Baustellen durchziehen Hamburg und nerven die Menschen im Alltag. Sie prägen Parlamentsdebatten und füllen Senatsvorlagen, beschäftigen Kammern, Verbände und Unternehmen. Deutschlands zweitgrößte Stadt wirkt auf viele ihrer Bewohnerinnen und Bewohner wie eine riesige Dauerbaustelle: mit dem Wohnungsbau und der Verlegung von Glasfaserkabeln, dem Bau neuer U- und S-Bahn-Strecken und des Bahrenfelder Autobahndeckels, der Sanierung von Elbbrücken und der Ausbesserung maroder Straßen. Obendrein muss die Köhlbrandbrücke ersetzt und der Hauptbahnhof generalüberholt werden.

Vor diesem Hintergrund soll sich Hamburg um die Austragung Olympischer und Paralympischer Sommerspiele für die Jahre 2036, 2040 oder 2044 bewerben. Das ist das Ziel der politischen Mehrheit in der Bürgerschaft, des rot-grünen Senats, der in Verbänden und Kammern organisierten Wirtschaft und weiter Teile der Zivilgesellschaft.

Würde Hamburg den Zuschlag für die Austragung der Spiele tatsächlich bekommen, stünden der Stadt eine Vielzahl weiterer Großbaustellen bevor, speziell die Errichtung olympiatauglicher Sport- und Wohnstätten – und das unter hohem Zeitdruck. 

Michael Seitz, Vorsitzender und Sprecher des Verbandes Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft

Eine Frage allerdings wird in diesem Zusammenhang eher selten gestellt: Kann die Bauwirtschaft ein solches Mammutprogramm in der Stadt überhaupt bewältigen? „Natürlich haben wir als Baubranche die nötigen Kapazitäten. Wenn Hamburg den Zuschlag für diese Bewerbung bekommt, baut die ganze Republik für Olympia in Hamburg“, sagt Michael Seitz, Vorsitzender des Vereins Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft. „Wir können Olympia als Bauwirtschaft stemmen. Aber das setzt voraus, dass die Politik die Bremsen im System löst, zum Beispiel bei Fragen des Umweltschutzes und allgemein bei bürokratischen Prozessen in Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren. Das Problem ist, dass uns bei großen Projekten überall Steine in den Weg gerollt werden.“

Die Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft vereint neun Verbände und Innungen der Branche. Die Mitglieder dieser Verbände repräsentieren etwa 1500 Unternehmen mit rund 30.000 Mitarbeitenden und etwa drei Milliarden Euro Jahresumsatz. „Als Wirtschafts- und Fachverband kann man gar nicht gegen eine Hamburger Olympiabewerbung sein“, sagt Seitz. „Ich persönlich und wir als Verband sehen das ausgesprochen positiv.“

Bei der laufenden Kampagne für eine Olympiabewerbung erwähnt der Senat die Belastungen in der Regel eher nicht, die mit noch deutlich mehr Baustellen für mehrere Jahre auf die Hamburgerinnen und Hamburger zukämen. Seitz hat hingegen kein Problem damit, das klar zu benennen: „Natürlich werden die Bürger auch Nachteile hinnehmen müssen. Man kann keine Straße bauen, ohne eine Straße zu sperren“, sagt er. „Wir brauchen in Hamburg ein klares Bekenntnis zu einer Olympiabewerbung der Stadt – so, wie auch für viele andere Großprojekte, die Hamburg realisieren muss, von einer neuen Köhlbrandbrücke bis zu einer Generalsanierung des Hauptbahnhofs.“

Auch die Baubranche sieht – wie der Senat – bei der Abwägung aller Argumente mehr Vor- als Nachteile: „Wenn eine Ausrichtung der Olympischen Spiele in Hamburg gelänge, bekäme die Stadt in vielen Teilen eine neue Infrastruktur“, sagt Seitz. „Der Stadt würde das einen enormen Schub bringen. Bei der Realisierung der anstehenden Großprojekte gäbe es dann keine – auch politischen – Ausflüchte mehr. Denn dann gibt es feste Termine.“

Manja Biel, Hauptgeschäftsführerin des Bauindustrieverbandes Hamburg/Schleswig-Holstein

Eine Hamburger Olympiabewerbung sei „eine Riesenchance und ein Impulsgeber für die gesamte Region“, sagt Manja Biel, Hauptgeschäftsführerin des Bauindustrieverbandes Hamburg / Schleswig-Holstein: „Eine Austragung Olympischer und Paralympischer Spiele in Hamburg kann auch für die Bauwirtschaft von großem Nutzen sein. Wir unterstützen auch die Olympiabewerbung von Kiel.“ An der Förde könnten, wie schon 1972, erneut olympische Segelwettbewerbe ausgetragen werden, und diesmal auch paralympische. Hamburg hat sich für den Fall einer Bewerbung auf Kiel als Partner festgelegt.

Ein enges Zeitkorsett fürchtet man im Bauindustrieverband Hamburg / Schleswig-Holstein nicht, der auch Teil der Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft ist: „Die norddeutsche Bauwirtschaft ist, wie die deutsche Bauwirtschaft generell, absolut leistungsbereit und erfahren. Termindruck ist für unsere Branche völlig normal“, sagt Biel.  Aus ihrer Sicht würde eine erfolgreiche Realisierung vor allem auch davon abhängen, wie eng und präzise Unternehmen, Politik und Verwaltungen bei der Umsetzung kooperieren: „Es kommt vor allem auf verlässliche Rahmenbedingungen an – aus der Politik und der für die Planungen und Genehmigungen verantwortlichen Verwaltung“, sagt sie. „Das Vergaberecht wird voraussichtlich dazu führen, dass Unternehmen – wie auch bei anderen Großprojekten – auch aus anderen Teilen Deutschlands und aus Europa in einen Bau Olympischer Sportstätten in Hamburg einbezogen werden. Wir als regionale Bauwirtschaft hoffen natürlich, dass wir bei den Vergaben unsere umfangreichen Kenntnisse der Gegebenheiten vor Ort ausspielen können.“

Positiv sieht auch die Immobilien- und Wohnungswirtschaft im Norden das Thema. „Olympische Spiele wären ein Gewinn für die Stadt. Allerdings müssen auch die Menschen etwas davon haben“, sagt Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW): „Eine attraktive und lebenswertere Stadt an sich ist nicht für jeden ein Gewinn, weil mehr Attraktivität sie teurer machen kann. Es geht also darum, die ,ganze Stadt‘ in den Blick zu nehmen.“ Neben dem Bau bezahlbarer Wohnungen gehe es dabei „um eine tragfähige Infrastruktur – angefangen bei Schulen, Kitas bis hin zu einem leistungsfähigen ÖPNV. Olympische Spiele in Hamburg müssen sowohl Sportereignis als auch Auftakt eines großen Stadtentwicklungsprojekts sein.“

Kay Brahmst, Vorsitzender des Landesverbands Nord beim Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, sagt: „Um den Wohnungsmarkt zu entlasten und die Mieten stabil zu halten, brauchen wir vor allem eines: mehr Wohnungsbau. Die Olympischen und Paralympischen Spiele können hierfür einen wichtigen Impuls geben – durch beschleunigte Planungsprozesse, neue Quartiere und zusätzliche Fördermittel des Bundes. Diese Chance sollten wir nutzen.“

Die Chancen für Hamburg entstünden dabei allerdings nicht automatisch, sagt Carl-Christian Franzen, stellvertretender Vorsitzender des Immobilienverbands Deutschland IVD Region Nord: „Sie hängen ab von: sauberem Kostenmanagement, schneller Genehmigungspolitik, echter Nachnutzung, sozialer Balance bei Mieten und Wohnraum und erfolgreicher Umsetzung von Infrastrukturprojekten.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren auch über große Bauprojekte der Verkehrsinfrastruktur im Norden.

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