Die einen tragen ihr Herz auf der Zunge, andere tragen ihre Überzeugung auf der Brust. So wie viele Delegierte auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). „Sozialstaatsretter“ steht in großen Lettern auf den knallroten T-Shirts, die viele der 400 Gewerkschafter sich heute Morgen übergestreift haben – gerne auch über dem Hemd oder unter dem Sakko. Das ist Ausdruck des Selbstverständnisses der Teilnehmer und heute Morgen auch eine Botschaft an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der mit einer Rede den dritten Kongresstag eröffnet.

Kurz vor neun Uhr hat sich schon ordentlich Spannung aufgebaut. Eine Viertelstunde vor Ankunft des Kanzlers sollten die Delegierten bereits im Saal sein – aus Sicherheitsgründen. Einige nutzen die Wartezeit, um schon einmal zu proben: Protestschilder werden testweise hochgehalten, darunter das Plakat der großen DGB-Kampagne gegen die geplante Flexibilisierung der Arbeitszeiten. „Finger weg von der 8“ steht darauf. Der Acht-Stunden-Tag ist für die Gewerkschaften eine rote Linie und die Delegierten wollen, dass der Kanzler das weiß, bevor er auch nur ein Wort gesagt hat.

Als Merz eintrifft, empfangen ihn die roten T-Shirts und eine betont konziliante Yasmin Fahimi. Jubel brandet auf, als die am Montag mit überwältigender Mehrheit wiedergewählte DGB-Chefin ans Rednerpult tritt. „Guten Morgen! Sie sehen: Wir sind gut drauf“, sagt sie in Richtung des Bundeskanzlers in der ersten Reihe. Es ist eine freundliche Begrüßung. Aber der Unterton ist unmissverständlich: Mach dich auf etwas gefasst.

Und Merz? Der beginnt seine Rede verblüffend trocken. Er gratuliert zur Wiederwahl des DGB-Vorstands, lobt die Ergebnisse der laufenden Betriebsratswahlen, verweist darauf, dass das Bundestariftreuegesetz gerade in diesen Tagen in Kraft getreten sei. Redet von Betriebsratswahlen im Internet. „Sie werden gehört in diesem Land“, sagt er. Der Saal hört auch zu. Höflich. Es ist die Stille vor dem Sturm.

Erst im Lauf der Rede gewinnt Merz an Lebendigkeit und auch an Schärfe. Wer Wachstum schaffen und Wohlstand sichern wolle, müsse bereit sein, sich zu verändern, ruft er den Delegierten zu. Deutschland habe es schlicht versäumt, sich zu modernisieren. „Deutschland muss sich aufraffen.“ Der Platz, von dem aus man das Land zum Guten gestalten könne, „das ist nicht die Bremse“. Die Rede ist der Versuch, Reformbereitschaft als Vernunft zu verkaufen und Widerstand als Rückwärtsgewandtheit. In einem anderen Saal hätte das vielleicht funktioniert.

Bärbel Bas (r.) und Yasmin Fahimi

Hier nicht und das wird gegen halb zehn deutlich. Da kippt die Stimmung. Als Merz auf die konkreten Reformen zu sprechen kommt – zuerst die Gesundheit, dann die Rente –, geht ein Rauschen durch den Saal. Bei der Krankenversicherung kommen die ersten Pfiffe, die ersten Buh-Rufe, die ersten Zwischenrufe. DGB-Frauen strecken Plakate mit nach unten zeigendem Daumen in die Höhe. Auf anderen steht: „Solidarisch finanzieren. Sicher versorgen. Sozialstaat verteidigen.“

Höhnisches Gelächter, Pfiffe und Gejohle

Und dann geht es um die Rentenreform, die Merz selbst als das „härteste Brett“ der Bundesregierung bezeichnet. Es ist der Moment der Eskalation. Als Merz sagt, das alles sei „keine Bösartigkeit“ von ihm oder der Bundesregierung, sondern schlicht „Demografie und Mathematik“, da bricht höhnisches Gelächter aus, vermischt mit Pfiffen und Gejohle. Es ist kein freundliches Lachen. Merz wartet am Pult kurz, bis der Lärm nachlässt. Dann redet er weiter. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Aber er dringt auch nicht durch.

Fahimi gibt ihm am Ende eine betont freundliche Antwort, bleibt aber inhaltlich hart: Viele Beschäftigte hätten das Gefühl, dass hinter den Reformen am Ende des Tages Einschnitte stünden, die eine „einseitige Belastung und Abbau von Schutzrechten“ bedeuteten. Und das mit der Rentenreform, das habe man schon einmal gehört. „Wir haben das schon bezahlt mit Erhöhung des Renteneintrittsalters, der Abschaffung der Altersteilzeit, der Absenkung des Rentenniveaus.“ Merz verlässt den Kongress mit spärlichem Applaus. Die roten T-Shirts bleiben sitzen.

Der Nachmittag gehört Bärbel Bas – und die Stimmung könnte kaum anders sein. Die SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin betritt den Saal nicht als Repräsentantin einer ungeliebten Koalition, sondern als eine der Ihren. Sie ist aus dem Pott, Gewerkschafterin, und sie sagt den Delegierten, was sie hören wollen, weil es wohl auch ihre eigene Überzeugung ist. Wo Merz erklären musste, darf Bas bekräftigen. Wo Merz Skepsis erntete, schlägt Bas Wohlwollen entgegen.

Sie stellt sich unmissverständlich gegen Sozialabbau. „Reform heißt nicht gleich Kürzungen“, sagt sie. „Ich möchte unsere soziale Sicherung nicht kleiner, sondern klüger machen.“ Es ist eine Formulierung, die sie öfter benutzt. Beim Thema Arbeitszeit sagt sie das, worauf viele hier gewartet haben: „Wenn es nach der SPD und nach mir persönlich geht, fassen wir das Thema Arbeitszeit gar nicht erst an.“

Im Saal brandet großer Applaus auf. Dass es trotzdem im Koalitionsvertrag steht, räumt sie ein, aber sie verspricht, es wenigstens noch einmal zu versuchen, die Sozialpartner zusammenzubringen. Der Saal nimmt ihr das ab. Bas gibt ihnen das Gefühl, zumindest eine Verbündete zu haben.

Das sehen wohl nicht alle so. Das Wahlkreisbüro von Bas sei in den vergangenen Tagen mit einer Schmieraktion angegriffen worden, sagt Fahimi. Jemand hatte eine Acht mit Slogans an die Fassade geschmiert, in Anlehnung an die DGB-Kampagne „Finger weg von der 8“. Fahimi distanziert sich davon sehr deutlich: „Das sind nicht unsere Aktionen.“ Bas trägt es mit Fassung, so wie verbale Angriffe aus der anderen Ecke. Wer sie für ihren Einsatz für Arbeitnehmerrechte als „Blockiererin“ bezeichne, sagt sie trocken, „den halte ich aus.“ Dafür gibt es – klar – Applaus.

Was dann aber folgt, ist vielleicht der politisch brisanteste Satz des Nachmittags, und er fällt beinahe beiläufig. „Die Unterschiede zwischen der Union und uns waren selten so spürbar wie heute“, sagt Bas. Es ist eine ungewöhnlich offene Aussage für eine Ministerin einer amtierenden Koalition, gesprochen nur wenige Stunden vor dem Koalitionsausschuss, bei dem sie und Merz wieder am selben Tisch sitzen werden. Der Saal quittiert es mit Applaus. Am Abend treffen Merz und Bas im Koalitionsausschuss wieder aufeinander – ohne Buh-Rufe, ohne Jubel. Aber sie wollen miteinander reden. Das soll ja helfen. Manchmal.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland„ erstellt.

Tobias Kaiser verfolgt als Senior Editor Arbeit & Soziales die großen Verschiebungen in Arbeitswelt und Gesellschaft und die Reaktionen der Politik.

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