Susanne Schöne, Moderatorin: Herzlich willkommen zu „Fünf Fragen an“ im Rahmen des WELT-Sicherheitsgipfels. Mit mir im Studio ist Blago Jovanovic. Er ist Mitglied der Geschäftsführung und General Manager von BAT Deutschland. Schön, dass Sie da sind.
Blagoje Jovanovic, General Manager BAT Deutschland: Danke schön.
Susanne Schöne: Herr Jovanovic, ich habe uns gleich mal ein paar Zahlen zu Beginn mitgebracht: 2024 hat der deutsche Zoll bundesweit rund 205 Millionen geschmuggelte Zigaretten sichergestellt, 2025 waren es dann schon 256 Millionen. Das sind fast 25 Prozent mehr. Der jährliche Steuerausfall beträgt nach Branchenschätzungen allein bei der Tabakzigarette mehr als 400 Millionen Euro in Deutschland. Wie groß ist das Problem tatsächlich? Und die fast noch wichtigere Frage: Wie bekommen wir es in den Griff?
Jovanovic: Ich glaube: Das Problem ist riesig. Wenn man das im weltweiten Kontext sieht, werden 456 Milliarden Zigaretten illegal verkauft. Das hat natürlich einen enormen wirtschaftlichen Schaden für den deutschen Staat, weil die Tabaksteuereinnahmen in diesem Fall entgehen.
Auf der anderen Seite sind wir als Industrie uns des Problems durchaus bewusst und wir sind ein Teil der Lösung.
Was wir als Industrie tun: Wir arbeiten sehr eng mit den Behörden zusammen. Wir stellen technologische Informationen und Mittel zur Verfügung. Wir machen Schulungen, um das Problem leichter zu erkennen und den illegalen Handel in Deutschland weiter einzudämmen.
Schöne: Um das noch einmal klar herauszuheben, mit dem Verkauf unversteuerter gefälschter Produkte wird organisierte Kriminalität finanziert. Es entsteht ein enormer wirtschaftlicher Schaden und natürlich steigt auch das Risiko für die Verbraucher bei unkontrollierten Produkten. Wird dieses Problem denn Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Debatte noch unterschätzt?
Jovanovic: Ja, mit Sicherheit – es wird deutlich unterschätzt. Die organisierte Kriminalität wird durch den illegalen Handel finanziert. Was diese Organisationen damit machen ist, dass sie das Geld beispielsweise reinvestieren in den Menschenhandel. Das ist ein Riesenproblem – das, glaube ich, in der Allgemeinheit unterschätzt wird.
Wir haben außerdem ein Problem im Jugend- und im Gesundheitsschutz. Die Menschen, die illegale Produkte heute kaufen, die wissen ja nicht, was in diesem Produkten drin ist.
Wir als BAT und auch die Industriepartner, wir haben Produktionsstandards, wir haben Qualitätsstandards, wir haben Hygienestandards. Was man bei den illegalen Produkten nicht hat.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: die sogenannten Nikotinpouches. Nikotinpouches sind in Deutschland de facto verboten. Nun existiert allerdings in der Realität eine Nachfrage von über eineinhalb Millionen Menschen, die dieses illegale Produkt hier zu Lande konsumieren. Die wissen nicht, was da drin ist. Das ist der eine Punkt.
Der zweite Punkt ist, dass diese Produkte auch an Jugendliche verkauft werden können, weil keine Regulierung dahinter steht. Wenn ein entsprechender Bedarf in der Bundesrepublik Deutschland vorhanden ist, empfehlen wir, diese Kategorie zu regulieren. Durch Regulierung können Sie den Schwarzmarkt und den illegalen Handel deutlich eindämmen.
Schöne: Blicken wir speziell mal auf das Thema E-Zigarette. Allein das Zollfahndungsamt in Frankfurt am Main hat 2025 mehr als 15.000 Liter illegaler Tabaksubstitute eingezogen, also Liquids für E-Zigaretten. Die illegalen Märkte wachsen also immer weiter. Warum ist es so schwer, dagegen vorzugehen?
Jovanovic: Weil es relativ einfach ist, diese Produkte zu bekommen. Das eine sind die Liquids, die Sie erwähnt haben. Das andere sind die Einwegzigaretten. Die können Sie einfach in China bestellen.
Sie können sie auch an jeder Ecke bekommen, sei es im Späti, sei es im Kiosk. Die Möglichkeiten, die Produkte illegal zu erwerben, sind relativ zahlreich. Und kein Mensch weiß, welche Inhalte in diesen Produkten enthalten sind.
Natürlich gibt es auch vom Zoll erfolgreiche Ermittlungen, bei denen wir die eine oder andere Fabrik oder den einen oder anderen organisierten Kriminalhandel geschlossen haben. Aber das Problem ist deutlich größer – sodass wir eben versuchen müssen, gemeinsam mit den Steuerbehörden, gemeinsam mit den Zollbehörden, gemeinsam mit der Polizei besser zu werden.
Schöne: Jetzt gibt es Track and Trace, das EU-weite Zertifizierungssystem für Tabakwaren seit 2019. Reicht das prinzipiell aus und was tun Sie als BAT, als Teil der Industrie, denn zusätzlich, um gegen Schmuggel und Fälschungen vorzugehen?
Jovanovic: Ich glaube, Track and Trace hilft. Technologie hilft immer. Bei Track and Trace kann man von der Produktion bis hin zum Mittelhandel genau verifizieren, von wo das Produkt kommt und wo es hingeht.
Man muss Technologie aber auch nutzen können, und dafür braucht man Ressourcen, was sich im Moment in den Behörden relativ schwierig gestaltet, weil die Ressourcen nicht zur Verfügung stehen.
Was wir als Industrie tun: Wir zahlen in Deutschland um und bei 15,6 Milliarden Euro Steuern. Was wir an der Stelle empfehlen, ist natürlich, dass man die Zollbehörde und die Polizei besser ausstattet, mehr Manpower dahinterpackt, um das Problem deutlich besser eindämmen zu können.
Schöne: Jetzt setzt der Zoll unter anderem auch KI-gestützte Systeme zur Kontrolle ein. Glauben Sie denn prinzipiell, dass diese neuen Technologien, zum Beispiel künstliche Intelligenz, dazu beitragen werden, dass man den Kampf gegen Schmuggel und Fälschungen auch gewinnt?
Jovanovic: Ich glaube, dass es auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil bei der Kontrolle sein wird – und KI wird mit Sicherheit ein exorbitant wichtiger Teil sein, um den Schmuggel zu kontrollieren.
Aber auf der anderen Seite: gibt es die Steuer.
Ein Beispiel: In den Niederlanden gab es signifikante Tabaksteuererhöhungen. Das führte dazu, dass wir in diesem Land – dadurch, dass die Preise der legalen Zigaretten und Nikotinprodukte nach oben geschossen sind – 50 Prozent illegalen Handel haben.
Deshalb meine ich nicht, dass wir die Steuern reduzieren müssten. Sondern dass man vorsichtig sein muss mit einer Anhebung der Steuer, damit alles im Verhältnis bleibt – um am Ende des Tages beides gewinnen zu können: auf der einen Seite die organisierte Kriminalität einzudämmen und auf der anderen Seite den wirtschaftlichen Schaden so gering wie möglich zu halten.
Schöne: Jovanovic, ganz herzlichen Dank für das spannende Gespräch.
Jovanovic: Dankeschön.
Die Wiedergabe des Interviews als Text wurde im Sinne von mehr Klarheit und besserer Verständlichkeit in Absprache mit dem Interviewpartner an wenigen Stellen behutsam sprachlich geglättet und angepasst.
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