Das Vorgehen der Bundesregierung bei der Befüllung der Gasspeicher rechtfertigt eine ganz besondere Form der Kritik, die im politisch aufgeheizten Deutschland selten geworden ist: eine Kritik mit Augenmaß. Ja, es wurden Fehler gemacht. Allerdings befand sich die Regierung, namentlich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), in einer Zwickmühle, in der jeder ihrer Schritte in gleich welche Richtung als Fehltritt gewertet worden wäre.

Die Kritiker werfen Reiche vor, erst jetzt mit Steuergeldern Staatsgas am Markt zu kaufen, wo dies besonders teuer ist. Hätte man schon im Frühjahr gehandelt, wäre der Brennstoff noch billig zu haben gewesen. Frankreich, Italien und die Niederlande haben ihre Speicher schließlich fast schon voll, während Deutschlands Kavernen und Lagerstätten erst bei 56 Prozent stehen – zu wenig, um gegen exogene Schocks und einen überharten Winter gewappnet zu sein.

Lage der Nachbarländer ist kaum vergleichbar

Diese Kritik ist einerseits berechtigt, macht es sich an einer Stelle aber auch zu einfach: Frankreichs Verbraucher haben die frühe Befüllung der Speicher dort teuer bezahlt. Mehr als 600 Millionen Euro wurden bei ihnen abgebucht. Ebenso zahlen Industrie und Haushalte in Italien und den Niederlanden seit Monaten hohe Preise für die staatlich angeordnete Speicherpflicht.

Ob die relativ späte Beauftragung des Staatskonzerns Sefe in Deutschland unter dem Strich sehr viel teurer wird, ist keineswegs sicher. Denn Sefe steht es frei, Gas am US-amerikanischen Henry Hub zu ordern, wo nur ein Bruchteil der hiesigen Preise gefordert werden.

Die europäischen Nachbarländer taugen als Vorbild überdies nur begrenzt, weil ihr Gasbedarf vergleichsweise gering ist: Deutschland ist mit Abstand der größte Gasverbraucher des Kontinents. Die deutschen Gasspeicher-Kapazitäten sind hinter denen der USA, der Ukraine und Russlands die viertgrößten des Planeten. Diese Lagerstätten staatlich auffüllen zu wollen, bedeutet immer gleich die Mobilisierung von Steuergeld im Milliarden-Maßstab.

In der Opposition hat man es immer leicht

Oppositionsparteien wie Grüne, Linke oder AfD, die sich jetzt über die „Untätigkeit“ der Bundesregierung aufregen, hätten bei frühen staatlichen Milliardenausgaben am Gasmarkt die Verschwendung von Steuergeld gerügt. In der Opposition hat man es leicht.

Deutschlands Haushalt ist allerdings bereits überstrapaziert, schon drohen Einschnitte im Sozialbereich, es wird um Budgetposten von wenigen hundert Millionen Euro gerungen. Dass die Bundesregierung vor diesem Hintergrund die privaten Energieversorger nicht zu früh aus ihrer Verantwortung entlassen wollte, ist verständlich.

Denn sobald eine Regierung in den Gasmarkt eingreift, geht der Preis für diesen Brennstoff durch die Decke: Die Marktteilnehmer lehnen sich dann bequem zurück in der ruhigen Gewissheit, dass der Staat jedwedes Beschaffungsrisiko trägt und im Zweifel auch jeden Preis zahlt.

Grundsätzlich sind die Rollen auf dem Gasmarkt klar verteilt: Die Energiebranche sorgt für „normale“ Winter vor und kauft genug Brennstoff am Weltmarkt ein, um ihre Kundenverpflichtung decken zu können. Sie kauft aber nur so viel Brennstoff ein, wie Kundenbestellungen vorliegen – und das waren in diesem Jahr relativ wenige. Ein Umstand, der darauf hinweist, dass auch die Industrie eine gehörige Portion Mitschuld an den aktuell niedrigen Füllständen in den Gasspeichern trägt.

