Über Augsburg reisen täglich zehntausende Bahnkunden, doch an diesem Mittwoch ging zeitweise nichts mehr. Um 3:15 Uhr in der Nacht kam es in einem Geschäftsgebäude gegenüber des Hauptbahnhofs zu einer Explosion. Zwei junge Menschen wurden leicht verletzt. Etwa vier Stunden später gab es erneut Bombenalarm. Ein verdächtiger Gegenstand wurde entdeckt, dieses Mal im Bahnhofsgebäude selbst. Der Zugverkehr wurde für mehr als eine Stunde komplett eingestellt, bevor es Entwarnung gab.
Der Hintergrund der Explosion in Augsburg ist weiterhin unklar. Sie hat nicht direkt im Bahnhof stattgefunden. Doch der aktuelle Vorfall passt in die aktuelle Alarmstimmung, nach den Angriffen auf den Flughafen Leipzig-Halle und die Strominfrastruktur. Auch die Bahn ist immer wieder Ziel solcher Attacken, etwa wenn Kabelschächte in Brand gesteckt werden. Vor einem solchen Angriff auf ihre Infrastruktur warnt die Bahn nun intern in einem Schreiben an ihre Mitarbeiter, das WELT vorliegt.
Der „Sicherheitshinweis“ an die Mitarbeiter der DB InfraGO AG Fahrweg stammt vom 25. August. Er richtet sich an jenen Geschäftsbereich, der für die Schieneninfrastruktur verantwortlich ist. Darin warnt die Bahn vor einer „Aktionswoche gegen den deutschen Staat“ vom 7. bis 13. September. Sie bezieht sich damit auf einen anonymen Aufruf, der auf den Internetplattformen „Indymedia“ und „Kontrapolis“ im Juni veröffentlicht wurde. Beide Seiten werden der linksextremen Szene zugeordnet. In dem Aufruf wird nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD aktuell in den Umfragen deutlich vorn liegt, vor einer faschistischen Regierung gewarnt. Die gesamte staatliche Infrastruktur sei damit nach der Wahl ein „legitimes Ziel“.
Bedeutendste „militante Kampagne im Linksextremismus“
Der Aufruf wird vom Bundeskriminalamt als authentisch eingeschätzt, wie die Bahn in dem Hinweis an die Mitarbeiter schreibt. „Im Zusammenhang mit der sogenannten ‚Aktionswoche‘ sind auch Angriffe auf die Infrastruktur der Deutschen Bahn nicht auszuschließen“, heißt es weiter.
Bereits in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Angriffe gegen Bahn-Infrastruktur. In Nordrhein-Westfalen wurden zuletzt im Juli zahlreiche Kabel an der Hauptstrecke zwischen Düsseldorf und Köln von Bränden in Kabelschächten beschädigt. Sicherheitskreise vermuten einen Sabotageakt. Auf der Plattform „Indymedia“ tauchte ein mutmaßliches Bekennerschreiben auf.
Besonders eine Bewegung macht mit mutmaßlichen Angriffen auf die Bahn-Infrastruktur immer wieder auf sich aufmerksam: „Switch Off“. Dabei handelt es sich laut Bundesamt für Verfassungsschutz um die „derzeit bedeutendste militante Kampagne im Linksextremismus“. Die Bewegung sei 2023 ins Leben gerufen worden und verbinde klassische antikapitalistische Parolen mit klimapolitischen Themen. Mit Angriffen auf Kabelschächte, Stromleitungen oder Bahnanlagen wollten Linksextremisten nicht nur die betroffenen Unternehmen schädigen, sondern das kapitalistische System insgesamt ins Wanken bringen.
DB‑Mitarbeiter sollen sich selbst nicht in Gefahr bringen
Im Aufruf zur „Aktionswoche gegen den deutschen Staat“ wird die DB nicht namentlich erwähnt. Allerdings heißt es darin: „Die deutsche Geschichte ist eine gute Erinnerung daran, dass unsere geliebten Züge für den Transport von Truppen, Waffen, Ressourcen und Gefangenen über große Entfernungen von entscheidender Bedeutung sind.“ Die Bahn sieht sich daher als Betreiber von kritischer Infrastruktur „im Fokus“.
Also wird an das Verhalten der DB-Mitarbeiter appelliert. Man solle sich selbst nicht in Gefahr bringen und auffällige Personen im Anlagenumfeld sowie verdächtige Gegenstände oder Veränderungen wie offene Kabelkanäle melden. Mögliche Tatorte sollen nicht verändert werden, damit die Ermittlungen nicht beeinträchtigt werden. Außerdem heißt es: „Bekannte Schwachstellen in Objektschutzkonzepten sind durch personelle Securitymaßnahmen zu schützen.“ Zudem sollen „ausreichende Ressourcen zur zeitnahen Instandsetzung beschädigter DB‑Infrastruktur“ bereitgehalten werden.
Auf Anfrage zu dem internen Sicherheitshinweis heißt es von einem Sprecher der Bahn: „Für uns als Deutsche Bahn ist Sicherheit das oberste Gebot. Dazu gehört auch der Schutz der sensiblen Infrastrukturanlagen wie Gleise, Bahnhöfe, Weichen, Signale, Telekommunikationsanlagen, Brücken, Tunnel oder Umschlag-, Rangier- und Abstellanlagen. Die DB und die Sicherheitsbehörden arbeiten im engen Schulterschluss und sorgen für individuelle Sicherheitskonzepte.“
Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.
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