Einfach mal Urlaub machen wurde im Katastrophensommer 2026 für Reisende zur Herausforderung und für die Tourismusbranche zu einer Belastungsprobe: Ein Krieg am Golf, explodierende Kerosinkosten, ein verknapptes Flugangebot und immer höhere Ticketpreise. Dubai und Co. sind vorübergehend von der touristischen Landkarte verschwunden, während die Anziehungspunkte in Europa sich vor Erholungssuchenden kaum retten können – oder vor Waldbränden. Albin Loidl, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), zieht die Bilanz eines Sommers, den seine Branche so schnell nicht vergessen wird.

WELT AM SONNTAG: Herr Loidl, der Tui-Konzern hat gerade einen Gewinneinbruch um 27 Prozent gemeldet. Wie katastrophal war der Sommer 2026 für die Reisebranche?

Albin Loidl: Unterm Strich weniger schlimm als zwischenzeitlich befürchtet. Reisebüros und Reiseveranstalter hatten nach einem sehr starken Frühbuchergeschäft infolge des Krieges eine spürbare Nachfragedelle verzeichnet. Doch zuletzt gab es einen kräftigen Last-Minute-Schub, sodass der Umsatz mit Pauschalreisen bis Ende Juli um vier Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen ist. Der Gesamtmarkt inklusive Individualbuchungen wird auf Basis der Buchungseingänge in dieser Sommersaison um ein Prozent auf fast 57 Milliarden Euro wachsen. In finanzieller Hinsicht war es für viele Unternehmen dennoch ein schwieriges Jahr, weil gestiegene Kosten nicht immer an Kunden weitergegeben werden konnten. Zudem kommen Kosten für umfangreiche Rückholaktionen aufgrund des Iran-Kriegs hinzu.

WAMS: Am Golf liegt eine Urlaubsregion am Boden. Das muss sich auswirken.

Loidl: In den Arabischen Emiraten kann man zu Preisen, die noch vor ein, zwei Jahren praktisch undenkbar waren, in luxuriösen Fünf-Sterne-Anlagen Urlaub machen. Wir beobachten, dass wieder mehr Menschen dorthinreisen. Das Mittelmeer steht in diesem Sommer besonders hoch im Kurs. Für Ägypten, Zypern und die Türkei gab es Preissenkungen. Hotels und Veranstalter haben hier sehr schnell reagiert, und wir sehen, dass sich das auch in steigender Nachfrage niederschlägt. Was wir hingegen ziemlich sicher sagen können, ist, dass in diesem Jahr weniger Menschen eine Fernreise gebucht haben. Die Umsätze sind um 14 Prozent zurückgegangen.

WAMS: Ein Grund dürften die Ticketpreise sein, die sich viele nicht mehr leisten können oder wollen.

Loidl: Man muss da unterscheiden: Kreuzfahrten boomen und sind mit einer vierköpfigen Familie in einer Kabine auch eine vergleichsweise preisattraktive Urlaubsform. Hier gehen wir von weiterem Wachstum aus, weil auch weitere Schiffe in den Markt kommen. Bei der Flugpauschalreise war hingegen die Preisentwicklung zuletzt sehr dynamisch, was zu hohen Umsätzen führt, aber auch zu stagnierenden Gästezahlen. Die Preise für Flugreisen haben sich durch Inflation und zuletzt gestiegene Kerosinpreise tatsächlich erhöht.

WAMS: In welchem Maße?

Loidl: Urlauber geben heute für klassische Flugpauschalreisen in der Hochsaison bis zu 30 Prozent mehr aus als noch vor fünf Jahren. Die Inflation spiegelt sich eben auch bei den Reisepreisen wider. Die Haushaltseinkommen sind nicht im selben Maße gestiegen. Es sind heute weniger Pauschalurlauber unterwegs als im Jahr 2019 – der Anteil steigt aber erfreulicherweise seit zwei Jahren wieder an und inzwischen sind es rund die Hälfte aller Reisen. Es ist uns ein Anliegen, dass Reisen für alle Bevölkerungsgruppen erschwinglich ist. Das ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Teilhabe.

WAMS: Wenn weniger Menschen reisen, aber dafür mehr zahlen, könnte es für Sie doch aufs Gleiche hinauslaufen.

Loidl: In den vergangenen Jahren wurde der Gästerückgang überkompensiert durch höhere Umsätze pro Gast. Dieser Trend wird sich in diesem Jahr wahrscheinlich fortsetzen. Das hat auch mit der Angebotsstrategie in den Zielländern zu tun. Wenn dort in Hotelprojekte investiert wird, dann sind es schon seit einigen Jahren in der Regel Vier- und Fünf-Sterne-Häuser. Auch Hotelbetreiber sehen, dass das Geschäft heute eher im oberen Segment prosperiert. Es ist aber auch wichtig, dass auch in günstigere Hotels investiert wird.

WAMS: Die Demokratisierung des Reisens wurde getrieben von Billigflügen für 29 Euro. Ist diese Ära vorbei?

Loidl: Ich sehe nicht, dass es solche Preise noch einmal geben wird. Die Kostenstruktur ist auch für Billigairlines so stark angestiegen, dass das nicht mehr abbildbar ist. Viele Zielgebiete positionieren sich heute klar in Richtung Qualität – auch Mallorca beispielsweise. Sie wollen lieber weniger Gäste haben und dafür hochwertigeren Tourismus.

WAMS: Venedig verlangt Eintritt von Tagesgästen, das Selfie am Trevi-Brunnen kostet ebenfalls eine Gebühr. Es wirkt fast so, als würden die großen Tourismusziele Urlauber inzwischen eher bekämpfen.

Loidl: Die Eintrittspreise für Hauptsehenswürdigkeiten in Europa sind über die letzten Jahre stark gestiegen. Doch für Urlauber etwa aus den USA sind die europäischen Preise, auch was zum Beispiel Restaurantbesuche betrifft, noch immer sehr günstig. Ich war im Mai im Grindelwald, inklusive Fahrt mit der Jungfraubahn. Da waren mehr asiatische Gäste an Bord als Europäer. Es gibt dort mittlerweile sogar ein Restaurant „Bollywood“ speziell für Touristen aus Indien. Dort gibt es eine sehr betuchte Mittelschicht, die mehr Geld ausgibt als typische deutsche Urlauber. Auch das hebt das Preisniveau.

Albin Loidl, Präsident des Deutschen Reiseverbands

WAMS: Derweil kann sich in Deutschland jede fünfte Familie gar keinen Urlaub mehr leisten.

Loidl: Fakt ist, dass seit Jahren rund 20 Prozent der deutschen Bevölkerung gar nicht verreisen. Sie konnten sich eine klassische Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer nicht leisten respektive konnten oder wollten aus anderen Gründen nicht in den Urlaub fahren. Die Gründe sind vielfältig. Ob es aufgrund der gestiegenen Preise in diesem Jahr mehr sein werden, wissen wir noch nicht. Auch wenn der Sommer noch nicht vorbei ist, gehen wir aktuell von einer insgesamt stabilen Anzahl an Reisenden für den Gesamtmarkt aus.

WAMS: Die trotz hoher Preise relativ hohen Buchungszahlen zeigen, wie wichtig den Deutschen ihr Urlaub ist. Stößt das irgendwann an Grenzen?

Loidl: Bei den Konsum-Prioritäten liegen Reisen auf demselben Niveau wie beispielsweise Gesundheitsausgaben. Urlaub gehört für die meisten Menschen damit zu den Top-drei-Konsumprioritäten. Private Haushalte gaben im vergangenen Jahr 7,1 Prozent ihres Nettoeinkommens für Urlaubsreisen aus. Für Menschen mit niedrigeren Einkommen liegen die Reiseausgaben auch aufgrund gestiegener Reisepreise prozentual höher, nämlich bei 8,2 Prozent, während von höheren Einkommen lediglich 6,2 Prozent in den Urlaub flossen. Absolut gesehen geben Menschen mit höherem Einkommen aktuell mehr Geld fürs Reisen aus.

WAMS: Und die Kleinverdiener müssen zu Hause bleiben.

Loidl: Nicht unbedingt. Viele suchen sich stattdessen kostengünstigere Urlaubsformen, nutzen Frühbuchervorteile mit Preisabschlägen oder setzen auf All-Inklusive-Angebote. Oder sie verkürzen die Reisedauer oder suchen sich Reiseziele, die preisgünstiger sind, oder machen auch mal Campingurlaub. Auch verzichten einige auf den Zweiturlaub im Herbst oder Frühjahr. Aus den Zielgebieten hören wir zudem, dass die Ausgaben vor Ort zurückgehen. Die Reisenden überlegen sich, ob es wirklich ein zweites Glas Wein sein muss, oder buchen weniger Aktivitäten. Die Menschen sparen demnach weniger am Urlaub, als im Urlaub.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT-Gruppe und berichtet über Luftfahrt, Schifffahrt und Tourismus sowie die Sportindustrie.

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