Trotz Waffenruhe haben sich die USA und der Iran in der Nacht auf Freitag gegenseitig in der Straße von Hormus beschossen. Die Schläge gegen iranische Ziele bezeichnete US-Präsident Trump als einen „kleinen Denkzettel“. Zugleich betonte er: Die Waffenruhe sei in Kraft.
Einmal abgesehen von diesem offensichtlichen Widerspruch und selbst wenn ein brüchiges Abkommen welcher Art auch immer nun in Kraft treten sollte, scheint eines klar: Der Iran-Krieg hat die Kräfteverhältnisse auf dem globalen Energiemarkt verschoben – und er tut es rabiat.
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Während Raketenangriffe Anlagen im Golf beschädigen, US‑Zerstörer iranische Tanker stoppen und die Straße von Hormus weiterhin kaum oder nur eingeschränkt passierbar ist, schiebt die Krise die Gewinne großer Ölkonzerne und der US‑Förderindustrie in bis vor Kurzem unvorstellbare Höhen. Gleichzeitig zahlen Verbraucher, Airlines und Industrie die Zeche in Form eines strukturell höheren Ölpreisniveaus.
Symbolfigur dieser Entwicklung ist Shell. Der britische Energieriese meldet nun einen bereinigten Quartalsgewinn von 6,92 Milliarden Dollar – 24 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und mehr als doppelt so viel wie im traditionell schwächeren Vorquartal. Der Vorstandschef spricht von einer „beispiellosen Störung der globalen Energiemärkte“ – was wie ein Klagelied klingt, ist in Wahrheit Grund zum Jubeln.
Zwar ist die eigene Förderung leicht rückläufig, unter anderem wegen der iranischen Raketenangriffe im Raum Katar, wo einige Anlagen getroffen wurden. Doch gerade die extreme Volatilität eröffnet im Trading neue Ertragsquellen: Rohölladungen werden umgeleitet, Engpässe ausgenutzt, Preissprünge monetarisiert.
Bereits im April teilte der britische Konzern BP mit, er habe seinen Gewinn im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal auf 3,2 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt – angetrieben von den gestiegenen Ölpreisen. Und der französische Ölkonzern TotalEnergies, der einen Quartalsnettogewinn von 5,4 Milliarden Dollar auswies, kündigte an, seine Dividende zu erhöhen und seine Aktienrückkäufe zu verdoppeln.
Tanker drehen in Richtung USA ab
Exxon Mobil hingegen, der größte amerikanische Ölkonzern, meldet aktuell einen Quartalsgewinn von 4,2 Milliarden Dollar. Das entspricht 46 Prozent weniger als ein Jahr zuvor – vor allem aus buchhalterischen Gründen. Chevron indes berichtet, sein Quartalsgewinn sei auf 2,2 Milliarden Dollar gesunken, ein Rückgang um 37 Prozent im Jahresvergleich. Beide Unternehmen führten die Rückgänge jedoch auf buchhalterische Papierverluste zurück, die sich in den kommenden Monaten voraussichtlich wieder auflösen werden.
Knapp ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls läuft normalerweise durch die Straße von Hormus. Die anhaltenden Störungen – erst durch die Iraner, dann durch die Amerikaner selbst – machen jede Störung zu einem globalen Preissignal und ziehen Marktverschiebungen nach sich.
Denn während der direkte Transit aus dem Golf seit Wochen stockt, haben viele Tanker in der Zwischenzeit abgedreht und steuern nun die USA an. Aus dem Weißen Haus heißt es offen, man stehe als „verlässlicher und reichlich vorhandener“ Energielieferant bereit, um jene Länder zu versorgen, die vom Öl aus dem Nahen Osten abgeschnitten sind – eine Blockade, die man selbst verursacht hat.
Zahlreiche leere Rohöltanker nehmen seit knapp drei Wochen Kurs auf amerikanische Häfen, um dort zu laden. Für Washington ein Grund zum Jubeln und gleichzeitig eine klare Botschaft: Wer bislang in Saudi-Arabien oder Katar einkaufte, soll künftig auf amerikanisches Öl ausweichen. Dass das deutlich höhere Preise und längere Routen bedeutet, erwähnt Trump dabei freilich nicht.
Denn für die USA hat die Seeblockade einen äußerst lukrativen Nebeneffekt. Die heimische Förderung erreicht neue Rekordstände, die Regierung rühmt sich, mehr Öl zu produzieren als Saudi-Arabien und Russland zusammen, und beim Gas die kombinierte Leistung von Russland, Iran und China zu übertreffen. „Drill, Baby, Drill“ ist von einem Wahlkampfslogan zur Industriepolitik Trumps geworden: Tausende neue Bohrgenehmigungen im vergangenen Jahr, massive Investitionen in Förderkapazitäten, ein aggressiver Exportkurs. Die Sicherheitskrise im Golf dient als Katalysator für die Festigung der amerikanischen Rolle als Energiegroßmacht.
Für den Rest der Welt sieht die Bilanz weniger glänzend aus. Denn dort zahlen die Verbraucher nicht nur höhere Preise an den Zapfsäulen. Auch Kerosin und Diesel bleiben teuer, was Fliegen und die Lebensmittelproduktion verteuert. Ökonomen gehen davon aus, dass sich der Ölpreis dauerhaft in einer deutlich höheren Bandbreite einpendelt: Statt 65 Dollar wie vor dem Krieg werden 80 bis 90 Dollar pro Barrel zur neuen Normalität, sagt beispielsweise Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank (HCOB).
Für Haushalte, Verkehr und Industrie ist das toxisch. Airlines streichen Flüge und Serviceleistungen, Logistikunternehmen melden explodierende Dieselrechnungen, Verbraucher schieben Urlaubspläne auf und bekommen die Krise an der Zapfsäule jeden Tag vorgeführt. Eine Analyse des britischen „Guardian“ kommt zum Schluss, dass das gesamte Flugangebot in Europa im Sommer gleichzeitig teuer und kleiner wird.
Gleichzeitig mehren sich Rufe nach Übergewinnsteuern auf die Profite der Ölkonzerne, die in Europa und anderswo an alte Debatten aus der Zeit nach dem russischen Überfall auf die Ukraine anknüpfen. Erst kürzlich warf etwa Grünen-Chef Banaszak den Mineralölkonzernen „dreiste Abzocke mit Ansage“ vor – und Wirtschaftsministerin Reiche (CDU), dass sie diese Praxis decke. „Jeder Euro, den wir von Shell und Co. abschöpfen, muss direkt in die schnelle Entlastung der Bevölkerung fließen“, so Banaszak gegenüber WELT. Das Geld sei da, es liege nur „in den falschen Taschen“ der Ölkonzerne und Raffinerien.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
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