Schaut Christine Ehrle morgens aus ihrem Wohnzimmerfenster, blickt sie auf einen kleinen, aber schönen Garten. Ein paar Schritte über die Terrasse, dann ist sie mittendrin im Grün.

Ihr neues Haus hat weder eine Treppe noch eine zweite Etage – und auch keine Räume, die kaum genutzt werden. Der Familienhund, ein Jack Russell, flitzt durch die offenen Wohnbereiche, während am großen Esstisch die Plätze für das nächste Familientreffen vorbereitet werden.

Noch vor wenigen Jahren lebte das ältere Ehepaar in einem klassischen Einfamilienhaus im Raum Stuttgart. Die Geschosse boten Platz, und im großen, idyllischen Garten fand die ganze Familie ihren Ruhepol.

Heute wohnt dort die Tochter mit ihrer Familie. Christine Ehrle und ihr Mann Peter haben sich daneben einen neuen Altersruhesitz gebaut: einen 90 Quadratmeter großen Bungalow aus Holz.

Bungalows zählen zu den meistgesuchten Eigenheimtypen

„Ein zu großes Haus ist eine Plage“, sagt Christine Ehrle. „Wir wollten uns bewusst verkleinern und haben einen klaren Schnitt gemacht. Das war total erleichternd.“ Eine Wohnung kam für das Paar nicht infrage. „Zu zweit und mit Hund? Das hätte uns die Luft zum Atmen genommen“, sagt sie. Ihr Mann formuliert es ähnlich: „Wir brauchen das Grün um uns herum.“

Die Entscheidung der Ehrles steht exemplarisch für einen Trend auf dem deutschen Wohnungsmarkt. Der Bungalow, lange als überkommenes Relikt der 1960er-Jahre betrachtet, zählt hierzulande inzwischen wieder zu den gefragtesten Hausformen.

Nach einer Analyse des Vermittlungsportals Immoscout24 gehört er bundesweit sogar zu den meistgesuchten Eigenheimtypen. In Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und dem Saarland erreicht die Nachfrage nach dem speziellen Gebäudetyp sogar Spitzenwerte.

Experten aus der Branche bestätigen den Trend. „Der Bungalow bietet mit seinen offenen Wohnbereichen, den lichtdurchfluteten Räumen und seiner Barrierefreiheit viel Potenzial für unterschiedlichste Wohnwünsche“, sagt etwa Stefanie Binder, Wohnexpertin der BHW Bausparkasse. Singles, Familien und ältere Paare profitierten gleichermaßen davon.

Auch die Hausbauindustrie registriert die Entwicklung mit Interesse. „Immer mehr unserer Kunden entscheiden sich bewusst für das Wohnen auf einer Ebene“, sagt Oliver Radlmair, Marketingleiter des Fertighausanbieters Town & Country.

Besonders häufig interessieren sich jene Menschen für den eingeschossigen Haustyp, die den Ruhestand vor Augen oder ihn bereits erreicht haben. Sie suchen nach einer Immobilie, die sich auch mit fortschreitendem Lebensalter und oft eingeschränkter Mobilität problemlos nutzen lässt. Für die Ehrles spielte dieser Gedanke von Beginn an eine Rolle. „Ebenerdig sollte das Haus sein“, sagt Peter Ehrle.

Neue Häuser auf bereits bebauten Grundstücken

Der Grundriss wurde schließlich um einen Gegenstand herum geplant, den die Familie seit Jahrzehnten nutzt: den großen Esstisch. Dort trifft sich auch weiterhin die ganze Familie, nehmen regelmäßig Freunde und Gäste zum geselligen Miteinander Platz.

Das Vorgehen der Ehrles stehe stellvertretend für das des typischen heutigen Bungalow-Interessenten, berichtet Dagmar Fritz-Kramer, Geschäftsführerin des Fertighausherstellers Baufritz, der auch den Bungalow des Ehepaars Ehrle errichtet hat.

Häufig entstünden neue Häuser auf bereits bebauten Grundstücken. Eltern und erwachsene Kinder rückten dadurch näher zusammen, ohne ihren eigenen Haushalt aufzugeben – ein Mehrgenerationen-Wohnen der anderen Art.

Die neue Liebe zum Bungalow beschränkt sich aber längst nicht auf die Generation 60 plus. Christoph Stanek etwa ließ sich mit seiner Frau Svea und Sohn Pius einen Holzbungalow in Schleswig-Holstein errichten.

Der Arzt entschied sich für ein eingeschossiges Haus mit L-förmigem Grundriss. Ausschlaggebend waren für die junge Familie kurze Wege, offene Räume und eine Konstruktion aus Holz.

Dass heute sowohl junge Familien als auch Senioren Gefallen an dieser Bauform finden, hängt mit Eigenschaften des Bungalows zusammen, die seit Jahrzehnten nahezu unverändert geblieben sind. Der Eingeschosser konzentriert das Leben auf einer Ebene. Treppen entfallen, Verkehrsflächen – also Bereiche, die dem Zugang zu Räumen dienen – fallen geringer aus, die Zimmer lassen sich meist flexibel anpassen.

Helmut und Loki Schmidt im Garten des Kanzlerbungalows in Bonn

Dass er sich in jener Zeit zum Statussymbol für die Mittelschicht entwickeln konnte, lag auch an einem der bekanntesten Häuser der Republik: dem Kanzlerbungalow in Bonn. Der Architekt Sep Ruf entwarf das Gebäude als Wohn- und Gästehaus für Bundeskanzler Ludwig Erhard. Bis zum Umzug der Bundesregierung nach Berlin im Sommer 1999 diente es den deutschen Regierungschefs als Wohnsitz.

Während der Hochphase der Babyboomer passte die Bauform zudem zu den Bedürfnissen vieler Familien. Fehlende Treppen reduzierten Unfallrisiken für Kinder.

Gleichzeitig ließen sich die Gebäude vergleichsweise kostengünstig errichten. Aufwendige Keller, Balkone oder große Treppenhäuser waren häufig überflüssig.

Moderne Flachdächer halten den Bungalow heute dicht

Ein weiterer Grund für das Comeback des Bungalows liegt in einem Detail, das der Bauform lange geschadet hatte: dem Flachdach. Viele Häuser aus den 1960er- und 1970er-Jahren kämpften mit Feuchteschäden, weil Abdichtungen schneller alterten und Regenwasser oft unzureichend abgeführt wurde. Diese Einschränkung prägte den ansonsten guten Ruf des Bungalows über Jahrzehnte.

Inzwischen hat die technologische Entwicklung diesen Makel weitgehend ausgemerzt: Die heutige Generation von Flachdächern basiert auf anderen Materialien und Konstruktionsprinzipien. Verbesserte Abdichtungsbahnen, strengere Baustandards und ausgefeilte Entwässerungssysteme haben die Anfälligkeit für Feuchteschäden reduziert.

Für Bauherren fällt damit ein Einwand weg, der den Haustyp lange begleitet hat. Das flache Dach gehört wieder zu den Vorzügen des Bungalows, weil es Solaranlagen, Dachbegrünungen und eine klare Architektur begünstigt.

Aus der Mode waren Bungalows in Deutschland zwischenzeitlich auch gekommen, weil sich mit steigenden Grundstückspreisen auch die Rahmenbedingungen änderten. Bungalows benötigen mehr Fläche als Häuser mit mehreren Geschossen, weil sämtliche Räume nebeneinander angeordnet werden.

Viele Bauherren mit kleinerem Budget fürs Grundstück wichen deshalb auf mehrgeschossige Einfamilienhäuser oder Reihenhäuser aus. Wer heute einen Bungalow neu baut, kann Abstriche bei der Gartengröße machen.

Nun sorgt eine neue Generation von Eigentümern für eine Neuauflage. Die Babyboomer erreichen das Rentenalter und beschäftigen sich mit altersgerechtem Wohnen. Viele besinnen sich dabei auf jenen Haustyp zurück, den sie aus ihrer Kindheit kennen und mit dem sie oft schöne Lebenserinnerungen verbinden.

Zugleich entdecken jüngere Familien die Vorteile flexibler Grundrisse. „Bei Jüngeren sind Bungalows aus dem Bestand begehrt“, sagt Wohnexpertin Binder. L-förmige Gebäude böten Platz für Homeoffice, Kinderzimmer, manchmal sogar eine Einliegerwohnung für pflegebedürftige Angehörige. Hinzu kommen bauliche Vorteile. Da das Dach oft ausschließlich auf den Außenwänden ruht, lassen sich Innenräume leichter verändern.

„Wer weniger Innenwände setzt, benötigt auch weniger Türen“, sagt Klaus-Peter Frenzel vom Verband Privater Bauherren. Spätere Umbauten seien deshalb vergleichsweise unkompliziert.

Für die Ehrles waren solche Überlegungen wichtig. Noch entscheidender war jedoch, dass ihr Haus den Alltag erleichtert. Ihr früheres Einfamilienhaus steht nur wenige Meter entfernt. Dort lebt die nächste Generation – und ist in Rufweite, falls im Alter doch mal etwas sein sollte.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Richard Haimann ist freier Autor bei WELT und WELT AM SONNTAG und schreibt über Immobilien.

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