Es ist ein absurdes Bild, das sich in vielen Innenstädten bietet: Burgerläden, Dönerbuden und Pizzerien reihen sich aneinander. Und in den meisten Supermärkten sieht es nicht besser aus. Die Tiefkühlpizza ist oft billiger als ein frischer Salat, die Limo günstiger als Mineralwasser. Wer wenig Geld hat, greift zwangsläufig zu dem, was satt macht und günstig ist – gesund ist das selten.
Genau hier liegt ein blinder Fleck der aktuellen Reformdebatte im Gesundheitssystem. Eine Expertenkommission hat Dutzende Vorschläge vorgelegt, um die explodierenden Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung zu bremsen. Darunter: höhere Steuern auf Tabak und Alkohol sowie eine neue Abgabe auf zuckerhaltige Getränke. Mindestens 2 Mrd. Euro zusätzlich soll das pro Jahr bringen. Das ist ein Anfang. Aber es reicht nicht.

Prävention Wie sinnvoll ist eine Zuckersteuer?
Schlechte Ernährung kostet die Kassen Milliarden
Denn wenn der Staat ernsthaft gegensteuern will, muss er konsequent sein. Dann gehört auch eine Abgabe auf besonders ungesunde, stark verarbeitete Lebensmittel auf den Tisch. Eine Art Fast-Food-Steuer. Die Logik dahinter ist simpel und längst anerkannt: Wer raucht oder viel Alkohol trinkt, erhöht sein Risiko für Krankheiten und belastet damit langfristig die Solidargemeinschaft. Deshalb werden Zigaretten und Alkohol höher besteuert. Für schlechte Ernährung gilt nichts anderes. Auch sie hat messbare Folgen für die Gesundheit.
Wie gravierend diese sind, zeigt eine Auswertung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Demnach haben Menschen, die viele stark verarbeitete Lebensmittel konsumieren, ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Grundlage ist eine Analyse von 37 Studien. Genau solche Produkte machen einen großen Teil unserer Ernährung aus. Schon heute stammt laut DGE etwa die Hälfte der täglichen Kalorienaufnahme in Deutschland aus stark verarbeiteten Lebensmitteln – etwa Fertiggerichten, Snacks oder Süßwaren.
Auch die finanziellen Folgen sind enorm. Ungesunde Ernährungsgewohnheiten verursachen laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) jährlich direkte Gesundheitskosten von geschätzt rund 17 Mrd. Euro. Bezieht man langfristige Folge- und Begleiterkrankungen wie Adipositas (Übergewicht) mit ein, sollen sich die jährlichen direkten Kosten sogar auf knapp 30 Mrd. Euro belaufen. Berufliche Ausfälle etwa durch Krankheit oder Frühverrentung sind da noch nicht einmal eingerechnet. Geld, das am Ende alle Versicherten über steigende Beiträge bezahlen.
Und genau diese Beiträge drohen weiter zu steigen. Schon jetzt liegt der Zusatzbeitrag bei vielen Kassen nahe der Drei-Prozent-Marke, Tendenz steigend. Für die kommenden Jahre erwarten Experten ein Loch von bis zu 40 Mrd. Euro. Die Politik steht unter Druck, gegenzusteuern.
Gesundheitsreform: Obst und Gemüse günstiger machen
Eine klug ausgestaltete Fast-Food-Steuer könnte genau das leisten. Ungesunde Lebensmittel würden teurer, gesündere Alternativen im Vergleich attraktiver. Gleichzeitig könnten die Einnahmen genutzt werden, um etwa die Preise für Obst, Gemüse oder andere frische Lebensmittel gezielt zu reduzieren. Das würde besonders Haushalten mit geringem Einkommen helfen, die heute oft aus Kostengründen zu Fertigprodukten greifen.
Natürlich wird es Widerstand geben. Die Lebensmittelindustrie wird vor überbordender Bürokratie warnen, manche Politiker vor einem staatlichen Eingriff in die „Freiheit“ von Markt und Verbrauchern. Doch diese Argumente kennt man schon aus der Tabak- und Alkoholpolitik. Sie haben sich als vorgeschoben erwiesen. Teurere Zigaretten und Spirituosen sind gesellschaftlich längst akzeptiert und haben offenbar die gewünschte Lenkungswirkung erzielt. Seit Jahren geht der Tabak- und Alkoholkonsum in Deutschland zurück. Langsam zwar, aber immerhin.
Am Ende geht es bei der Reformdebatte im Gesundheitssystem auch um eine Frage der Fairness. Warum sollen Raucher und Alkoholtrinker stärker zur Kasse gebeten werden, während die gesundheitlichen Folgen schlechter Ernährung weitgehend unbeachtet bleiben? Wer die Krankenkassen entlasten will, darf diese Schieflage nicht länger ignorieren.
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