Große industrielle Verbraucher beschaffen den Brennstoff zu einem Großteil am kurzfristigen Terminmarkt oder sogar am Spotmarkt. Viele haben dieses Mal gepokert: Sie hielten sich mit Bestellungen in den Sommermonaten zurück, in der Erwartung, dass der Irankrieg bald vorbeigeht und Gas dann wieder billiger sein wird. Es war eine riskante Beschaffungsstrategie, allerdings nicht der Regierung, sondern der Unternehmen. Viele Großabnehmer waren auf dem Gasmarkt „mit dem Fahrrad ohne Licht unterwegs“, wie es ein Energiemanager formuliert. Die Füllstände in den Speichern blieben auch deshalb so niedrig. Die Industrie hat sich verzockt und die Regierung soll es jetzt richten.

Auf der anderen Seite: Während die Versorger und Verbraucher das Beschaffungsrisiko in einem normalen Winter mit Durchschnittstemperaturen tragen, ist es die Rolle und Aufgabe der Bundesregierung, das Land auf exogene Schocks vorzubereiten. Die Absicherung gegen Extremwinter von besonders langer Dauer und mit besonders tiefen Temperaturen. Hier hat die Bundesregierung zu spät gehandelt.

Zwar wurde die Notwendigkeit einer nationalen Gasreserve erkannt, doch soll diese frühestens Ende nächsten Jahres zur Verfügung stehen. Dabei hätte schon der Ukraine-Krieg früh genug Anlass sein können, am Markt eine Speicherbefüllung regulatorisch zu veranlassen. Doch außer der Veröffentlichung unverbindlicher Füllstandsvorgaben ist das nicht geschehen.

Ein Versäumnis, das umso schwerer wiegt, als dass die Gasversorgung Europas zu einem Übermaß an lediglich drei norwegischen Pipelines hängt. Staatsterror gegen diese Infrastruktur ist nicht auszuschließen. Ein früher Aufbau von Reserven wäre entsprechend wichtig gewesen.

Die Bundesregierung hat zwar schnell für den Aufbau von LNG-Terminals an den Küsten gesorgt und damit die Importwege teilweise diversifiziert. Doch selbst fünf LNG-Terminals haben nur eine begrenzte Kapazität und bieten keine vollständige Absicherung gegen den Ausfall norwegischer Gaslieferungen.

Wie die deutsche Industrie hat auch die Bundesregierung die Hoffnung gehegt, der Iran-Krieg werde bald vorbei sein. Dass mit der Straße von Hormus eine Lebensader der Weltwirtschaft über mehr als ein paar Wochen für den Tankerverkehr gesperrt sein könnte, war offenbar außerhalb jeder Vorstellungskraft. Auch ein Sieg der USA gegen den Iran wurde offenbar voreilig vorausgesetzt.

Solche Annahmen haben sich als fahrlässig erwiesen: Dass die Versprechen von US-Präsident Donald Trump hinsichtlich einer baldigen Öffnung des Persischen Golfs nichts wert sind, hätte man wissen können. Die Bundesregierung hat mit der recht späten Speicherbefüllung gezockt, allerdings nur mit begrenztem Einsatz. Wie hoch der Verlust genau ist, steht bisher nicht fest.

Wenn der Staatskonzern SEFE jetzt Gas kauft, die Mengen aber sofort wieder am Terminmarkt für die Ausspeicherung im Februar oder März einstellt, ist die Preisdifferenz nicht exorbitant. Womöglich kommt die Bundesregierung dann mit einem zweistelligen Millionenverlust beim Sefe-Jahresergebnis davon und hat dennoch ein gewisses Maß an Sicherheit bekommen.

Dass „die Heizungen ausgehen“, müssen private Verbraucher in Deutschland ohnehin nicht fürchten: Als besonders geschützte Kundengruppe genießen sie bei einer etwaigen Gasmangellage bis zuletzt Priorität, genauso wie Krankenhäuser oder Pflegeheime. Die Industrie wird in einer Mangellage zuerst der Gashahn abgeklemmt. Das sollte für sie eigentlich Anreiz genug sein, durch frühzeitige Beschaffung selbst für eine gewisse Resilienz zu sorgen – anstatt darauf zu warten, dass der Staat die Kastanien aus dem Feuer holt.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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