Es ist ein Abend ganz nach Olaf Scholz’ Geschmack. Ein festlicher Anlass, ein kulturell gebildetes Publikum und eine ihm wohlgesonnene Fragestellerin, die den „Chancellor“ auf der Bühne ins richtige Licht rückt.
In der 16. Straße im New Yorker Flatiron District hat sich am Dienstagabend eine Schlange vor dem Institut gebildet. Agenten in schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen sichern das Gebäude ab, als erst Olaf Scholz aus einem schwarzen SUV steigt und wenig später Antony Blinken einfährt, der ehemalige Außenminister der USA.
Gefühlt ist es lange her, als die beiden Männer in ihren Ländern noch etwas zu sagen hatten. Damals, als in Deutschland die Ampel-Koalition regierte und der Präsident der Vereinigten Staaten Joe Biden hieß. Heute ist die Welt eine andere, wie Scholz wenig später auf der Bühne selbst sagen wird. „Wie gehen wir um mit dieser neuen Weltordnung?“, so der Ex-Kanzler. Diese Frage überschatte das gesamte politische Handeln der westlichen Hemisphäre.
Zunächst aber wird Scholz von Antony Blinken mit Lob überschüttet. Anlass ist die Vergabe der Leo-Baeck-Medaille für Verdienste um das jüdische Leben. In einer mehr als 20-minütigen Laudatio sagt Blinken, dass Scholz sich während seiner Kanzlerschaft stark gegen Antisemitismus gemacht habe.
Scholz – nie für Selbstkritik bekannt gewesen – nimmt dieses Lob dankend an. Auch bei der anschließenden Podiumsdiskussion fühlt er sich sichtlich wohl, lehnt sich zurück, lacht öfter verschmitzt. Überhaupt: Der 67-Jährige sieht entspannt aus, die Stimmung ist für Scholz-Verhältnisse beinahe ausgelassen.
„Ich lasse zunächst den Kanzler sprechen“, sagt Blinken auf die erste Frage der amerikanisch-ungarischen Moderatorin und Autorin Kati Marton, die vor einigen Jahren eine Merkel-Biografie verfasste.
„Die Iraner sind die Bad Guys“
„Ist Europa bereit, sich militärisch ohne die USA zu verteidigen, sollte das transatlantische Bündnis vollkommen zerbrechen?“, will Marton von Blinken und Scholz wissen. Während Blinken fast fatalistisch klingt – „Wir haben den Polarstern verloren. Wir wissen nicht mehr, wie die Welt funktioniert“ – gibt sich Scholz zuversichtlicher.
„Diesen Bruch werden wir nicht sehen“, sagt er mit seiner notorisch leisen Stimme, aber dennoch mit Nachdruck. Auf „relevanter Ebene“ wisse man schon, was man von dem internationalen Bündnis habe und was dessen Ausfall bedeuten würde, so Scholz. Dann folgt ein überraschendes Lob für seinen Nachfolger Friedrich Merz. Es sei richtig, die Verteidigungsausgaben weiter zu steigern, die Aufweichung der Schuldenbremse der richtige Schritt gewesen, sagt Scholz. „Es ist notwendig, dass wir eine starke Armee haben. So, wie es in den Achtzigerjahren der Fall war.“
Scholz redet minutenlang, streift dabei die wichtigen globalen Konflikte. „Putin hat es innerhalb von vier Jahren nicht geschafft, die Ukraine einzunehmen – und zwar wegen uns“, sagt der Ex-Kanzler mit Bezug auf die milliardenschweren Finanzierungshilfen Deutschlands für die Ukraine. „Da wundert es mich, wenn die Leute sagen, Deutschland sitze international nicht mehr mit am Tisch.“
Auf den jüngsten verbalen Angriff von US-Präsident Donald Trump gegen Friedrich Merz reagiert Scholz gelassen. „Ich bin davon überzeugt, dass die transatlantische Zusammenarbeit es aushält, dass wir unterschiedliche Sichten haben.“ Differenzen müssten nicht dazu führen, dass man schlechter zusammenarbeite.
Trump hatte Merz angegriffen, nachdem der Bundeskanzler Kritik an der US-Offensive gegen den Iran geäußert hatte. „Er hat keine Ahnung, wovon er spricht!“, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social. Merz hatte der US-Regierung vorgeworfen, keine Exit-Strategie für den Iran-Krieg zu haben. Die USA würden „gedemütigt durch die iranische Staatsführung“, so Merz weiter.
Blinken und Scholz bei der Podiumsdiskussion in New YorkWährend sich Blinken auf der Bühne vor einer konkreten Antwort drückt, leistet sich Scholz eine Spitze gegenüber dem US-Präsidenten. „Lassen Sie mich es klar sagen“, setzt er an. „Die Iraner sind die Bad Guys. Der Iran ist eine Diktatur, die ihre eigenen Leute erschießt, wenn sie protestieren, und Terrororganisationen finanziert.“ Zu Trumps Äußerungen habe er nur das zu sagen: „Einen Krieg zu beginnen bedeutet auch, sich Gedanken darüber zu machen, wie er endet“, sagt Scholz grinsend – das Publikum dankt es ihm mit Lachern und lautem Klatschen.
An diesem Abend in New York ist Scholz ganz in seinem Element. Fast so, als wäre nicht Friedrich Merz, sondern er noch der „Chancellor“. Draußen wartet dann wieder die Realität auf den gescheiterten Regierungschef.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
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