Das Drehbuch für die nächsten Tage ist klar. Auf Marktplätzen und Wahlkampfveranstaltungen wird die Bundesregierung auf den Aufschwung verweisen, der nun endlich eingesetzt habe. Und tatsächlich: Die Zahlen geben ihr auf den ersten Blick recht.

Gleich mehrere Wirtschaftsinstitute haben ihre Prognosen für dieses Jahr kräftig angehoben. Das Kieler IfW erwartet nun 1,3 Prozent Wachstum statt bislang 0,8 Prozent. Das DIW hat seine Vorhersage auf 1,2 Prozent mehr als verdoppelt. Und das Ifo-Institut rechnet sogar mit 1,4 Prozent. Nach sieben Jahren der Rezession und Stagnation ist das erfreulich.

Nur sollte niemand aus einem konjunkturellen Hoffnungsschimmer schon ein neues deutsches Wirtschaftswunder ableiten. Ein erheblicher Teil des Wachstums ist staatlich angeschoben – durch das sogenannte Sondervermögen, also hohe Schulden. Ein anderer Teil erklärt sich dadurch, dass Risiken weniger schlimm eingetreten sind als befürchtet. Der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs fällt zunächst geringer aus. Ein echter positiver Effekt ist Deutschlands kleiner KI‑Boom. Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen Erzeugnissen profitieren vom globalen Bau von Rechenzentren. Hardware kann die Bundesrepublik.

Das alles macht Hoffnung. Doch für Entwarnung und Eigenlob ist es viel zu früh. Der Iran-Krieg ist nicht beendet, die Energiepreise ziehen wieder an. Super E10 erreicht gerade ein Rekordhoch. Das treibt die Inflation und trifft eine Industrie, die ohnehin unter hohen Energiekosten leidet. Zugleich wächst mit den schuldenfinanzierten Sondervermögen die Zinslast des Staates. Private Investitionen bleiben zu schwach.

Gerade deshalb wäre es fatal, wenn die Bundesregierung die besseren Zahlen nun als Einladung zum Nachlassen verstünde. Deutschland braucht nicht weniger Reformdruck, sondern mehr. Die Einkommensteuerreform zeigt, wie schnell aus dem Versprechen einer Entlastung ein kleinteiliger Kompromiss wird, bei dem die kalte Progression nicht einmal vollständig ausgeglichen wird.

Die vielleicht letzte Chance der Bundesregierung

Noch alarmierender ist die Rente. Im Juni hatten Friedrich Merz und Bärbel Bas versprochen, alle 33 Empfehlungen der Rentenkommission vollständig umzusetzen. Bas sprach von einem „Gesamtkunstwerk“, bei dem es kein Rosinenpicken geben dürfe. Wenige Wochen später stellte sie bereits Teile des Pakets infrage. Genau so verspielt Politik Vertrauen in Reformen. Auch im Gesundheitswesen sind erste Schritte beschlossen, doch die strukturelle Finanzierung bleibt offen.

Die neuen Wachstumszahlen sind kein Grund, sich zurückzulehnen. Sie sind eine Chance – vielleicht die letzte gute Gelegenheit für diese Bundesregierung, Reformen durchzusetzen, bevor die nächste Krise kommt.

Deutschland hat nach Jahren der Schwäche ein zartes Pflänzchen Wachstum. „Macht es nicht kaputt“, möchte man der Regierung zurufen. Nutzt es, um endlich die Bedingungen für dauerhaftes Wachstum zu schaffen: niedrigere Kosten, tragfähige Sozialversicherungen, mehr private Investitionen und einen Staat, der mit seinem Geld auskommt und seine Bürger entlastet. Aus diesem Mini-Wachstum muss mehr werden als ein schuldenfinanziertes Zwischenhoch. Und mit einer starken Wirtschaft lassen sich auch wieder Wahlen gewinnen.

Moritz Seyffarth ist Chefredakteur von „Business Insider Deutschland“ und verantwortlich für die Wirtschafts- und Finanzberichterstattung bei WELT.

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