangenen fünf Jahren seien es 2000 gewesen. Für Rückert ein Zeichen für die ungebrochene Innovationskraft der Deutschen: „Die Menschen gestalten die Technologie.“

Tabellen statt Texte

Auch beim diesjährigen Innovationspreis spielt der Umgang mit begrenzten Trainingsdaten eine wichtige Rolle. Preisträger Frank Hutter, Informatikprofessor an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität und Geschäftsführer des Start-ups Prior Labs, hat ein KI-Modell mitentwickelt, das auch dann gute Vorhersagen liefern kann, wenn für eine neue Aufgabe nur wenige Trainingsbeispiele zur Verfügung stehen.

„Wir haben wahnsinnig starke Talente, wir haben wahnsinnsstarke Start-ups“, erklärte Frank Hutter in seiner Dankesrede. „Wenn wir mutig in Spitzenforschung investieren und dann auch Ausgründungen vereinfachen, dann wird aus der Hoffnung auch ein Plan, um das zu erreichen“, sagte er in Anspielung auf die Hoffnung der Bundeswirtschaftsministerin auf KI-Wachstum für Deutschland.

Der Informatik-Professor Frank Hutter erhielt den KI-Innovationspreis für seine Forschungen in der KI-gestützten Auswertung von strukturierten Daten, etwa aus Tabellen.

Hutter erhielt den Innovationspreis für seine Forschungen auf dem Gebiet der KI-gestützten Auswertung von strukturierten Daten, etwa Tabellen. „Die derzeit fortschrittlichsten KI-Modelle, sind vorwiegend an Texten trainiert worden, an unstrukturierten Daten. Das erklärt auch, warum diese Modelle besonders gut darin sind, unstrukturierte Daten zu generieren und uns bei der Arbeit mit ihnen zu unterstützen“, erklärte Antonio Krüger, Informatikprofessor und Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken, in seiner Laudatio. Diese KI-Modelle sind sehr leistungsfähig bei der Interpretation und Herstellung von Texten oder Bildern. Bei der Auswertung oder dem Aufbau strukturierter Daten hingegen stoßen sie häufig an ihre Grenzen.

Anders das Modell, das Hutter mit Wissenschaftlern der Universität Freiburg entwickelt hat: TabPFN wurde vorab mit einer riesigen Menge künstlich erzeugter Datensätze trainiert, Muster und Zusammenhänge in Tabellen zu erkennen. Dieses Wissen kann es anschließend auf neue Aufgaben übertragen, ohne dafür erst aufwendig trainiert werden zu müssen. Es kann deshalb mit vergleichsweise geringem Aufwand tabellarische Daten lesen und verstehen und aus ihnen Vorhersagen ableiten, was beispielsweise bei medizinischen Diagnosen oder Finanzanalysen, für wissenschaftliche Experimente oder betriebliche Entscheidungen wichtig ist.

Daten-Ökonomie spielt eine Rolle

Ein besonders wichtiger Punkt war für die Jury, dass TabPFN auch mit relativ wenigen Daten auskommt. Gerade in der medizinischen Forschung oder bei spezialisierten wissenschaftlichen Experimenten kann das entscheidend sein.

Die diesjährigen Preisträger sind Vertreter einer innovativen KI-Szene in Deutschland. Europa mag zwar bei den Basismodellen deutlich hinter den USA und China zurückliegen, doch auf anderen Einsatzgebieten der KI kann der Kontinent seine nach wie vor vorhandenen Stärken ausspielen.

„Der Zug bei den Foundation Models mag abgefahren sein“, so DFKI-Geschäftsführer Antonio Krüger, „aber im Moment verlassen ganz viele Züge den Bahnhof.“ Entscheidend wird sein, dass Europa die zu seinen Stärken passenden KI-Felder wählt.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke