Die Stimmung im Vorfeld der Weltmeisterschaft ist extrem aufgeheizt. Statt des Sportlichen bestimmt seit Wochen das Thema Preis-Wahnsinn das Turnier. Für kaum ein Spiel gibt es Karten für unter 5.000 Dollar, die Preise gehen hoch bis über 100.000 Dollar für die Finalspiele. Der Grund: Die Fifa hat das „Dynamic Pricing“-Modell eingeführt: Der Großteil der Karten wird auf dem Zweitmarkt verkauft – ohne Obergrenze.
Schlagzeilen machten auch Wuchertickets für Züge zu den Spielen, beispielsweise in New Jersey, wo statt wie sonst 13 Dollar 150 Dollar für eine viertelstündige Zufahrt zum Stadion fällig werden sollten. Dazu kommen die abermals verschärften Einreiseregeln der Trump-Regierung. Wer in die USA möchte, muss seine E-Mail-Adressen der letzten Jahre offenlegen, auch die Social-Media-Aktivitäten werden überprüft.
Immerhin: In New Jersey hat man auf die Empörung über die Preispolitik reagiert. Die Fahrt soll nun „nur“ noch 98 Dollar kosten. Und auch auf die zunächst geplante „Kaution“ in Höhe von 15.000 Dollar für Fans, die aus afrikanischen Staaten anreisen, verzichten die Amerikaner nun.
Dennoch: Ob Fassungslosigkeit über die Ticketpreise oder neu eingeführte „Trinkpausen“ während der Spiele, wohl um Werbung einzublenden: Die Fifa steht in keinem guten Licht da, knapp drei Wochen vor Turnierbeginn. Und die Wut vieler Fußballfans konzentriert sich auf eine Person: Giovanni Infantino. Auftritte, die sein Image aufpolieren, kann der Fifa-Chef jetzt also gut gebrauchen.
Bei den Vereinten Nationen in New York am Dienstag soll ihm genau das gelingen. Bevor Infantino auf das berühmte Marmor-Podium vor der goldenen Wand im Großen Saal tritt, eröffnet Annalena Baerbock die Veranstaltung im Rahmen des Weltfußballtags. „Willkommen, junge Diplomaten“, ruft die Präsidentin der Generalversammlung den rund 100 Kindern zu, die aus den Organisationsländern Tadschikistan und Libyen angereist sind und bei dem stargespickten Event dabei sein dürfen. Unter anderem sind die Ex-Nationalspieler Benedikt Höwedes, Gerald Asaomah und Steffi Jones in New York vor Ort.
Dann folgt eine Baerbock-typische Rede. Die Ex-Außenministerin sagt etwas pathetisch klingende Sätze wie: „Die Kraft des Fußballs kann Berge bewegen.“ Oder: „Ohne Spielregeln gäbe es keinen Fußball. Dasselbe gilt auch für die UN und die internationale Ordnung.“ Sogar ein Lob für Giovanni Infantino hat sie parat: „Die Taliban in Afghanistan haben Frauen die Möglichkeit genommen, Fußball zu spielen – ja überhaupt Sport zu treiben.“
Man müsse der Fifa nun hoch anrechnen, dass sie den afghanischen Verband kürzlich offiziell anerkannt habe. Infantino, der ihr nur gegenübersitzt, nickt daraufhin gönnerhaft. Tatsächlich kann das afghanische Frauen-Nationalteam fortan im Exil als offizielle Nationalmannschaft antreten und an internationalen Turnieren teilnehmen, selbst wenn der heimische Verband dies unter der Herrschaft der Taliban ablehnt.
Kurz darauf betritt der Fifa-Chef selbst die Bühne. „Kinder!“, ruft er. „Es ist eine Ehre, hier vor euch zu stehen, in diesem unbeschreiblichen Raum.“ Er habe sich von der lockeren Atmosphäre vor Ort anstecken lassen – und deshalb sein Jackett gegen ein Trikot ausgetauscht, sagt Infantino. Seine Rede ist inhaltlich kaum von Belang, ja trieft gar vor Pathos. „Wir wollen die Nationen vereinen durch Fußball. Wir wollen Freude in die Welt bringen und die Menschen glücklich machen“, sagt er beispielsweise.
Was Infantino dann macht, ist ein gut überlegter PR-Coup: Er greift sich einen Fußball, wirft ihn vom Podium aus Annalena Baerbock zu und ruft: „Los, pass weiter!“ Baerbock tut, wie ihr geheißen, wirft den Ball in Richtung der Kinder – und plötzlich herrscht Gejohle, Gelächter und Gerenne im sonst so biederen Saal der UN, als der Ball über die Ränge fliegt und die Kinderschar sich danach reckt.
„Schaut her“, ruft Infantino mit rudernden Armen ins Mikrofon. „Fußball macht alle glücklich.“ Sein Plan geht auf. Im Saal gibt es tosenden Applaus, später werden viele der Gäste Schlange stehen, um mit dem Verbandschef ein Selfie zu schießen, wozu dieser nur allzu gerne bereitsteht.
Es ist ein Auftritt ganz nach Infantinos Geschmack. Keine Fragen von kritischen Reportern, Diplomaten aus aller Herren Länder – auch der deutsche Botschafter Ricklef Beuthin steht auf der Bühne – die die Kraft des Fußballs betonen und vor den Kameras erzählen, wie sehr sie sich auf die bevorstehende Weltmeisterschaft freuen.
Nur an einem Punkt wird es unangenehm für Infantino. Der Botschafter Libyens bei den Vereinten Nationen, Taher M. T. El-Sonni, macht vor dem Plenum einen Witz in Richtung Infantino, wo denn nun die versprochenen günstigen Tickets bleiben – und erntet dafür Applaus im Saal. Infantino aber lacht die Pointe weg. Aber dem Preis-Thema, das wird trotz des Wohlfühl-Termins klar, kann der Fifa-Chef nicht mehr aus dem Weg gehen. Es wird die Weltmeisterschaft auch weiterhin überschatten.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
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