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Der Siegeszug der KI bringt immer mehr Amerikaner auf die Barrikaden. Dieser Widerstand hat nun auch Auswirkungen auf den Wahlkampf vor den Midterm-Wahlen.

Es ist ein böser Moment für Eric Schmidt. Als der ehemalige Google-Chef Mitte Mai an der Universität von Arizona vor den Studenten zur Jahrgangs-Abschlussrede antritt, erwartet ihn eine feindselige Atmosphäre. Immer wieder wird gebuht und gepfiffen. Schmidt muss abbrechen, darum bitten, dass er weiterreden kann. Es gibt Phasen, in denen der einstige Tech-Guru einfach nur dasteht und verlegen lächelt. Im schwarz-gelben Talar mit der bei solchen Veranstaltungen in den USA üblichen Kopfbedeckung.

Vor allem ein Thema heizt bei den Zuhörern den Ärger an: Wann immer Schmidt den Begriff „Künstliche Intelligenz“ (KI) in den Mund nimmt, regt sich Unmut. Da hilft es auch nicht, dass der einstige Google-CEO deren Siegeszug als unausweichlich darstellt. „Die Frage ist, ob Ihr die künstliche Intelligenz mitgestalten werdet“, sagt Schmidt zu den Studenten, ein Satz, der in lauten Buhrufen untergeht. Auch die Aufforderung, man müsse einen Weg finden, „Ja“ zu der Technologie zu sagen, stößt auf massiven Protest.

Furcht vor Entlassungen

Die Reaktion auf Schmidts Auftritt an diesem Tag ist Teil einer Wutwelle, die seit Monaten die USA durchzieht. Nur wenige Tage vor Schmidt wurde auch die Immobilienentwicklerin Gloria Caulfield bei einer Rede an der University of Central Florida ausgebuht, als sie den Fortschritt bei KI als Kern der „nächsten industriellen Revolution“ pries.

Entlassungswellen bei Tech-Unternehmen, Furcht vor einer unkontrollierbaren Technik und Proteste gegen die an vielen Orten aus dem Boden sprießenden Rechenzentren vergiften die Stimmung. Der demokratische Senator Bernie Sanders brachte im März einen Gesetzentwurf ein, in dem ein landesweiter Baustopp für neue KI-Rechenzentren gefordert wird. Im April warf ein junger Texaner – so der Vorwurf der Behörden – einen Molotow-Cocktail auf das Wohnhaus von Sam Altman, Chef des ChatGPT-Entwicklers OpenAI. 

Protest auch bei Republikanern

Der Widerstand geht dabei weit über das linksliberale Milieu hinaus – zumal die Furcht vor der neuen Technologie auch eher konservative Wählergruppen wie Lkw-Fahrer und Industriearbeiter umtreibt. Ron de Santis, der republikanische Gouverneur von Florida, hat eine Art Grundgesetz für KI vorgelegt, das Lokalpolitikern das Recht geben soll, gegen Rechenzentren vorzugehen.

Steve Bannon, einstiger Chefideologe der Bewegung von US-Präsident Donald Trump, fordert gemeinsam mit mehreren Dutzend Gesinnungsgenossen, jede neue Version eines KI-Sprachmodells müsse von den Behörden genehmigt werden. Das aber steht im direkten Widerspruch zur Politik der Trump-Regierung – die bisher auf möglichst wenig KI-Regulierung setzt. Hinter Bannons Initiative steht eine konservative Gruppierung namens „Humans First“.

Ruf nach Regulierung

Das Unbehagen gegenüber der rasch voranschreitenden Technik spiegelt sich auch in den Meinungsumfragen: In einer Umfrage des Pew-Instituts gaben 50 Prozent der befragten US-Amerikaner an, bei ihnen überwiege die Sorge vor KI, deutlich mehr als noch vier Jahre zuvor. Die Furcht beschränkt sich nicht auf materielle Fragen. Mehr als die Hälfte geht davon aus, dass KI die Fähigkeit einschränkt „kreativ zu denken“ und „sinnvolle Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen“. In einer Erhebung der Quinnipac University sagten 74 Prozent der Befragten, die Regierung müsse KI stärker regulieren.

Der Streit gerät damit mitten in die Kampagnen vor den Zwischenwahlen zum Senat und zum Repräsentantenhaus im November. Da die republikanischen Anhänger in der Frage gespalten sind, eignet sich das Thema gut für die Wahlkämpfe der Demokraten, die vor Ort Ängste vor sozialem Umbruch und Ablehnung von Techkonzernen aus dem Silicon Valley auffangen können.

48 Bauprojekte gestoppt

Vor allem aber wirkt sich der wachsende Widerstand schon sehr konkret auf den Bau von Rechenzentren aus – in denen die großen Datenmengen für die Sprachmodelle verarbeitet werden. In vielen Gemeinden etablieren sich Bürgerinitiativen gegen die Zentren, aus Furcht vor steigenden Stromkosten und dem Wasserbedarf der Anlagen. Nach Berechnungen der Nichtregierungsorganisation Data Center Watch wurden im Jahr 2025 48 Bauprojekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 156 Milliarden Dollar gestoppt. Dieser Trend setzt sich aktuell fort. „Der Widerstand gegen Datenzentren hat sich zu einer landesweiten politischen Kraft formiert“, heißt es bei der Organisation.

Ex-Google-Chef Schmidt wurde zum prominenten Leidtragenden dieser Stimmung. Sein Versuch, den Ängsten der Gegner etwas entgegenzusetzen, scheiterte auf fast schon spektakuläre Weise. Am Ende seiner Rede vor den Studenten in Arizona sagte Schmidt: „Wenn dir jemand einen Platz in einer Rakete anbietet, fragst du nicht, welcher Platz das ist. Du steigst einfach ein.“ Die meisten seiner Zuhörer allerdings haben ganz offensichtlich nur wenig Lust, in diese Rakete einzusteigen.

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