Politiker, Ökonomen, Wirtschaftsvertreter und die Europäische Kommission zweifeln an der Wirksamkeit des deutschen Ziels der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045. „Die direkten zusätzlichen Auswirkungen“ seien „begrenzt“, wenn ein europäischer Staat Emissionen schneller reduziere als andere, heißt es in einer Antwort der Brüssler Behörde auf eine Anfrage des FDP-Europaabgeordneten Moritz Körner, die WELT AM SONNTAG vorliegt.
Die EU will bis 2050 – wenigstens netto – keine Emissionen mehr erzeugen, Deutschland strebt das schon bis 2045 an. So haben es Union und SPD vor rund einem Jahr vereinbart. Die Bundesrepublik steht mit dieser Ambition auf der Welt weitgehend allein da, viele andere Staaten planen das Erreichen der CO₂-Neutralität erst deutlich später.
Nun mehrt sich die Kritik an dem Berliner Sonderweg. „Die vorzeitige Klimaneutralität Deutschlands hilft anderen Staaten, langsamer klimaneutral zu werden“, sagt Körner. Dem Klima hingegen nütze das nichts. In ihrer Antwort an den FDP-Politiker führt die EU-Kommission immerhin an, dass Staaten, die sich besonders anstrengen, als globales Vorbild dienen können.
Auch Ökonomen sehen den deutschen Plan skeptisch. „Das Vorziehen des Ziels um fünf Jahre ist vollkommen wirkungslos“, meint Joachim Weimann, Professor an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg. Es bedrohe Deutschlands Wohlstand, helfe dem Klima aber nicht weiter.
Die Logik hinter der Kritik ist simpel: Das von Deutschland unter großer Anstrengung eingesparte Kohlendioxid könnte anderswo ausgestoßen werden. Der europäische Emissionshandel, der den Kauf und Verkauf von Rechten zur Verschmutzung vorsieht, bietet dazu theoretisch die Möglichkeit. Sollten Deutschlands Nachbarn die Quote auffüllen, wäre dem Planeten tatsächlich nicht geholfen.
Bayern gibt Klimaziel wieder auf
Der Bundesstaat Bayern wollte sogar schon bis 2040 klimaneutral werden, rückte davon aber vor wenigen Tagen ab. „Klimaschutz ist wichtig und Klimaneutralität unser erklärtes Ziel“, sagt CSU-Generalsekretär Martin Huber WELT AM SONNTAG. „Klimaschutz funktioniert aber nur dann, wenn die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes gewährleistet ist und er von den Menschen akzeptiert wird.“ Der Freistaat strebt nun wie der Rest des Landes 2045 an.
Vertreter der Wirtschaft bewerten das Vorhaben der Bundesregierung ebenfalls zurückhaltend. Viele Unternehmen hätten ein Klimaziel bis 2045 und verknüpften damit geschäftliche Chancen für ihre Produkte und Dienstleistungen, sagt Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), WELT AM SONNTAG. Doch er warnt auch: „Klimaschutz gelingt nicht durch Zielmarken allein.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Stefan Beutelsbacher ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke