Fregattenkapitän Steffen Lange hielt sich nicht mit Floskeln auf. „Konventionelle Seestreitkräfte haben wachsende Probleme, um mit hybriden Bedrohungslagen fertigzuwerden“, sagte der Chef der Marineschifffahrtsleitung am Mittwoch beim 9. Hamburger Schifffahrtsdialog in der Handelskammer der Hansestadt. „Wir haben derzeit Unmengen an Komplikationen auf der Welt, die alle auch direkt mit uns hier zu tun haben.“
Als Beispiel nannte Lange die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran in dessen Krieg gegen die USA und Israel – eine wesentliche Ursache vor allem auch für die stark gestiegenen Preise für Benzin und Diesel nicht nur an deutschen Tankstellen. Auch die Bedrohung der Meerenge Bab al-Mandab im südlichen Roten Meer durch die dort vorrückende, mit Iran verbündete Huthi-Armee verschärfe die Lage. Viele Reedereien – vor allem Container-Linienreedereien – fahren wegen der militärischen Präsenz der Huthi schon seit Ende 2023 nicht mehr durch den Suezkanal und das Rote Meer, sie nehmen stattdessen den etwa zehn Tage lang dauernden Umweg um Südafrika herum. Mehrfach hatten die Huthi Handelsschiffe beschossen oder geentert, sie teilweise versenkt, Seeleute verletzt oder getötet.
Die Marineschifffahrtsleitung mit Sitz in Hamburg ist das Bindeglied zwischen den deutschen Seestreitkräften und der zivilen Schifffahrt. Der Austausch zwischen Marine und Handelsschifffahrt sei in den vergangenen Jahren deutlich intensiviert worden: „Die Lage auf den Weltmeeren ist so schlimm wie seit 30 Jahren nicht mehr“, sagte Lange. Mannigfaltige Kriege und Krisen belasteten den seeseitigen Handel, der wegen der wachsenden Weltbevölkerung trotzdem immer größer werde. Rund 13 Milliarden Tonnen würden im Jahr über die Meere transportiert, das seien rund 90 Prozent des Welthandelsvolumens und 70 Prozent des globalen Handelswertes. Zudem laufen rund 95 Prozent des interkontinentalen Datenaustausches durch Unterseekabel.
Lange ging ausführlich auf Russland ein, das im Februar 2022 die Ukraine überfallen hatte. Die umfangreichen Sanktionen des Westens versucht der Aggressor unter anderem mit illegalen Erdölexporten auf Tankern der sogenannten „Schattenflotte“ zu umgehen. Rund 15 bis 20 solcher Tanker passierten täglich die deutschen Küsten, sagte Lange, oft technologisch marode Schiffe, die auch ein erhebliches Risiko für die Umwelt darstellten. „Die Schifffahrt wird zunehmend instrumentalisiert, und Seeleute werden indirekt zur Waffe“, sagte Lange. „Es entstehen Parallelmärkte, ein Zwei-Klassen-System im Seehandel.“
Schiffe dieser sogenannten Schattenflotte waren immer wieder auch in Verdacht geraten, mit am Meeresgrund schleifenden Ankern gezielt Daten- oder Energieleitungen von Staaten der Europäischen Union zu beschädigen. Auch unabhängig davon intensiviert Russland aus Sicht der Deutschen Marine seine hybriden Attacken, speziell in der Ostsee. „Die Ostsee ist eine Art Schlaraffenland für elektronische Anomalien geworden“, sagte Lange. „Russland versucht, aktiv zu stören.“ Das gelte speziell auch für die Unterbrechung von GPS-Verkehren, wodurch die Navigation von Handelsschiffen deutlich erschwert werde.
Auch Drohnen sieht die Deutsche Marine als ein wachsendes Risiko: „Was wir Anfang August am Flughafen in Leipzig/Halle gesehen haben, wird massiv zunehmen. Wir arbeiten mit Kraft daran, neue Technologien dagegen einzusetzen.“ In Leipzig/Halle waren mit Sprengstoff bestückte Drohnen gefunden worden, eine davon direkt an ukrainischen Frachtflugzeugen. Allerdings konnten die Täter die Drohnen nicht zur Explosion bringen. Die Bundesregierung beschuldigt Russland, hinter dem versuchten Anschlag zu stecken.
Die Vielfalt neuer Bedrohungslagen wird für die Deutsche Marine zunehmend zu einer Belastungsprobe. Mit nur 16.000 Soldatinnen und Soldaten ist sie die kleinste deutsche Teilstreitkraft. „Die Deutsche Marine allein wird das nicht handhaben können, und das ist auch gar nicht unsere Aufgabe“, sagte Lange. Die zivil-militärische Kooperation werde deshalb immer wichtiger, etwa zwischen der Deutschen Marine und dem Verband Deutscher Reeder (VDR).
Im Frühjahr hatte der VDR einen einjährigen, freiwilligen „Seedienst“ vorgeschlagen – als Teil eines freiwilligen Wehrdienstes und zugleich einer maritimen Ausbildung in der Handelsschifffahrt. „Es geht bei diesem Vorschlag vor allem auch um den Aufbau einer personellen, nationalen maritimen Reserve“, sagte VDR-Präsidentin Gaby Bornheim in der Handelskammer Hamburg. „Wir beschäftigen auf unseren Handelsschiffen heutzutage vor allem ausländisches Personal.“ Die Aussichten der maritimen Sicherheitslage seien leider „sehr düster“. Vor diesem Hintergrund stelle sich der Schifffahrtsbranche auch die Frage, „wie die Reedereien ausreichend und künftig auch mehr jungen Menschen an Bord bekommen können. Da habe ich, trotz der guten Ausbildungszahlen der vergangenen Jahre, so meine Zweifel.“
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften, und auch über die Marinerüstung und die Deutsche Marine.
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