Einst wurde aus der monumentalen Betonhalle unweit der Spree die Bevölkerung Ost-Berlins mit Energie versorgt. Heute soll von dem Ort, an dem sonst Ausstellungen und Technofestivals stattfinden, ein starkes Willkommenssignal an internationale Investoren ausgehen.

„Deutschland ist offen für Investitionen, Deutschland ist offen für Geschäfte und Deutschland ist bereit, schneller zu wachsen“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Abend vor 500 Gästen aus Wirtschaft und Politik zum Auftakt des Investitionsgipfels der Bundesregierung.

Merz kündigte im Kraftwerk Berlin für Deutschland die „größte Modernisierungsoffensive seiner jüngeren Geschichte“ an. Dazu gehörten Investitionen in Infrastruktur, Energie und Verteidigung ebenso wie Bürokratieabbau und die Reform von Sozial- und Rentensystemen. An die potenziellen Geldgeber im Raum gerichtet, warb er um Vertrauen in den Standort Deutschland: „Wir sind offen für Geschäfte und Partnerschaften. Wir heißen ausländische Unternehmen und Investitionen willkommen.“

Für zwei Tage rollt die Bundesregierung allen interessierten Geldgebern den roten Teppich aus. Vorbild ist der jährliche „Choose France“-Gipfel von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im prächtigen Schloss von Versailles.

Zur Unterstützung saß bei der Auftaktveranstaltung neben Merz der Chef des weltweit wertvollsten Unternehmens auf der Bühne: Jensen Huang, Vorstandsvorsitzender des amerikanischen Halbleiterherstellers Nvidia. Und der wusste genau, was der Gastgeber hören wollte.

Der Amerikaner warb offensiv für den Standort Deutschland. „Deutschlands Fähigkeiten in Wissenschaft und Technologie sind unübertroffen“, sagte Huang. Nvidia habe bereits in zahlreiche deutsche Technologieunternehmen investiert und beschäftige rund tausend Mitarbeiter im Land. Sein Appell an internationale Investoren lautete: „Geben Sie Deutschland eine Chance.“

„Sonst schnappe ich mir alle guten Deals“

Auf die Frage, was er sich in einem Jahr wünsche, antwortete Huang mit Blick auf seine deutschen Beteiligungen: „Nichts würde mir mehr Freude bereiten, als zu sehen, wie sich all meine Investitionen in Deutschland in Gold verwandeln.“

Er freue sich über die Unterstützung der Bundesregierung für Start-ups sowie über bessere Bedingungen für Pensionsfonds und Risikokapital. Anderen Investoren riet er scherzhaft zur Eile: „Sie sollten sich beeilen, denn sonst schnappe ich mir alle guten Deals und werde reich.“

Eine Kooperation mit der Bundesregierung zur Entwicklung von KI-gesteuerten Maschinen hat Huang sich bereits gesichert, wie die Regierung am Abend mitteilte. Dazu gehört, dass der Hersteller von Hochleistungschips seine KI-Modelle künftig neben der Großindustrie auch dem Mittelstand sowie Forschungseinrichtungen zugänglich macht.

Einem Medienbericht zufolge will der Bund das Projekt mit ‌einem dreistelligen Millionenbetrag unterstützen. ⁠Das ‌Geld ​soll unter ⁠anderem dazu ​dienen, Rechenkapazitäten in der KI-Cloud der Deutschen Telekom ‌anzumieten.

Merz bezeichnete Künstliche Intelligenz als große Chance für den Industriestandort Deutschland und rief insbesondere den Mittelstand dazu auf, seine Daten stärker zu nutzen. „Öffnen Sie bitte Ihre Türen für KI, damit diese Ihre Daten nutzen kann. Das ist entscheidend für die Zukunft Deutschlands“, sagte der Kanzler.

Deutschland könne „weltweit eines der führenden, wenn nicht das führende Land werden“, wenn es gelinge, die Technologie mit den Stärken von Mittelstand, Maschinenbau und Automobilindustrie zu verbinden. „Wir müssen ein Land mit einer produzierenden Industrie bleiben. Das sollten wir niemals aufgeben“, sagte er.

Huang zeichnete das Bild einer tiefgreifenden industriellen Umwälzung. Künftig werde „jedes Unternehmen zwei Fabriken haben. Eine reale Fabrik und eine digitale.“ Die nächste Welle der KI sei die „physische KI“ in Robotik, Produktion und Fahrzeugen. Deutschland verfüge dafür über außergewöhnlich gute Voraussetzungen. „Deutschlands Fähigkeiten in Wissenschaft und Technologie sind unübertroffen“, sagte Huang.

Die Daten deutscher Unternehmen seien eine strategische Ressource: „Die Daten Deutschlands gehören zu Ihren natürlichen Ressourcen.“ Deshalb solle das Land zwar die beste verfügbare Technologie nutzen, aber zugleich eigene KI-Systeme entwickeln und sein industrielles Know-how bewahren.

