Auf den ersten Blick wirken die Hallen des Unternehmens Sensofusion wie eine Garagenfirma. Doch das Unternehmen mit seiner Manufaktur in Vantaa nahe der finnischen Hauptstadt Helsinki ist längst ein international etablierter Hersteller von Systemen zur Drohnenabwehr. In diesem Jahr will Sensofusion an die Börse gehen. Als das Unternehmen 2016 gegründet wurde, hielten in Deutschland viele Menschen Flugdrohnen noch für Spielzeug. Mittlerweile aber sind Drohnen – zu Land, zu Wasser und in der Luft – ein fester Bestandteil der Kriegsführung, vor allem auf den Schlachtfeldern der Ukraine.

In der vergangenen Woche verbreitete der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski persönlich, seinen Streitkräften sei es erstmals gelungen, allein mit einem fahrbaren Roboter eine russische Stellung zu erobern. Misa Kangaste ist davon nicht überrascht: „Wir wussten, dass so etwas passieren würde. Das ist jetzt die Wirklichkeit des Krieges“, sagt der Director Customers and Government Relations bei Sensofusion. Zehntausende fahrende Kampfroboter würden vermutlich schon bald in der Ukraine eingesetzt werden.

Und noch viel mehr Flugdrohnen. Allein die Ukraine produziert inzwischen zehn Millionen der Geräte im Jahr, um Russland zu attackieren und um russische Drohnen abzuwehren. Sensofusion mit seinen 115 Mitarbeitenden ist einer der Akteure in diesem Krieg, der immer stärker auch von automatisierten Systemen geprägt wird.

Die Detektoren des Systems „Airfence“ erkennen einfliegende Drohnen auf eine Reichweite von zehn Kilometern. Dann steuern sie Killerdrohnen zur Zerstörung der Angreifer ins Ziel. Ein Vorteil dabei aus Sicht von Sensofusion: Die eigene Abfangdrohne, die aussieht wie eine schwarze Zigarre, ist mehr als 300 Stundenkilometer schnell. Die russischen Systeme seien mit etwa 180 Stundenkilometern unterwegs, sagt Kangaste.

Sensofusion baut die Reichweite und die Präzision seines rund zwei Millionen Euro teuren Airfence-Systems weiter aus. Und das möglichst bald komplett mit eigenen Komponenten, die sich in Finnland und in Europa beschaffen lassen. Schon jetzt stelle man den weit überwiegenden Anteil der Bauteile selbst her. „Künstliche Intelligenz spielt bei der Weiterentwicklung eine maßgebliche Rolle und beschleunigt sie“, Kangaste bei einem Rundgang durch die Manufaktur mit einer norddeutschen Wirtschaftsdelegation. „Airfence können wir innerhalb von zehn Wochen liefern.“ Ein Modell zur Drohnenabwehr bietet Sensofusion auch im handlichen Mobilformat an.

Bei der Herstellung von Drohnen geht es um Geschwindigkeit und um die Reduktion von Kosten. Aber auch um immer mehr Flexibilität. Die Airfence-Killerdrohne lässt sich mithilfe von 3D-Druckern in Containern direkt nahe dem Schlachtfeld produzieren, täglich derzeit 50 Stück je 3D-Drucker. Masse sei neben der technologischen Qualität ein wesentlicher Faktor, sagt Kangaste. Um an einem Kriegstag in der Ukraine 400 Angriffsdrohnen abzuwehren, brauche man rund 1000 Abfangdrohnen.

Fraglich ist, ob Deutschland in dieser neuen Rüstungswelt bereits die richtigen Prioritäten setzt. Mit einer Aufstockung von heutzutage etwa 185.000 auf bis zu 460.000 Soldatinnen und Soldaten soll die Bundeswehr bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts die stärkste konventionelle Armee in Europa werden. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) stellte in dieser Woche dafür erstmals eine Militärstrategie vor.

Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW), bezweifelt, dass Deutschland damit schon alle notwendigen Aspekte berücksichtigt. „Das Dokument benennt die richtigen Prioritäten: technologische Überlegenheit, industrielle Schlagkraft, europäische Verantwortung. Daran sollte es gemessen werden.“ Doch es weise auch „konkrete Schwachstellen auf“, sagt Schularick, dessen Institut umfassend Rüstungsforschung betreibt.

„Die Strategie richtet die Bundeswehr nicht an den komparativen Stärken Deutschlands aus. Deutschland ist kapitalreich und technologisch stark, aber verfügt nur über begrenzte personelle Ressourcen“, sagt Schularick. „Die Lehre aus der neuen Verteidigungsökonomie lautet: ein Mix aus Hightech-Systemen und kostengünstiger Massenproduktion unbemannter Systeme schlägt teure Manufaktur bemannter Plattformen und Armeen mit hoher Mannstärke. Die Headline-Zahl von 460.000 Soldaten sollte nicht die zentrale Metrik sein.“

Der Anteil von Forschung und Entwicklung bei der Rüstungsproduktion müsse deutlich steigen, sagt Schularick: „Deutschland gibt heute lediglich rund zwei Prozent seines Verteidigungshaushalts für Forschung und Entwicklung aus, die USA rund zehn Prozent. Eine ernst gemeinte Hightech-Strategie muss konkrete, ambitionierte Zielwerte festschreiben.“

Weiterhin ungelöst sei auch das Problem der „Fragmentierung“ in der europäischen Rüstungsproduktion, sagt Schularick – viel zu viele verschiedene Waffensysteme, zu schwerfällige Beschaffungsprozesse, zu wenig Skalierung und „nationale Champions statt gemeinsamer Stärke. Wer diesen Strukturfehler nicht adressiert, verpasst es, die industrielle Grundlage zu schaffen, auf der echte Resilienz und Verteidigungsfähigkeit erst entstehen können. Ohne gemeinsame europäische Beschaffung, Kapazitätsverträge und Finanzierung für gemeinsame Schlüsseltechnologien werden wir am Ende des Jahrzehnts eine halbe Billion Euro ausgegeben haben und militärisch kaum stärker sein als heute.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet unter anderem auch über die Rüstungsindustrie und die Bundeswehr im Norden.

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