In weißer Schrift auf schwarzem Grund, steht groß und unmissverständlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch für alle in Uniform.“ Seit diesem Dienstag hängen diese Worte in Zügen und Bahnhöfen bundesweit. Rund drei Monate sind vergangen, seit Zugbegleiter Serkan Çalar in Rheinland-Pfalz bei einem Angriff getötet wurde. Jetzt antworten Deutsche Bahn (DB), Bundesverkehrsministerium und der Branchenverband VDV mit einer gemeinsamen Respekt-Kampagne unter dem Motto #mehrAchtung. Doch die Frage, die im Berliner Hauptbahnhof an diesem Dienstag im Raum steht, lautet: Reicht das?
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) spricht von einem „deutlichen Signal“. Er sagt, er sei „immer noch traurig und schockiert“ über den Tod von Çalar. Die Zahlen geben ihm Anlass zur Sorge: Die Anzahl der DB-Mitarbeiter, die Opfer einer Gewalttat wurden, ist von 1882 im Jahr 2019 auf 3023 im Jahr 2025 gestiegen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung hervorgeht. Eine Steigerung, die Schnieder selbst als „besorgniserregend“ bezeichnet. Bereits kleine Aufforderungen wie eine Fahrkartenkontrolle genügten manchmal als Auslöser.
DB-Vorstandschefin Evelyn Palla hatte nach dem Tod des Zugbegleiters einen Sicherheitsgipfel einberufen. Zwei Monate später zieht sie eine erste Bilanz. 2000 Bodycams seien konzernweit bereits im Einsatz. Bis Ende 2026 soll jeder Mitarbeiter mit Kundenkontakt, der das möchte, eines der Geräte erhalten. Weil Tonaufnahmen die deeskalierende Wirkung der Kameras noch verstärken könnten, plant die Bahn für das dritte Quartal 2026 einen Pilotversuch mit Audioaufzeichnungen – ein Schritt, der rechtlich bisher nicht abschließend geklärt sei.
Verkehrsminister Patrick Schnieder und DB-Chefin Evelyn Palla stellen die Kampagne gemeinsam am Dienstag vorBeim Personal hat die DB in den vergangenen zwölf Monaten die Zahl ihrer Sicherheitskräfte von 4500 auf 5000 erhöht. Hinzu kommt ein Pilotprojekt zur Doppelbesetzung im Nahverkehr: Zwei Mitarbeiter statt einer Person allein kontrollieren dann Fahrkarten. In kritischen Situationen, sagt Palla, sei das Auftreten im Team „stark deeskalierend“.
Flächendeckend lässt sich das Modell jedoch nicht durchsetzen. In anderen Zügen fehlen dann Mitarbeiter und Sicherheitskräfte. Daher konzentriert sich die Bahn auf besondere Verbindungen und Strecken, in denen eine Gefahrenlage herrscht. Die Entscheidung über die jeweilige Umsetzung liegt bei den zuständigen Aufgabenträgern vor Ort, heißt es bei der Bahn.
„Respekt ist die Grundlage für Sicherheit“, fasst die DB-Chefin zusammen. Sie appelliert damit auch an das Miteinander im öffentlichen Raum. Dass Übergriffe zunehmen, sei nicht nur ein Bahn-Problem, sondern ein gesellschaftliches. Die Kampagne soll genau daran ansetzen. Komplett neu ist sie nicht. Die Initiative #mehrAchtung setzt sich bereits seit Jahren für eine Verbesserung des Verkehrsklimas und der Verkehrssicherheit ein. Nun auch zusammen mit der DB.
Über 3000 Mitarbeiter Opfer von Gewalttat
Doch es ist Heike Moll, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, die an diesem Morgen die unbequemen Worte findet – und damit einen wichtigen Punkt setzt. Sie begrüßt die Maßnahmen, nennt sie aber „längst überfällig“. Und sie stellt einen Zusammenhang her, den die offizielle Kampagnenkommunikation lieber ausspart: die Infrastruktur. Verspätete Züge, überlastete Strecken, ein System, das chronisch unter Druck steht – all das erzeuge Frust bei Reisenden, der sich dann an Mitarbeitern entlade. „Wir sehen einen klaren Zusammenhang zwischen Betriebslage und Angriffen“, sagt Moll.
Frust über verspätete Züge kann kein Grund sein, andere Menschen verbal oder körperlich anzugehen. Doch Moll fordert zumindest: Die verlässliche und langfristige Finanzierung der Infrastruktursanierung sei eine der wichtigsten Maßnahmen, um Übergriffe zu reduzieren.
Für Spannungen sorgt auch die wirtschaftliche Aufstellung der Bahn. Palla hat ein großes Sanierungsprogramm angekündigt – wie ihre Vorgänger bereits. Verantwortung soll mehr in die Fläche abgegeben, weniger von oben entschieden werden. Doch für zusätzliche Sicherheitsinvestitionen ist der Spielraum eng. Zuletzt fuhr die Bahn einen Verlust von 2,3 Milliarden Euro ein. Mehr Druck auf das System bedeutet auch mehr Druck auf die Menschen, die es am Laufen halten.
VDV-Präsident Ingo Wortmann schließt die Veranstaltung mit drei konkreten Forderungen an Bund und Bahn. Dazu gehöre eine Ausweitung des strafrechtlichen Schutzes der DB-Mitarbeiter. Konkret geht es um Paragraf 115 StGB: Diese Vorschrift schützt Personen, die Vollstreckungsbeamten gleichstehen, insbesondere Hilfeleistende der Feuerwehr oder auch des Katastrophenschutzes. Zugbegleiter oder Sicherheitspersonal der Bahn fallen bisher im Regelfall nicht unter diesen spezifischen Schutzbereich.
Außerdem plädiert er neben der bereits geplanten Audioaufzeichnung für längere Speicherfristen bei der Videoüberwachung. Derzeit reichten diese nicht aus und sollen auf 30 Tage erweitert werden, so Wortmann.
Das Bundesverkehrsministerium stellt für die Kampagne derweil mehr als eine Million Euro bereit, der Außenwerbungskonzern Ströer bietet laut Schnieder die Plakatflächen kostenlos an. Die Botschaft darauf ist richtig. Und sie ist leider notwendig. Für Serkan Çalar kommt sie zu spät.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.
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