Deutschland muss im Wettlauf um Künstliche Intelligenz (KI) aufholen, hat das Spiel aber noch nicht verloren. So sahen es viele Teilnehmer des WELT AI Summits, der zum dritten Mal bei Axel Springer in Berlin stattfand. „Es wird ja oft die Frage gestellt: Ist Europa hinterher, ist es vorbei, sind wir abgehängt? Ich halte das für die falsche Frage“, sagte Philipp Herzig, Technologievorstand von SAP. „Technologie ist ein bisschen wie beim Sport, ja. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Und das Spiel um KI sei weder endlich, noch sei es vorbei.

Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) teilte den Optimismus, warnte aber zugleich davor, dass Deutschland und die EU den Anschluss verlieren könnten. „Noch nie war die Gleichzeitigkeit der Herausforderungen so groß wie heute. Unser Exportmodell ist in die Jahre gekommen und funktioniert so nicht mehr“, sagte er.

Digitalminister Karsten Wildberger beim WELT AI Summit in Berlin

„Ich glaube aber, dass KI, wenn wir es richtig machen, für Deutschland und Europa ein Befreiungsschlag sein kann. Wenn wir nur Kunde dieser Technologie sind, dann entsteht ein systemisches Risiko, dass wir kein Wachstum erzielen können“, so Wildberger. Europa müsse bei den Frontier-Modellen aufholen, bei Basismodellen für Sprache und sicherheitsrelevanter KI.

Die Fusion des deutschen KI-Start-ups Aleph Alpha mit dem kanadischen Konkurrenten Cohere sieht er als wichtigsten Schritt in diese Richtung. „Damit entsteht außerhalb der USA und Chinas eines der größten KI-Unternehmen weltweit“, sagte Wildberger. Das deutsch-kanadische Unternehmen verfolge ambitionierte Pläne, Modelle in einer deutlich höheren Leistungsklasse zu entwickeln. Wildberger und sein kanadischer Kollege Evan Solomon hatten die Vorbereitung der Fusion politisch begleitet.

Auf dem WELT AI Summit diskutierten Unternehmer, Manager und Politiker über die weitere Entwicklung Künstlicher Intelligenz und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft. Vertreten waren unter anderem Manager von KI-Unternehmen wie Mistral und OpenAI, von Google und Amazon Web Services (AWS). Dazu kamen Gründer deutscher Tech-Start-ups und Manager großer deutscher Unternehmen. Am Tisch saß nicht nur Wildberger, sondern auch seine ukrainische Ministerkollegin Oksana Ferchuk. Die IT-Szene in ihrem Land gilt als besonders dynamisch, nicht nur wegen der Verbindung von Softwareentwicklung und Militär.

Bemerkenswert war, wie die Vertreter der amerikanischen KI-Riesen die Aussichten Europas beurteilten. Emmanuel Marill, Europachef von OpenAI, sprach von einem sehr dynamischen Kontinent mit vielen Ingenieuren und Start-ups. Das Ökosystem wachse schnell, in allen Ländern gebe es starke Akteure auf Anwendungs-, Modell- und Infrastrukturebene. „Die kleinen und mittleren Betriebe, der deutsche Mittelstand, holen stark auf, und zwar auf breiter Front.“ Sein Rat: „Sie müssen also nur noch etwas mehr Gas geben, denn jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür.“

Google-Manager Nick Foxx sieht ebenfalls „eine Chance für Europa“. Erfolgreich würden jene Länder sein, die diese Zukunft annähmen, die Infrastruktur dafür errichteten und auf den Modellen aufbauten.

Nüchterner klang der deutsche Investor Ludwig Ensthaler von 468 Capital. „Europa hat da eine klare Bronzemedaille aktuell. Es gibt hier tolle Firmen, aber an der Spitze wird sich wahrscheinlich in nächster Zeit nichts ändern.“ An dieser Spitze stehen klar die USA und China. Ensthaler sieht die Chancen für Europa der nächsten Jahre in der Industrierobotik und danach in einer Welt, in der humanoide Roboter eine starke Rolle spielten.

„Echte Wertschöpfung liegt in Daten“

SAP-Vorstand Herzig lenkte den Blick weg vom Wettlauf um die größten Sprachmodelle. „Die echte Wertschöpfung liegt in den Daten, deswegen investieren wir in tabellarische KI‑Modelle. Wir haben interessante Herausforderungen, die wir in Deutschland lösen können, und in diesem Bereich können wir Vorreiter sein. Es gibt beispielsweise Weltklasse-Modelle aus Freiburg.“ Auch bei der nächsten Technologiestufe sieht er Europa im Rennen: „Kein Large Language Model ist in der Lage, zu begreifen, was in der echten Welt passiert. Es gründen sich auch in Europa Start-ups, die Welt-Modelle bauen.“

Auf solche Aussichten setzt Minister Wildberger – und auf einen Mentalitätswandel. „Deutschland unterschätzt sich komplett in seinen Fähigkeiten. Wir haben großartige Talente und Unternehmen. Deutschland kann führend sein im Bereich der industriellen KI“, sagte er. In der Produktion gebe es Unternehmen, die ihre physischen Anwendungen mit Hilfe von KI bereits automatisiert hätten und international weit vorn lägen.

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner im Gespräch mit dem Chef der Google-Suche Nick Fox

Das Risiko einer vollständigen Abhängigkeit von großen amerikanischen und chinesischen Sprachmodellen sieht Wildberger aber auch. Europa müsse unabhängiger werden, forderte er. Sollte Deutschland den Zugriff auf diese Modelle verlieren, wäre das nach seinen Worten ein Schlag für die digitale Souveränität.

Als Standortvorteil will der Minister die Sicherheit verankern: Die deutsche und europäische KI müsse sich dadurch differenzieren, „dass sie nicht nur leistungsfähig ist, sondern eben auch besonders sicher“. In Berlin baut der Bund gerade ein staatliches KI-Sicherheitsinstitut auf. Dabei arbeite man eng mit Großbritannien zusammen, künftig auch mit Frankreich und Kanada.

Die deutlichste Absage an die deutsche Standortklage kam von einem Gründer. Mirko Novakovic, Chef des Software-Unternehmens Dash0, sagte: „Ich brauche eigentlich gar nichts von der Politik. Ich denke, wir als Unternehmer können schon klarkommen und ich glaube, wir haben auch die Bedingungen, weltweit zu konkurrieren.“ Bürokratie sei zwar immer störend, „aber es ist für mich jetzt kein Showstopper, in Deutschland ein erfolgreiches Unternehmen zu bauen“.

Wie tief KI die Arbeit in seiner Firma verändert hat, machte Novakovic an einer Zahl fest: Beim eigentlichen Programmcode sei man „mittlerweile fast bei 100 Prozent KI-generierten Code“. Bei Qualitätssicherung und Tests liege der Anteil dagegen erst bei vielleicht 20 Prozent. Entlassen habe man deshalb niemanden: „Ich denke, Entwickler werden produktiver.“

OpenAI-Europa-Chef Emmanuel Marill (M.) beim WELT AI Summit 2026

Der Regulierung stellte Stefan Schaible von Roland Berger ein schlechtes Zeugnis aus. Wenn Innovationen da seien und etwas gezähmt werden müsse, solle man zähmen. „Aber im Moment nehmen wir zu viel an der Kreativität, an der Innovation weg. Und deshalb kommt auch zu wenig da raus.“ Auch die Industrie warnt vor dem Data Act: Aus geteilten Maschinendaten ließen sich womöglich Rückschlüsse auf Produktionsprozesse ziehen.

Europas Wirtschaft konzentriert sich vor allem auf Anwendungen. Doch auch für US-Konzerne ist dieser Bereich relevant. Albrecht Kiel von Visa beschrieb einen neuen Käufer im Netz: „Das Internet wandelt sich von einem Ort, in dem der Mensch selber einkauft, zu einem Ort, in dem der KI-Agent für ihn einkauft.“ Visa arbeite in Europa mit 30 Banken, Händlern und Modellanbietern zusammen, die ersten Transaktionen hätten technisch bereits einwandfrei stattgefunden.

Der Gründer des deutschen KI-Pioniers Aleph Alpha, Jonas Andrulis, wies auf das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine hin. Andrulis ist inzwischen Chef des von ihm gegründeten Start-ups CNTR. Er warnte davor, den Menschen zur Kontrollinstanz der Maschine zu degradieren. „Es reicht nicht, den Menschen einfach als AI-Baby-Sitter so lange neben der KI sitzen zu haben, bis sie die Sache gelernt hat.“ Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liege im Erfindergeist: „Wenn die Höhlenmenschen damals nur eine KI gefragt hätten, wäre das Rad nie erfunden worden. Solche Erfindungen macht der Mensch. Und da sind wir in Europa super aufgestellt.“

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Holger Zschäpitz ist leitender Finanzredakteur in Berlin. Er ist leidenschaftlicher Marktbeobachter und berichtet über Kurse und Finanzmärkte, Geldanlage, Aktien, Fonds und ETFs, Gold, Bitcoin und Kryptowährungen sowie das diffizile Zusammenspiel von Politik und Märkten. Er ist Co-Host der WELT-Podcasts „Deffner & Zschäpitz“ und „Alles auf Aktien“.

Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.

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