Für die einen beginnt der Feierabend mit dem Fernsehkrimi, für die anderen ist es Lars Klingbeil. Der Bundesfinanzminister und Vizekanzler hat auf dem DGB-Bundeskongress einen dankbaren Slot bekommen.

Nach dem Abendessen – Rollmops, Spargelsalat, Kaiserschmarrn – strömen die knapp 400 Delegierten zurück in das große Auditorium, um den Vizekanzler zu hören. Die Stimmung ist gelöst. Einige kommen mit Mocktails und Bier in der Hand in den Saal, Unterlagen und Laptops haben die meisten schon auf ihre Zimmer im Kongresshotel gebracht. Gewerkschafter, die nahe den Eingangstüren sitzen, halten seit Minuten ihre Smartphones auf die offene Tür gerichtet, um ein Foto von Klingbeil zu machen. Als er schließlich zusammen mit DGB-Chefin Yasmin Fahimi durch die Tür tritt, applaudieren die Delegierten. Der SPD-Politiker schüttelt in der ersten Reihe Hände. Man kennt sich.

Fahimi, die soeben mit 96 Prozent der Delegiertenstimmen wiedergewählt wurde und sich kurz zuvor in einer kämpferischen Grundsatzrede als Gegenmacht zu Kanzler Merz in Stellung gebracht hat, begrüßt ihn von der Bühne: „Lieber Lars, wir freuen uns, dass du die Zeit gefunden hast, uns hier zu besuchen.“ Damit ist viel gesagt. Denn dieser Saal hat wenige Stunden zuvor mit einer ganz anderen Temperatur gekocht.

Fahimis Grundsatzrede nach ihrer Wiederwahl war kein Versöhnungsangebot an die Koalition, sondern eine Kampfansage. An Friedrich Merz, an die CDU, aber mit spürbar gezielten Seitenhieben auch an die eigene Partei, die SPD. Und damit macht sie jetzt weiter. „Deregulierung und Demontage ist keine Wirtschaftspolitik“ – großer Applaus. „Wir erwarten von der SPD, dass sie nicht nur das Schlimmste verhindert. Das reicht uns nicht“– Riesenapplaus, Gejohle. Und dann, mit demonstrativer Langsamkeit, bevor sie an Klingbeil übergibt: „Die SPD ist aus der Arbeiterbewegung entstanden.“ Da tobt der Saal.

Das ist der Fahimi-Trick. Sie sagt Naheliegendes in einem Ton, der es klingen lässt wie eine Forderung. Und der Saal dankt es ihr mit einer Lautstärke, die Programm ist: Wir sind noch da, und wir erinnern euch daran, wo ihr herkommt.

Ans Mikro tritt nun der Mann, der den Haushalt zusammenhalten soll. Der hier eigentlich nur steht, weil jemand anderes kurzfristig abgesagt hat. „Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, heute zum politischen Abend zu kommen, nur ein Bier zu trinken mit vielen, die ich hier im Raum kenne“, sagt Klingbeil gleich zu Beginn. „Dann hat mich irgendwann ereilt, dass jemand heute Abend nicht kommt, und die Frage, ob ich einspringen könnte.“ Die Botschaft ist klar: Hey, ich bin doch einer von Euch.

Klingbeil ist Profi. Und er weiß, dass dieser Saal ihm heute besonders aufmerksam zuhört in dieser Woche, mit diesem Haushalt, mit all den Einsparungen und Reformen, über die diskutiert wird. Also macht er das Einzige, was in dieser Situation sofort löst: Er macht einen Witz.

„Für jemanden aus Hannover gibt es kein besseres Ergebnis als 96 Prozent“, sagt er an Fahimi gewandt. Gelächter bricht aus. Ein Fußballwitz – und er hat den Saal gewonnen. Was zugegebenermaßen ohnehin keine schwere Aufgabe schien.

Und dann macht Klingbeil etwas, was Zuhörer sonst eher von Bundeskanzler Friedrich Merz kennen, wenn es gilt, Unangenehmes zu umschiffen: Er flüchtet in die große Weltpolitik.

Nicht kurz, als Einleitung, sondern ausgiebig, als Kern der Rede. Er war am Wochenende in Kanada. Mark Carney, der kanadische Premierminister, habe in einer Rede die Rolle von Gewerkschaften und Mitbestimmung hervorgehoben: „Das hat mich wirklich beeindruckt“. Dann Trump. Dann Grönland. Dann der Iran-Krieg. Dann Elon Musk und Peter Thiel, die die EU hassten, weil nur Europa die Tech-Konzerne wirklich regulieren könne. Dann China und Subventionen und Zölle. Dann Orbán, der in Ungarn abgewählt wurde: „Was für ein ermutigendes Zeichen“.

Es ist nicht so, als ob das alles irrelevant wäre. Klingbeil ist Finanzminister und Vizekanzler in einer geopolitisch volatilen Zeit, und er spricht vor einer Gewerkschaft, die selbst global denkt. Aber ein Subtext schwingt in dieser langen Passage mit: Solange die Welt so unübersichtlich ist, solange Trump Zölle verhängt und die Straße von Hormus blockiert ist, muss man verstehen, dass die Spielräume begrenzt sind.

Der Saal hört höflich zu. Ab und zu applaudieren die Delegierten auch.

Als Klingbeil dann – zum Schluss – auf Innenpolitisches kommt, wechselt allerdings die Atmosphäre. Er preist das Tariftreuegesetz, das durchgekommen ist. Applaus. Er sagt, er sei stolz auf die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent – auch wenn er weiß: „Ihr wollt noch mehr. Ist auch okay, wenn ihr Druck macht.“ Das ist der richtige Ton. Anerkennen, was man erreicht hat, ohne so zu tun, als ob man es allein geschafft hätte.

Dann aber spricht er kurz über die Reformen; die eigentlich das Kernprojekt dieser Regierung sein sollen. Und jetzt ändert sich etwas im Raum.

„Ich weiß, dass einige von euch vielleicht nicht ganz zufrieden sind mit dem, was wir bisher in der Gesundheit ausgehandelt haben.“ Murren im Saal, vereinzelt wird gebuht. Und: „Ich weiß auch, dass ihr alle sehr genau guckt, was die Rentenkommission vorlegen wird.“

Das ist auch die Stelle, an der Fahimi nach Klingbeils Rede – in ihrem Schlusswort – nachfasst. Die geplante GKV-Reform habe eine „unverantwortliche Schlagseite zulasten der Versicherten“. Strukturreformen müssten vor Leistungskürzungen kommen, nicht danach. Und das Arbeitszeitgesetz sei ein rotes Tuch. Finger weg vom Acht-Stunden-Tag; so das Motto einer aktuellen DGB-Kampagne. Dafür erntet sie den lautesten Applaus des Abends.

Dieser Moment vermittelt eine Ahnung von dem, was noch kommt. Dieser Abend, der Bundeskongress; sie sind eine Generalprobe. Die eigentlichen Kämpfe kommen noch.

Am Ende bekommt Klingbeil trotzdem Applaus. Vor allem, als er ankündigt, Steuerhinterzieher künftig strenger zu verfolgen. Das trifft hier einen Nerv. Fahimi dankt ihm, sagt, er sei nicht nur als Lückenbüßer hergekommen. Klingbeil lächelt, schüttelt Hände. Später machen Delegierte mit ihm Selfies an der Bar. Und jetzt? „Feierabend“, sagt eine Delegierte.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland„ erstellt.

Tobias Kaiser verfolgt als Senior Editor Arbeit & Soziales die großen Verschiebungen in Arbeitswelt und Gesellschaft und die Reaktionen der Politik.

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