In der Nacht zum Mittwoch wurde eine Drohne mit Sprengladung am Flughafen Leipzig/Halle von einem Flughafenmitarbeiter im Sicherheitsbereich des Frachtbetriebs entdeckt. Matthias Lehna ist Geschäftsführer von Quantum Frontline Industries, einem Tochterunternehmen des deutschen Quantum Systems und einem Joint Venture mit dem ukrainischen Unternehmen Frontline Robotics. Im Gespräch mit dem Fernsehsender WELT warnt er davor, dass die Gefahr von Kleinstdrohnen noch nicht „vollständig beherrschbar“ sei.
WELT: Herr Lehna, was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Vorfall gehört haben? Dachten Sie: Hätten die Verantwortlichen dieses oder jenes Abwehrsystem gehabt, wäre es nicht passiert?
Matthias Lehna: Das wäre eine naheliegende Antwort aus Sicht der Industrie. Die Realität ist aber, dass diese Bedrohung auch bei uns immer mehr zur Realität wird. In der Ukraine beobachten wir diese Entwicklung schon seit längerer Zeit. Eine einfache Antwort oder Lösung gibt es nicht.
Nach dem Fund einer Sprengstoff-Drohne am Leipziger Flughafen erklärt Matthias Lehna, Vice President von Quantum Systems, warum es für die Abwehr keine einfache Lösung gebe: „Gefahr von Kleinstdrohnen ist immer noch eine, die man nicht vollends im Griff hat.“WELT: Welche Lösung ließe sich zumindest schnell umsetzen und handhaben, ohne dass dafür das Einverständnis von 30 verschiedenen Bundesbehörden erforderlich wäre?
Lehna: Zum einen stellt sich die Frage nach den Kompetenzen: Wer ist zuständig? Zum anderen geht es darum, was technisch überhaupt umsetzbar ist. Quantum Systems entwickelt eigene Lösungen, um solchen Bedrohungen entgegenzuwirken. Grundsätzlich ist die Gefahr durch Kleinstdrohnen aber noch immer nicht vollständig beherrschbar.
WELT: Die Drohne wurde gefunden und buchstäblich per Hand von einem Busfahrer abgefangen. Er dürfte einen gehörigen Schrecken bekommen haben, als er erfuhr, dass daran Semtex befestigt war. Was lässt sich aus einer solchen Drohne herauslesen, um möglicherweise festzustellen, wer sie geschickt hat?
Lehna: Zunächst muss man festhalten, dass solche Drohnen relativ einfach selbst gebaut werden können. Es gibt keine einfache Möglichkeit, ihren Bau zu verhindern. Die nötigen Komponenten lassen sich online bestellen. Wer über die entsprechenden Kenntnisse verfügt, kann sie so modifizieren, dass sie gefährlich werden – wie wir es in diesem Fall gesehen haben.
Deshalb lassen sich daraus nicht ohne Weiteres eindeutige Erkenntnisse über den Urheber gewinnen. Wir müssen uns bewusst machen, dass diese Gefahr auch in Deutschland immer realer wird. In der Ukraine ist sie bereits seit Jahren Realität.
WELT: Deutschland hinkt bei der Frage hinterher, wie wir uns gegen solche Drohnen verteidigen können. Eine Drohne zu erkennen, ist das eine. Sie abzufangen, ist das andere. Wäre es mit den derzeit verfügbaren Systemen möglich gewesen, diese Drohne auf einem Flughafengelände wie in Leipzig/Halle abzufangen?
Lehna: Es gibt bereits erste technische Lösungen, die man einsetzen kann. Die entscheidende Frage ist aber, ob sie sich auch in einem zivilen Umfeld und nicht nur auf einem Gefechtsfeld anwenden lassen. Dabei bestehen noch erhebliche Herausforderungen. Auch wir arbeiten als Unternehmen daran, entsprechende Lösungen anzubieten. Die Entwicklung ist jedoch noch nicht abgeschlossen.
WELT: Ganz konkret: Eine einsatzfähige Lösung gibt es derzeit noch nicht?
Lehna: Es gibt erste Lösungen, die auch getestet werden. Vor allem in der Ukraine sehe ich viele vielversprechende Ansätze. Die Frage ist aber, ob man solche Systeme auch in einem zivilen Kontext einsetzen will, etwa zum Schutz eines Flughafens. Dabei müssen Kosten und Nutzen genau abgewogen werden. Diese Entwicklung läuft derzeit noch.
Am Flughafen wurde eine Drohne mit Sprengstoff nahe einer ukrainischen Antonov-124 entdeckt. Die Drohne war professionell gebaut. Hinweise auf einen russischen Auftrag gibt es bislang nicht. „Es ist sehr gut zusammengebaut gewesen“, sagt WELT-Investigativreporter Sergen Kaya.WELT: Können Sie in zwei oder drei Sätzen skizzieren, wie eine solche Lösung aussehen könnte?
Lehna: Gemeinsam mit unserem Partner Frontline Robotics, mit dem wir auch in Deutschland Drohnen bauen, haben wir entsprechende Entwicklungen beobachtet und vorangetrieben. Dabei geht es beispielsweise um Vorrichtungen, die eine Drohne automatisiert und mithilfe künstlicher Intelligenz verfolgen und sie anschließend mit unterschiedlichen Effektoren vom Himmel holen. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Will man in einem zivilen Umfeld mit einem Gewehr oder einem anderen Wirkmittel auf eine solche Drohne zielen? Für einen Einsatz außerhalb eines Gefechtsfeldes müssen solche Systeme entsprechend angepasst sein.
WELT: Es gibt noch einen weiteren Aspekt der hybriden Kriegsführung. Russische Agenten sollen den Chef des deutschen Drohnenherstellers Donaustahl monatelang ausspioniert haben. Nach Recherchen der „Zeit“ war Stefan Thumann Ziel eines mutmaßlichen Anschlagsplans eines russischen Geheimdienstes. Agenten sollen den Rüstungsmanager über Monate beobachtet und Informationen über ihn und sein Unternehmen gesammelt haben. Zwei Verdächtige wurden inzwischen festgenommen. Wie groß ist die Gefahr für Sie und Ihre Mitarbeiter? Welche Vorsichtsmaßnahmen treffen Sie?
Lehna: Wir sind uns dieser Gefahr bewusst. Ebenso wissen wir, dass wir sehr exponiert sind. Deshalb ergreifen wir umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen. Das beginnt bereits bei Mitarbeitern, die sich bei uns bewerben. Ich kann Ihnen versichern, dass alle Mitarbeiter, die beispielsweise in unserem Werk ukrainische Drohnen produzieren, überprüft worden sind. Wir treffen außerdem Maßnahmen, um unsere Mitarbeiter zu schützen. Einen hundertprozentigen Schutz können wir jedoch nicht garantieren. Dafür sind wir zu exponiert.
Hinweis: Aus Gründen der Lesbarkeit haben wir das Gespräch an einigen Stellen geglättet.
Tatjana Ohm ist Chefmoderatorin und Mitglied der Chefredaktion des Nachrichtensenders WELT.
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