Fast drei Jahre hat Sony gewartet, bevor der Nachfolger der viel gelobten WF-1000XM5 auf den Markt kam. Und das Warten hat sich – zumindest in Teilen – gelohnt. Die WF-1000XM6 kosten 299 Euro und sind damit tatsächlich etwas günstiger als ihre Vorgänger. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Apples AirPods Pro 3 sind für 249 Euro zu haben. Warum sollte man also 50 Euro mehr ausgeben?

Sony verabschiedet sich beim WF-1000XM6 vom Hochglanzdesign der Vorgänger. Stattdessen setzt man auf eine matte Kunststoffoberfläche, die sich angenehm griffig anfühlt und keine lästigen Fingerabdrücke sammelt. Das Ladecase ist kantiger und größer als beim Vorgänger – klar symmetrisch gestaltet und stabil auf dem Schreibtisch, ohne zu kippeln. Uns gefällt diese nüchtern-präzise Designsprache. Allerdings: Wer das Case unterwegs in der Hosentasche transportiert, merkt schnell, dass es mit seinen ausgeprägten Kanten dicker aufträgt als das abgerundete Gehäuse der Vorgängergeneration.

Das Case der Sony WF-1000XM6 ist kantiger geworden

Die Earbuds selbst fallen ebenfalls relativ groß aus und stehen ein Stück weit aus der Ohrmuschel heraus. Wer kompaktere Ohrstöpsel sucht, wird anderswo besser bedient. Das ist kein Qualitätsmangel – aber eine Frage des persönlichen Geschmacks. Eine der auffälligsten Neuerungen ist der Verzicht auf klassische Silikon-Ohrstöpsel. Stattdessen liegen der WF-1000XM6 sogenannte Memory-Foam-Aufsätze bei. Diese dämmen Umgebungsgeräusche passiv bereits sehr effektiv, besser als Silikon-Pendants.

Der integrierte Passtest in der Smartphone-App hilft beim Auffinden der optimalen Größe. Ist das richtige Aufsatzpaar erst einmal gefunden, sitzen sie wirklich gut. Auch der Halt beim Sport ist ordentlich. Allerdings zieht Memory Foam Schmutz sichtbarer an als Silikon. Wer seine Kopfhörer täglich trägt, wird die Ohrstöpsel regelmäßig reinigen müssen.

Bei der Audioqualität liegt die eigentliche Stärke der WF-1000XM6 – und sie ist beeindruckend. Die räumliche Abbildung ist exzellent, und die Kopfhörer arbeiten so analytisch, wie man es von so teuren Geräten erwarten würde. Dabei klingen sie nicht kalt, sondern übertragen Bass und Beat sehr organisch und lebendig. Insgesamt sind sie detailreich und haben ein ausgewogenes Klangbild.

Wer den Klang noch weiter personalisieren möchte, findet in der App einen vollwertigen Equalizer mit einigen Voreinstellungen. Zusätzlich unterstützen die WF-1000XM6 360-Grad-Audio sowie Hi-Res Audio Wireless. Besonders interessant ist der Hörmodus „Hintergrundmusik“: Wer sich konzentrieren möchte, ohne völlig abgeschnitten zu sein, erhält hier eine Art akustischen Fokus-Modus – Musik läuft auch räumlich leise im Hintergrund und lenkt so auch nicht von der Arbeit ab. Ein Feature, das in dieser Form kaum ein Konkurrenzprodukt bietet.

Die aktive Geräuschunterdrückung gehört traditionell zu Sonys Stärken. Starke Umgebungsgeräusche wie Straßenlärm werden auch von den WF-1000XM6 nahezu vollständig ausgeblendet. Doch im Test mussten wir feststellen, dass die Wirkung nicht an die AirPod-Konkurrenz von Apple herankommt. Für die große Mehrheit der Nutzer wird der Unterschied im Alltag kaum spürbar sein.

Der Transparenzmodus – also die Funktion, Umgebungsgeräusche gezielt durchzulassen – erfüllt seinen Zweck solide. Stimmen bleiben gut verständlich, und wer kurz mit jemandem sprechen möchte, muss die Kopfhörer nicht herausnehmen. In sehr ruhiger Umgebung ist jedoch ein leichtes Grundrauschen wahrnehmbar. Vor allem im Direktvergleich mit den AirPods Pro 3 fällt auf, dass Apple Umgebungsgeräusche noch transparenter und natürlicher klingen lässt – fast so, als trüge man gar keine Kopfhörer. So weit kommt Sony nicht ganz.

