Herr Schöffel, welche prominente Person würden Sie gerne einmal treffen?
Vincent Kompany, den Trainer des FC Bayern München. Ich finde, dass er wahnsinnig gut balanciert zwischen Ruhe und Coolness auf der einen sowie Ambition und Leistung auf der anderen Seite. Ich würde ihn fragen, wie er das mit so viel Lockerheit und Gelassenheit in so jungen Jahren schafft. Ich glaube, es gibt wenig Personen in Deutschland, die so unter Druck stehen wie der Trainer des FC Bayern München.
Sie haben vor einem guten Jahr den Outdoorausstatter Schöffel von ihrem Vater übernommen und sind nun Chef von knapp 280 Mitarbeitern. Als wie hoch empfinden Sie Ihren eigenen Druck?
Mit so einem Job kommt automatisch Druck. Ich versuche, ihn nicht allzu groß werden zu lassen, indem ich mich in fest definierten Zeiten auch mal loseise, zum Wandern zum Beispiel. Mich auch mal zu fragen: ‚Was ist eigentlich der worst case?‘ hilft mir dabei, das Gefühl des Drucks im Zaum zu halten.
Sie waren erst 26, als Ihr Vater Ihnen anbot, Schöffel zu übernehmen und in der achten Generation zu führen. Wie kam es dazu?
Schöffel steckt gerade in einer tiefgreifenden Transformation. Wir diversifizieren und stellen das Unternehmen auf mehrere Säulen.
Sie sprechen wahrscheinlich von den beiden neuen Geschäftsbereichen, die Sie gerade aufbauen: Schöffel Tec und Schöffel Pro, mit denen Sie das Unternehmen von der reinen Ski- und Outdoorfirma weiterentwickeln und nun zum Beispiel auch Combat-Shirts für die Bundeswehr und Funktionshosen für die Polizei herstellen.
Genau, die zwei neuen Geschäftsbereiche verändern das Unternehmen ganz grundlegend. Darin liegt eine Chance. Da war die Motivation meines Vaters zu sagen: Entweder ich baue jetzt Strukturen, die Jakob dann übernimmt – oder Jakob kommt früher und baut sich selbst seine eigenen Strukturen.
Sie haben Ihrem Vater damals nicht direkt zugesagt, sondern um Bedenkzeit gebeten. Wieso?
Ich habe mich gefreut, dass er sich bei mir gemeldet hat. Gleichzeitig hatte ich eigentlich einen anderen Plan. Es war ein Prozess, und ich habe mir drei Monate Zeit genommen für diese Entscheidung. Ich hatte einen Coach, habe mich mit vielen Bekannten ausgetauscht. Es ging da viel um Motivation: Warum möchte ich es machen? Warum nicht? Das herauszufinden, war eine tiefgehende Reise für mich.
Was sprach dafür und was dagegen?
Zuvor habe ich im Ausland gelebt, bin viel herumgekommen und habe das auch genossen. Deswegen war meine große Sorge, dass ich meine Freiheiten aufgebe und vielleicht gar nicht mehr so leicht rauskomme. In diesen drei Monaten habe ich für mich gelernt: Wenn es mir nicht gefällt oder ich merke, dass ich vielleicht nicht der Richtige für den Job bin, weil Kompetenzen nicht passen oder ich unglücklich bin, könnte ich mich auch wieder verabschieden. Zum Glück ist das nicht eingetreten. Aber dass es diese Möglichkeit gibt, musste ich erst mal begreifen. Zum anderen bedeutet Freiheit für mich auch die Freiheit zu gestalten. Und ich werde in keinem Job so viel gestalten können wie hier.
Wie frei fühlen Sie sich jetzt?
Ich habe weniger selbstbestimmte Zeit als früher, weil der Kalender einfach sehr, sehr viel vorgibt. Aber im Großen und Ganzen merke ich schon: Ich kann hier richtig viel gestalten und verändern.
Gab es etwas, dass Sie an sich selbst überrascht hat?
Vieles. Am meisten hat mich überrascht, wie schnell man sich in neue Situationen einfindet. Keiner kann dich auf diesen Job vorbereiten. Dieses Gefühl, auf einmal in der Gesamtverantwortung zu stehen, kannst du in keinem Buch lesen. Die Leute können dir davon erzählen, aber es selbst am eigenen Körper zu erfahren, ist eine völlig andere Geschichte. Aber ich habe auch gemerkt: Ich bin überraschend anpassungsfähig und finde mich damit ganz gut zurecht.
Waren Sie sich sicher, dass Sie dem Job gewachsen sein würden?
Nein, da war ich mir nicht sicher. Für mich ist es nach wie vor eine mögliche Diskussion, dass ich nicht der Richtige bin. In Familienunternehmen muss es eine Option sein, zu sagen: Der Familienunternehmer ist vielleicht nicht das richtige Management. Wenn ich zu der Erkenntnis komme, ich kann es nicht, dann werde ich daraus meine Konsequenzen ziehen müssen. Auf der anderen Seite kann einen wie gesagt keiner auf diesen Job vorbereiten. Man muss einfach irgendwann mal springen und es ausprobieren.
Wie geht es Ihnen als Chef von Schöffel jetzt?
Jeder Tag ist anders. Ich habe es noch keinen Tag bereut. Ich habe unfassbar viel gelernt. Alles in allem geht es mir gut damit.
Sie haben nun die Führungsverantwortung für Menschen, die teilweise Jahrzehnte älter sind und deutlich mehr Erfahrung haben. Wie funktioniert das?
Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich im Vergleich zu meinem Team wenig Erfahrung habe. Das bedeutet für mich, ich muss anders an die Sache rangehen. Aber genau darin liegt eine Chance. Denn zum einen kann ich Fragen stellen, und über Fragen zu führen liegt mir gut. Zum anderen ist es die Chance, Erfahrungen zu hinterfragen. Dinge verändern sich schneller denn je. Und vielleicht ist ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ die schlechteste Antwort auf die eine oder andere Frage. So ergibt sich eine Balance aus: Ich stelle Fragen und lerne dazu. Und: Wir kommen kollaborativ auch zu Ergebnissen in Diskussionen. Ich stelle vielleicht auch manchmal dumme Fragen, die am Ende aber gar nicht so dumm sind und den Status quo verändern. Das ist eine spannende Dynamik.
Was sind am Markt derzeit die größten Herausforderungen?
Die Wertschätzung für Bekleidung ist nicht wirklich da. Wir merken, dass in einer konjunkturell angespannten Phase die Zahlungsbereitschaft fehlt. Der Markt verschiebt sich immer mehr ins Billigsegment, Fast Fashion drängt hinein. Da können wir nicht mitgehen, sowohl was unsere Größe als auch was unsere Werte als Familienunternehmen angeht. Für uns bedeutet das, die negativen Konsequenzen von Fast Fashion darzustellen und zu zeigen: Es gibt eine Alternative, die auf eine gewisse Zeit betrachtet gar nicht unbedingt teurer ist. Wenn ich mir drei Jacken im gleichen Zeitraum kaufen muss statt einer, dann hat das auch Konsequenzen für den Geldbeutel.
Die Outdoorbranche steht immer wieder in der Kritik, weil Materialien umweltschädlich sind. Wie weit ist Schöffel auf dem Weg in die Nachhaltigkeit?
Wir haben ein klares Ziel: Wir wollen bis 2030 unseren CO2-Footprint im Vergleich zu 2019 halbieren, und zwar nicht durch Kompensation, sondern durch harte Reduktion. Wir sind im Plan, also circa bei der Hälfte. Gleichzeitig merken wir, dass die Zahlungsbereitschaft für das Thema Nachhaltigkeit nachlässt. Der gesellschaftliche Diskurs ist davon abgewichen, weil einfach dringendere Themen im Raum stehen. Das kann ich nachvollziehen, auch wenn es eine gefährliche Entwicklung ist.
Mit Schöffel Tec produzieren Sie Bekleidung für die Bundeswehr, in einem Post auf LinkedIn erklären Sie diesen Schritt.
Ich habe lange über diesen Post nachgedacht, und ich habe auch lange über die Forcierung des Militärbereichs in unserem Portfolio nachgedacht. Ich habe damit gerechnet, dass ich sehr negatives Feedback bekomme. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, einerseits diesen Post zu machen und andererseits auch dieses Business zu forcieren, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es der richtige Weg ist. Ich habe eine Reise durchlaufen müssen, um zu dem Punkt zu kommen, dass Wehrfähigkeit ein Muss ist. Überraschenderweise gab es gar nicht so viele negative Reaktionen, wie ich erwartet hatte.
Als der Verband der Familienunternehmer letztes Jahr ankündigte, in Zukunft auch Vertreter der AfD zu Gesprächen einzuladen, was er mittlerweile wieder zurückgenommen hat, schalteten Sie sich in die Diskussion ein. Wenn es um politische Themen geht, ducken sich viele Unternehmer erst einmal weg. Warum halten Sie das anders?
Vielleicht weil ich zu einem gewissen Grad Überzeugungstäter bin. Vielleicht weil ich in meiner Jugendlichkeit noch naiv bin. Ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist gefährlich, wenn einzelne Unternehmer still sind und durch die Aussagen von Verbänden der Eindruck entsteht, dass alle Unternehmer gleich denken. Rund um diese Diskussion habe ich mich nicht repräsentiert gefühlt. Meiner Meinung nach gibt es keinen Sinn, in den Dialog mit der AfD zu gehen, wenn man nicht nach den gleichen Regeln spielt, weil man dann nur verlieren kann.
Capital ist eine Partnermarke des stern. Ausgewählte Inhalte können Sie mit Ihrem stern+ Abo sehen. Mehr aus Capital finden Sie auf www.stern.de/capital.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke