Im Markt der Gimbal-Kameras – handliche Videokameras auf einem motorisierten Schwenkarm, der jede Erschütterung ausgleicht – tobt ein Zweikampf, wie ihn die Branche lange nicht gesehen hat. Auf der einen Seite: DJI, der chinesische Drohnenriese, der die Kategorie 2018 mit der ersten Osmo Pocket praktisch erfunden hat und nun mit der Osmo Pocket 4P nachlegt. Auf der anderen Seite: Insta360, bislang vor allem für 360-Grad-Kameras bekannt, das mit der Luna Ultra erstmals in DJIs Revier wildert – und sich dafür ausgerechnet Leica als Partner geholt hat. Wie ernst es beiden ist, zeigt ein Patentstreit, den sie parallel in den USA austragen.

Wir haben beide Kameras ausgiebig getestet. Das Ergebnis vorweg: Beide sind hervorragend, keine gewinnt in allen Disziplinen. Am Ende entscheidet, wofür man die Kamera braucht.

Zwei Kameras statt einer

Beide Hersteller setzen erstmals auf ein Doppelkamera-System, wie man es von Smartphones kennt – der größte Fortschritt dieser Gerätegeneration. Denn endlich lässt sich zoomen, ohne dass das Bild zu Pixelbrei wird. Die Luna Ultra kombiniert eine Weitwinkelkamera mit 1-Zoll-Sensor (20 Millimeter Brennweite, Blende f/1.8) mit einem Teleobjektiv (60 Millimeter, f/2.0) auf einem 1/1,3-Zoll-Sensor. Beide Optiken tragen den Namenszug Leica Summicron. Die Osmo Pocket 4P ist fast spiegelbildlich aufgebaut: ein 1-Zoll-Weitwinkel mit 20 Millimetern und f/2.0 plus ein 60-Millimeter-Tele mit f/1.8.

Das Display und Bedienfeld der Insta360 Luna Ultra lässt sich abnehmen und als Fernbedienung nutzen

In der Praxis macht das Tele einen riesigen Unterschied. Bis zum sechsfachen Zoom ist keine Qualitätsminderung zu sehen, maximal ist bei beiden zwölffache Vergrößerung möglich. Nur eines sollte man bei der Insta360 lassen: während der Aufnahme zoomen. Dann ruckelt das Bild, und irgendwann springt die Kamera sichtbar von einem Objektiv auf das andere.

8K gegen 17 Blendenstufen

Bei der Auflösung liegt Insta360 vorn: Die Luna Ultra filmt in 8K mit 30 Bildern pro Sekunde, DJI begnügt sich mit 4K. Wer keinen 8K-Fernseher besitzt, profitiert trotzdem: In der Nachbearbeitung lässt sich ins Bild hineinzoomen, ohne dass Details verloren gehen. Dazu beherrscht die Luna Ultra Dolby Vision und fängt extrem lebendige Farben und Details in sehr hellen wie dunklen Bildbereichen gleichzeitig ein.

DJI hält mit einem anderen Superlativ dagegen: Der neue 1-Zoll-Sensor schafft im Farbprofil D-Log 2 einen Dynamikumfang von 17 Blendenstufen. Die Luna Ultra kommt auf 14. In der Praxis ist der Unterschied allerdings kaum zu erkennen. Zudem gilt die DJI-Bestmarke nur mit Einschränkungen: Bei Teleaufnahmen steht D-Log 2 nicht zur Verfügung, bei 4K-Zeitlupen mit 120 Bildern fehlt der Log-Modus ganz. Wer viel nachbearbeitet, jongliert bei DJI also je nach Brennweite mit unterschiedlichen Farbprofilen.

Bei der DJI Osmo Pocket 4P sind die beiden Kameras vertikal angebracht

Die Luna Ultra zeichnet 4K mit 120 Bildern pro Sekunde inklusive Ton und Log-Unterstützung auf und bietet sogar Funktionen für professionelle Schnitt-Workflows: einen Timecode zum Synchronisieren mehrerer Kameras und Kompatibilität mit ACES – einem von der Oscar-Academy entwickelten Farbstandard, der in der Filmbranche dafür sorgt, dass Aufnahmen verschiedener Kameras in der Nachbearbeitung einheitliche Farben liefern.

Bei wenig Licht überzeugen beide. Die Luna Ultra setzt auf einen Dreifach-KI-Chip und den PureVideo-Modus: Videos in dunkler Umgebung sind tatsächlich brauchbar, anders als bei Smartphones, wo sie stark rauschen. Bei der Zeitlupe hat DJI die Nase vorn: 4K mit 240 Bildern pro Sekunde schafft die Pocket 4P, die Luna Ultra nur 120. Für die meisten Nutzer dürfte das reichen.

Fotografieren mit der Videokamera

Eine Überraschung im Test: Die Luna Ultra ist auch ein toller Fotoapparat. Das Bokeh, also die Hintergrundunschärfe bei Porträts, wirkt wie bei einer großen Kamera, weil es tatsächlich aus der Optik kommt und nicht wie beim Smartphone errechnet wird. Nur die Physik lässt sich nicht austricksen: So scharf wie eine Spiegelreflexkamera werden die Bilder nicht, dafür ist die Optik schlicht zu klein. Das 180-Grad-Panorama mit 200 Megapixeln ist ultra-detailreich – Panorama kann Insta360 eben. Auch für Makro- und Nahaufnahmen ist die Luna Ultra die bessere Wahl. DJI kontert mit 37-Megapixel-Fotos, reicht an die Panorama-Klasse der Luna aber nicht heran.

Abnehmbare Displays gegen die solide Bedienung

Der spektakulärste Trick der Luna Ultra: Ihr Zwei-Zoll-OLED-Touchscreen lässt sich abnehmen und wird zu Sucher und Fernbedienung mit bis zu 20 Metern Reichweite. Zugleich ist die Fernbedienung dann ein externes Mikrofon. Das ermöglicht ungewöhnliche Perspektiven, für die man sich bisher verrenken oder in den Schmutz werfen musste.

DJI legt seinen teureren Sets mit dem Osmo FrameTap ebenfalls eine Fernbedienung mit Touchscreen bei. Deren Bildübertragung läuft deutlich stabiler und flüssiger als bei Insta360, wo es selbst auf kurze Distanz zu Rucklern und Pixelfehlern kommt. Dafür ist DJIs Zusatzdisplay kleiner, dunkler, erlaubt weniger Einstellungen und lässt sich nicht an der Kamera befestigen. Das hat Insta360 eleganter gelöst.

Bei der Bedienung punktet die Luna Ultra mit einem echten Zoom-Schieberegler und zwei frei belegbaren Tasten unter dem Display, was wirklich sehr praktisch ist. DJI hat dafür das Menü besser im Griff: Einstellungen lassen sich sogar während der laufenden Aufnahme ändern, bei der Luna Ultra ist das Menü dann gesperrt. Ein Ärgernis bei DJI ist der Kabelsalat: Kamera, Zusatzdisplay und Mikrofon kommen mit drei unterschiedlichen Ladekabeln. Und bei 4K-Aufnahmen mit 60 Bildern pro Sekunde kann sich der Griff der Pocket 4P spürbar erhitzen.

DJI beim Tracking vorn

Beide Kameras verfolgen Personen automatisch und halten sie im Bild. Das Tracking der Luna Ultra funktioniert hervorragend. Aus neun Bildzonen lässt sich wählen, wo die verfolgte Person platziert sein soll. Eine Schwäche gibt es: Sobald ein Gesicht im Sucher ist, lässt sich das Tracking nicht per Fingertipp auf ein Objekt legen – die Kamera priorisiert stur den Menschen.

DJI ist hier einen Schritt weiter. ActiveTrack funktioniert bis zum zwölffachen Zoom, bis zu drei Personen lassen sich als „Hauptdarsteller“ registrieren, die die Kamera bevorzugt scharfstellt und verfolgt – selbst am Bildrand. Wählt man manuell ein Objekt aus, ignoriert die Pocket 4P Gesichter konsequent. Wer viel mit automatischer Verfolgung arbeitet, ist bei DJI besser aufgehoben.

Keine der Kameras ist wasserdicht

Bei der Ausdauer liegt Insta360 vorn: bis zu 240 Minuten Videoaufnahme, DJI schafft 210. Dafür lädt die Pocket 4P schneller, in 18 Minuten auf 80 Prozent, die Luna Ultra braucht dafür 23 Minuten. Beim internen Speicher dreht DJI den Spieß um: 103 Gigabyte gegen 47, beide per microSD-Karte auf bis zu ein Terabyte erweiterbar. Dank USB 3.1 exportiert DJI Daten mit bis zu 800 Megabyte pro Sekunde.

Beim Gewicht herrscht Gleichstand auf hohem Niveau: 233 Gramm wiegt die Luna Ultra, 230 die Pocket 4P. Die Luna Ultra hat einen cleveren Kniff: Beim Ausschalten klappen die Linsen nach innen und sind so geschützt. Durch die gerade Bauform passt sie besser in die Hosentasche als das hammerförmige DJI-Design. Wasserdicht ist keine der beiden. Wer vertikal für Instagram oder TikTok filmt, sollte wissen: Bei der Luna Ultra wird das Hochformat aus dem Querformat gecroppt. DJI bietet native Hochformat-Modi in 3K.

Fazit: Insta360 und DJI liefern sich ein Duell auf Augenhöhe. Die DJI Osmo Pocket 4P ist die Kamera für alle, die es technisch nüchtern mögen: besseres Tracking, cleverer Autofokus, mehr Dynamikumfang, extremere Zeitlupe, mehr Speicher. Die Insta360 Luna Ultra ist die kreativere der beiden: 8K, Dolby Vision, das geniale abnehmbare Display, starke Fotos mit echtem Bokeh und die längere Akkulaufzeit. Wer vor allem sich selbst filmt und automatische Verfolgung braucht, greift zur DJI. Wer eine Kamera fürs Reisen, Fotografieren und Experimentieren sucht, zur Insta360. Falsch macht man mit keiner der beiden etwas. Schlechte Zeiten sind das nur für die Smartphone-Kamera.

Die Insta360 Luna Ultra kostet im Standard-Bundle 729 Euro, das Creator-Bundle mit Funkmikrofon 929 Euro. Die DJI Osmo Pocket 4P ist günstiger und kostet 599 Euro. Das DJI-Set mit Fernbedienung und Funkmikrofon gibt es für 689 Euro.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

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