Die Veranstaltung ist Neuland für die deutsche Politik

Die eigentliche Konferenz findet am Dienstag in der Wirtschaftshochschule ESMT statt. Wie das Kraftwerk hat auch dieser Ort den Sprung in die Moderne geschafft, so wie er Merz für das ganze Land vorschwebt. In dem ehemaligen Staatsratsgebäude regierten einst Walter Ulbricht und Erich Honecker. Seit 2006 werden an der privaten Hochschule die Manager von morgen ausgebildet.

Die ganze Veranstaltung ist Neuland für die deutsche Politik: Rund 200 Fondsmanager und Konzernchefs werden am Dienstag erwartet. Statt länglicher Reden soll es viele kurze Gespräche der Politik mit der Wirtschaft geben. Vor allem Kanzler Friedrich Merz, Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wollen für Deutschland „pitchen“, wie man in der Start-up-Welt das Werben um Investorengeld nennt.

Auch mit Digitalminister Karsten Wildberger (CDU), Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU), Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) und Bauministerin Verena Hubertz (SPD) können potenzielle Geldgeber per App Einzelgespräche vereinbaren – und auch gleich einen passenden Raum buchen.

„Wir möchten so viele persönliche Gespräche wie möglich führen“, sagte der Kanzler am Abend. Bei der Veranstaltung gehe es „in erster Linie um den Dialog“. Die Bundesregierung wolle konkrete Investitionsmöglichkeiten vorstellen.

Fünf Millionen Euro sind für die Konferenz und den Aufbau eines neuen Standortmarketings im Bundeshaushalt vorgesehen. „Wir wollen gemeinsam mit Ihnen eine neue Ära der Investitionen und der Mobilisierung von Kapital einläuten“, sagte Merz. Neben industrieller KI sieht die Bundesregierung lohnende Chancen für Investoren, zum Beispiel im Energiebereich. Dabei geht es um den Ausbau der Stromnetze. Daneben geht es um Verteidigung, Halbleiter, Rechenzentren und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

Es wird höchste Zeit, dass wieder mehr privates Kapital ins Land kommt. Einer Studie von Allianz Research zufolge gingen zwischen 2019 und 2025 die Gesamtinvestitionen in Deutschland um 6,4 Prozent zurück – während sie im übrigen Euroraum um 6,7 Prozent und in den USA um 20,2 Prozent stiegen. Daraus ergebe sich eine Investitionslücke in Höhe von 390 Milliarden Euro gegenüber dem Euroraum und von bis zu 730 Milliarden Euro gegenüber den Vereinigten Staaten.

„Deutschland muss jetzt vereinfachen und beschleunigen“

Verantwortlich dafür sind hohe Energiekosten, die zweithöchste Steuer- und Abgabenbelastung der OECD, übermäßige Bürokratie und hohe Finanzierungskosten für Unternehmen. „Deutschland muss jetzt vereinfachen und beschleunigen: durch weniger Regulierung, schnellere Genehmigungsverfahren und attraktive öffentlich-private Partnerschaften, die dazu beitragen, die erheblichen privaten Kapitalreserven zu mobilisieren“, sagte Allianz-Vorstand Andreas Wimmer.

Auch beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt man seit 2020 auf eine Investitionslücke im mittleren dreistelligen Milliarden-Euro-Bereich. „Selbst 2026 haben die privaten Investitionen immer noch nicht ihr Vor-Corona-Niveau erreicht“, sagte Konjunkturexperte Michael Grömling. Sie hätten im zweiten Quartal dieses Jahres mehr als zehn Prozent unter dem Jahresdurchschnitt 2019 gelegen – die öffentlichen Investitionen dagegen 20 Prozent höher.

„Dass der Staat seinen Investitionsstau auflöst, ist zwar richtig. Für ein nachhaltiges Wachstum können öffentliche Ausgaben private Investitionen jedoch nicht ersetzen“, sagte Grömling. Er begrüßte den Investitionsgipfel der Bundesregierung. „Hilfreicher wäre es aber, wenn sie die Standortbedingungen rasch verbessert.“ Die hohen Kosten für Energie und Arbeit sowie die Bürokratie schreckten viele Unternehmen von Deutschland ab.

Merz verwies unter anderem auf die gewaltigen staatlichen Schuldenprogramme für Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung und auf diplomatische Bemühungen, um „unsere Beziehungen und Handelsbeziehungen zu Verbündeten auf der ganzen Welt zu vertiefen“. Ergänzt werde all dies durch Strukturreformen auf europäischer und nationaler Ebene. „Wir bauen die regulatorischen Belastungen in allen Branchen ab, modernisieren und digitalisieren unsere Verwaltung und passen unser Sozialsystem an – vom Gesundheitswesen bis zu den Rentensystemen.“

Was gut klingt, verfängt längst nicht bei jedem Investor. Der Schweizer Pharmakonzern Roche stellt aus Ärger über Sparvorgaben der Bundesregierung im Gesundheitswesen alle Investitionen in Deutschland auf den Prüfstand, kündigte Roche-Deutschlandchef Daniel Steiner kurz vor dem Gipfel in einem WELT-Interview an. „Für den Pharmabereich kann ich sagen, dass die Politik zuletzt sehr viel Vertrauen zerstört hat.“ Hintergrund ist ein Spargesetz bei der gesetzlichen Krankenversicherung.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.

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