Deutschlands Staatsfinanzen stehen aus Sicht führender Ratingagenturen vor einer Bewährungsprobe. Zwar genießt die Bundesrepublik weiterhin die Bestnote „AAA“ und damit das höchste Vertrauen der Kapitalmärkte. Doch die steigenden Schulden und Zinskosten rufen zunehmend Skepsis hervor.

„Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Investitionen in Infrastruktur zu einem nachhaltig höheren Wachstum führen“, sagte Tobias Mock, Deutschland-Chef der Ratingagentur S&P Global Ratings, WELT AM SONNTAG. Ansonsten könne Druck auf das Rating entstehen. Herausfordernd seien das schwache Produktivitätswachstum und die alternde Bevölkerung. Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger kann sich ein Staat verschulden.

Besondere Sorge bereitet den Analysten die steigende Zinslast. „Obwohl Deutschland weiterhin von vergleichsweise günstigen Finanzierungskonditionen profitiert, verteuern höhere Kapitalmarktzinsen und die wachsende Kreditaufnahme den Schuldendienst“, sagte Malgorzata Wegner, Deutschland-Expertin der Ratingagentur Fitch. Dadurch werde eine Haushaltskonsolidierung schwieriger als in der Vergangenheit. „Der Druck auf das Rating hat zugenommen“, sagte sie und verwies auch auf das anspruchsvolle politische Umfeld.

Dauerhaft höhere Anleihenrenditen erwartet

Die europäische Ratingagentur Scope sieht darin ebenfalls ein Spannungsfeld. „Wenn ein größerer Teil des Haushalts für Zinsen aufgewendet werden muss, stehen weniger Mittel für andere politische Vorhaben zur Verfügung. Das erhöht den Druck, die Staatsfinanzen zu konsolidieren und die Defizite langfristig zu senken“, sagte Deutschland-Analyst Julian Zimmermann. Er geht von dauerhaft höheren Anleiherenditen aus.

Kommende Woche werden die Abgeordneten des Bundestags erstmals über den Bundeshaushalt 2027 und die mittelfristige Finanzplanung bis 2030 beraten. Vorgesehen ist eine jährliche Neuverschuldung von mehr als 200 Milliarden Euro. Die Zinskosten sollen sich innerhalb von vier Jahren von 40 Milliarden Euro auf 80 Milliarden Euro verdoppeln.

Zwar verfüge Deutschland dank der Politik der „schwarzen Null“ in den 2010er-Jahren über erhebliche finanzielle Puffer, die nun für Investitionen und Verteidigung ausgegeben würden, sagte Zimmermann. Positiv sei dies aber nur, wenn daraus dauerhaft höhere Wachstumsraten entstünden. Er rechne lediglich mit einem mittelfristigen Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent pro Jahr. Die Schuldenquote könnte demnach von aktuell 65 Prozent bis 2031 auf 74 Prozent steigen. Auch Fitch verwies darauf, dass Deutschland mit einer Schuldenquote von absehbar mehr als 70 Prozent die höchste unter allen verbliebenen AAA‑Ländern hätte.

Die Warnungen der Ratingagenturen treffen auf erste Anzeichen einer konjunkturellen Aufhellung. Mehrere führende Wirtschaftsforschungsinstitute hoben in den vergangenen Tagen ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr auf mehr als ein Prozent. Sie verwiesen auf überraschend robuste Exporte sowie positive Impulse durch die zusätzlichen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung.

Gleichzeitig betonten allerdings auch die Ökonomen, dass die strukturellen Probleme des Standorts Deutschland nicht gelöst seien. Vieles hängt von Reformen ab. Die jüngsten Vorhaben in der Renten- und Gesundheitspolitik werden von den Ratingagenturen grundsätzlich positiv bewertet. „Im weiteren Verlauf wird wesentlich sein, ob es bei der parlamentarischen Umsetzung zu deutlichen Verzögerungen oder Verwässerungen kommt“, sagte Zimmermann.

Warnungen kommen auch aus der Unionsfraktion. „Die immer weiter steigenden Zinsausgaben werden auf Sicht zu unserem größten Problem“, sagte der Chefhaushälter der Union, Christian Haase. Scheiterten die geplanten Reformen bei Rente und Pflege, seien nicht nur die Finanzstabilität des Landes, sondern auch Deutschlands Spitzenrating gefährdet.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.

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