Touch ist störanfällig

Die Touchbedienung auf den Ohrhörern funktioniert zuverlässig – allerdings manchmal zu zuverlässig: Wer die Kopfhörer einsetzt oder kurz ans Ohr fasst, löst schnell unbeabsichtigt Aktionen aus. Eine physische Taste oder ein Druckmechanismus wäre hier die angenehmere Lösung. Das ist ein bekanntes Problem bei Touch-Earbuds, das Sony noch nicht vollständig gelöst hat.

Die Sound-Connect-App hingegen ist ein Highlight – nicht wegen ihrer optischen Gestaltung, die eher nüchtern und schriftlastig daherkommt, sondern wegen des enormen Funktionsumfangs, den kaum ein anderer Hersteller in dieser Form bietet. Die Navigation durch all diese Funktionen erfordert aber Eingewöhnung. Wer klare, schlanke Interfaces bevorzugt, wird sich anfangs fremd fühlen.

Zwei smarte Funktionen stechen dabei besonders heraus: Speak-to-Chat erkennt automatisch, wenn der Träger zu sprechen beginnt, pausiert die Musik und aktiviert den Transparenzmodus – ganz ohne Knopfdruck. Praktisch an der Supermarktkasse oder im Büroflur. Nach dem Gespräch schaltet der Kopfhörer nach einigen Sekunden selbstständig zurück.

Auracast wiederum ermöglicht es, Audio öffentlich zu streamen oder zu empfangen – etwa wenn ein kompatibler Fernseher oder eine Konferenzanlage Ton per Bluetooth-Broadcast aussendet und man sich einfach einklinkt. Das ist Zukunftstechnologie, die in der Praxis noch selten anzutreffen ist, aber perspektivisch spannend bleibt. Hinzu kommen Multipoint für die gleichzeitige Verbindung mit zwei Geräten sowie Kopfgesten zum Annehmen und Ablehnen von Anrufen – ein kleines, aber im Alltag überraschend nützliches Feature, das Konkurrenten meist fehlt. Ein kurzes Nicken reicht, um einen Anruf anzunehmen. Wer das einmal benutzt hat, möchte es nicht mehr missen.

Mit aktivierter Geräuschunterdrückung halten die Earbuds bis zu acht Stunden durch, ohne ANC sogar bis zu zwölf. Mit dem Ladecase kommt man insgesamt auf 24 Stunden. Dazu gibt es eine praktische Schnellladefunktion: Fünf Minuten Laden entsprechen 60 Minuten Wiedergabe. Das Ladecase unterstützt neben USB-C auch kabelloses Laden. Beim Schutz gegen Nässe und Staub gibt es allerdings Abstriche. Die WF-1000XM6 sind lediglich nach IPX4 zertifiziert – Spritzwasserschutz in Basisausführung. Ein Regenschauer ist kein Problem, ein Eintauchen in die Pfütze schon.

Fazit: Die Sony WF-1000XM6 sind in ihrer Kernkompetenz – dem Klang – schlicht exzellent. Wer Musik liebt und bereit ist, 300 Euro zu investieren, bekommt einen der besten Klangeindrücke, den True-Wireless-In-Ears derzeit bieten können. Das ANC ist stark, wenn auch nicht führend. Der Funktionsumfang ist groß, Extras wie Speak-to-Chat, Kopfgesten und der Fokus-Hörmodus finden man woanders oft vergeblich. Doch es gibt Einschränkungen, die man kennen sollte: Der Transparenzmodus könnte natürlicher sein, die Touch-Steuerung ist fehleranfällig, das Case etwas groß. Auch der Preis von 299 Euro ist eine echte Ansage. Wer aber Android nutzt, audiophilen Anspruch hat und den maximalen Funktionsumfang schätzt, wird mit den WF-1000XM6 glücklich werden. Für Apple-Nutzer lohnt sich der Vergleich mit den AirPods Pro 3 vor dem Kauf umso mehr.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit „Business Insider Deutschland“.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

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