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Schwache Frühjahrsbelebung, keine Trendumkehr: Der Arbeitsmarkt in Deutschland schwächelt weiter. Das Milliardendefizit der Bundesagentur könnte noch größer werden.

Eine seit Jahren anhaltend schwache Konjunktur und der Ölpreisschock aus dem Iran-Krieg obendrauf: Der deutsche Arbeitsmarkt dümpelt weiter vor sich hin. Eine spürbare Frühjahresbelebung oder gar eine Trendumkehr sind am Tag vor dem "Tag der Arbeit" trotz eines überraschenden Wirtschaftswachstums im ersten Quartal weit und breit nicht in Sicht. "Wir haben eine eindeutige Entwicklung ins Negative seit Ende 2022 schon beobachtet", sagte die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, in Nürnberg. 

Defizit der Bundesagentur könnte steigen

Die verfahrene Situation mit mehr als drei Millionen Arbeitslosen seit Jahresbeginn wird allmählich auch finanziell zum Problem für die Bundesagentur. Das im Herbst errechnete Defizit von vier Milliarden Euro wird womöglich noch größer, deutete sie an. Die Behörde muss ihren Haushalt laut Gesetz auf der Grundlage der Herbstprognose der Bundesregierung aufstellen.

In ihrer Schätzung ging die Bundesagentur von einem Durchschnitt von rund 2,9 Millionen Arbeitslosen im Jahr 2026 aus. Derzeit liegt die tatsächliche Zahl über dieser Annahme. Inzwischen rechnet auch die Bundesregierung mit 2,978 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt. "Wir werden das jetzt alles noch einmal neu berechnen müssen - aber ich kann jetzt schon sagen, dass das natürlich kostensteigernd ist", sagte Nahles, ohne konkrete Zahlen zu nennen. 

Die Auszahlung des Arbeitslosengeldes ist der größte Kostenfaktor für die Bundesagentur. In konjunkturell schwierigen Zeiten sind aber auch etwa Kurzarbeitergeld und Insolvenzgeld große Ausgabenposten. Pflichtleistungen der Bundesagentur sind garantiert. Wenn das Geld aus der Arbeitslosenversicherung nicht zur Deckung der Ausgaben ausreicht, muss der Bundeshaushalt einspringen - entweder mit Darlehen oder mit Zuschüssen.

DGB: Bundesagentur entlasten

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte die Bundesregierung auf, auf die Rückzahlung von bereits in der Vergangenheit gewährten Liquiditätshilfen zu verzichten. Die Arbeitsmarktpolitik stehe angesichts der Weltlage und der Konjunktur in Deutschland vor der größten Herausforderung seit Jahrzehnten. Es gehe vor diesem Hintergrund nicht, die Leistungen für Arbeitslose oder die Leistungsfähigkeit der Bundesagentur in solchen Zeiten zu schleifen, sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Sie forderte stattdessen ein Programm zur Krisenprävention und leichteren Zugang zu Kurzarbeitergeld.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigte Rückendeckung an. "Wir halten als Bundesregierung entschlossen dagegen", sagte sie. "Mit Rekordinvestitionen in Infrastruktur, Forschung und Digitalisierung, mit Maßnahmen gegen hohe Energiekosten, mit Entbürokratisierung, wirksamen Sozialstaatsreformen und erleichterter Fachkräfteeinwanderung."

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger machte sich dagegen für mehr Reformdruck stark. Es brauche eine wirksame Begrenzung der Arbeits- und Sozialkosten und eine Arbeitsmarktpolitik, die konsequent auf Qualifizierung, Vermittlung und schnelle Job-zu-Job-Wechsel setzt, statt Stillstand abzusichern, sagte der Arbeitgeberpräsident.

3,008 Millionen Arbeitslose

Insgesamt ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im April im Vergleich zum Vormonat nur um 13.000 gesunken. Sie liegt aber mit 3,008 Millionen weiterhin über der Drei-Millionen-Grenze, die zu Jahresbeginn überschritten worden war. Im Vergleich zum April 2025 stieg die Zahl der Arbeitslosen um 77.000, wie die Bundesagentur weiter mitteilte. Die Arbeitslosenquote lag im April im Vergleich zum März unverändert bei 6,4 Prozent. Im April 2025 hatte sie bei 6,3 Prozent gelegen.

Im April 2025 war der Rückgang mit einem Minus von 36.000 Arbeitslosen deutlich größer ausgefallen, galt aber damals schon als schwach. Für die Statistik griff die Bundesagentur in diesem Jahr auf Datenmaterial zurück, das bis zum 13. April vorlag.

Arbeitslosengeld für über eine Million Menschen

Im April erhielten den Angaben der Nürnberger Statistiker zufolge 1,07 Millionen Menschen in Deutschland Arbeitslosengeld. Das sind 93.000 mehr als vor einem Jahr. 3,826 Millionen erwerbsfähige Menschen erhielten Bürgergeld. Das sind 125.000 weniger als noch vor einem Jahr. Bürgergeld erhalten Menschen nicht nur, wenn sie gar nicht arbeiten, sondern auch dann, wenn sie ihren geringen Lohn aufstocken müssen, um das Existenzminimum zu erreichen.

Auf dem Ausbildungsmarkt sind noch immer 211.000 junge Leute ohne eine Ausbildungsstelle oder eine andere Alternative. Gleichzeitig sind bei den Arbeitsagenturen von den 380.000 gemeldeten Lehrstellen noch 217.000 unbesetzt. Häufig können die freien Stellen aber nicht besetzt werden, weil die Bewerber entweder räumlich zu weit entfernt sind oder das Qualifikationsprofil nicht erfüllen. Immerhin: Nach erfolgreicher Ausbildung ist die Übernahmequote junger Leute in den Betrieben hoch, betonte Nahles.

dpa

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