Es scheint, als wollte Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp mit ihrem Kurs die Kritik der Unicredit an der bisherigen Behäbigkeit des zweitgrößten deutschen Geldinstituts nachträglich bestätigen. Die Italiener, die seit Monaten an einer feindlichen Übernahme der Commerzbank arbeiten, hatten dem deutschen Konkurrenten eine „unterdurchschnittliche operative Leistung“ bescheinigt. Zumindest ist es der Unicredit so gelungen, die Commerzbank ordentlich zum Rotieren zu bringen.
Plötzlich ist es möglich, noch einmal 3000 Stellen zusätzlich abzubauen, weil sich die Arbeit nun doch auch von der Künstlichen Intelligenz erledigen lässt. Das ist bitter für jeden Einzelnen der betroffenen Mitarbeiter. Und doch zeigt sich hier die Kraft des freien Marktes – wenn man ihn denn zulässt. Auch die deutsche Mittelstands-Bank muss sich endlich fragen, ob sie nicht doch auch effizienter und damit deutlich profitabler agieren kann. Man hatte es sich unter dem Schutz der Staatsbeteiligung gemütlich gemacht.
Warum sollte man mit den globalen Spitzenreitern der Branche mithalten, wenn eine Übernahme, wie sie die Unicredit nun plant, doch lange ausgeschlossen erschien? Noch immer lehnt der Bund, der rund zwölf Prozent an der Commerzbank hält, es ab, dass die Italiener den deutschen Konkurrenten schlucken. Schließlich brauche Deutschland eine eigene private Großbank zur Finanzierung des Mittelstands. Stimmt das?
Schon der Versuch der Übernahme beweist, wie falsch die Bundesregierung mit ihrer Strategie liegt, an der Eigenständigkeit der Commerzbank krampfhaft festzuhalten. Wer es ernst meint mit Europa, für den muss es eine gute Nachricht sein, wenn eine italienische und eine deutsche Bank sich zusammentun, um sich so auf dem Weltmarkt eine bessere gemeinsame Position zu erarbeiten. Man kann nicht in Sonntagsreden immer wieder nach europäischen Champions rufen, nach Konzernen, die sich im globalen Wettbewerb behaupten können, und dann aber eine solche Übernahme blockieren, nur um keine nationale Kontrolle abgeben zu müssen.
Wenn Europa im Wettbewerb mit anderen Weltregionen wie den USA und China überhaupt eine Chance haben will, wird man zusammenarbeiten müssen. Das gilt nicht nur für den Bankensektor, sondern auch für viele andere Branchen. Bestes Beispiel ist die Rüstungsindustrie, wo nationale Interessen noch immer häufig globaler Wettbewerbsfähigkeit im Weg stehen.
Rechtlich hat die Bundesregierung mit ihrer vergleichsweise geringen Beteiligung ohnehin wenige Möglichkeiten, sich wirksam den italienischen Übernahmeambitionen in den Weg zu stellen. Längst kontrollieren die Italiener mit knapp 30 Prozent einen deutlich größeren Teil der Commerzbank. Politisch allerdings ist eine feindliche Übernahme gegen den Willen der deutschen Regierung kaum vorstellbar.
Doch statt zu überlegen, ob und wie man die Beteiligung noch aufstocken könnte, sollte die Bundesregierung ihren Widerstand endlich aufgeben. Schon jetzt zeigt sich, dass die Commerzbank deutlich profitabler und erfolgreicher sein kann, wenn man die Kraft des freien Marktes wirken lässt. Die Unicredit glaubt, durch einen Zusammenschluss noch mehr Potenzial heben zu können. Wenn die Aktionäre das auch so sehen, gibt es keine Gründe, den Zusammenschluss zu verhindern. Das sind nicht nur gute Nachrichten für den Bankenstandort Frankfurt oder die Beschäftigten im Frankfurter Commerzbank-Turm. Das ist ungemütlich, aber unvermeidbar.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Philipp Vetter ist Teamleiter im Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“.
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